Fußballeuphorie an der Küste

1d24fec8c28c74f9_640_fußballVon der Belgieninfo-Sportredaktion.

Die Erstliga-Abenteuer von KV Oostende sind an einer Hand abzuzählen. Nur selten hat der 1981 aus der Fusion von AS Oostende und VG Oostende entstandene Küstenclub auf höchstem Niveau von sich Reden gemacht. Seit drei Jahren ist das anders. Im Schatten der Appartmenthäuser hinter dem Nordseestrand arbeitet die Elf von Trainer Yves Vanderhaeghe gerade an einem kleinen Fußballwunder. Vater des Erfolges ist kein geringerer als Marc Coucke. Er hat es geschafft, den einstigen Provinzklub zu professionalisieren und in Oostende eine Welle der Begeisterung loszutreten.

16. August 2015, ein sonniger Sommertag an der Küste. In Oostende tummeln sich die Urlauber am Strand – vielleicht unwissend, dass sich 200 Meter dahinter gerade ein kleines Fußballwunder ereignet. KV Oostende, bis vor wenigen Jahren ein unbeachteter Provinzklub, hat hier gerade Fußballgeschichte geschrieben. Das „Weireldploegske“ (Weltklübchen) von Mäzen Marc Coucke hat soeben den großen RSC Anderlecht mit 3:1 aus dem heimischen Albertparkstadion nach Hause geschickt und sich damit den Tabellenplatz gesichert, den normalerweise der Rekordmeister aus Brüssel beansprucht: die Nummer Eins!

Dass KVO in der Saison 2015/16 nicht mehr zu den Abstiegskandidaten zählen würde, war in Expertenkreisen ziemlich klar. Und doch werden sich viele nach dem vierten Spieltag in der Jupiler ProLeage beim Anblick der Tabelle die Augen reiben. KVO auf Platz Eins? Wie kann das denn sein? Das Geheimnis des Erfolges einzig Marc Coucke und seinen Investitionen zuzuschreiben, wäre zu einfach. Coucke, der vorgibt, von Kindesbeinen an KVO-Fan gewesen zu sein, verkauft seine Leidenschaft für die Rot-Gelb-Grünen auf eine sympathische Art und Weise und mit einer gewissen kindlichen Begeisterung. Sein Engagement für den Club von der Küste wirkt authentisch, ja herzlich. Das alleine reicht natürlich nicht, um im Profifußball erfolgreich zu sein – auch nicht in Belgien.

Der studierte Pharmazeut und Wirtschaftswissenschaftler ist im Bereich des Sportsponsoring nicht unerfahren. Auch im Radsport hat er mit den Teams Omega Pharma-Quick Step und Etixx Quick Step Erfolge feiern können – zuletzt noch einen Tagessieg des Deutschen Radprofis Tony Martin bei der Tour de France 2015. Ebenso wie beim Radsport wirkt Couckes‘ Engagement bei KV Oostende als eine Art Hobby, oder als persönliche Herzensangelegenheit. Die Gesangseinlage von Coucke, der zusammen mit Steve Tielens einen von fragwürdiger musikalischen Qualität geprägten aber erfolgreichen Song „Het is weer Couckenbak“ komponiert hat, ist inzwischen sogar so etwas wie die inoffizielle Hymne von KV Oostende geworden. Identitätsstiftend sind auch die Postkarten, die in der Stadt in jeder zweiten Kneipe ausliegen. Sie bringen Farbe in den nicht mehr allzu rosigen Alltag der Bewohner.

Seit Jahren kämpft die größte Stadt an der Küste mit Strukturproblemen: Überalterung, Braindrain und Arbeitslosigkeit haben sich dort breitgemacht. Seit der Einstellung des Fährverkehrs mit England hat die Königin der Badeorte auch ihren Ruf als „Most British Town of Europe“ eingebüßt. Obwohl immer noch Abertausende an heißen Sommertagen den Weg an den breiten Sandstrand hier finden, haben Städte wie Knokke und Nieuwpoort Oostende längst den Rang abgelaufen, wenn es um die Popularität bei zahlungskräftigem Publikum geht. Eine Imagepolitur kommt der abgetakelten Küstendiva also gerade sehr gelegen.

Oostende ist nun auch auf der belgischen Fußball-Landkarte zu einer Landmarke geworden. Selbst in der Küstenstraßenbahnn, deren Trasse das Stadion von der Strandpromenade trennt, hört man nun häufiger: „Guck mal, das muss das Stadion von KV Oostende sein!“ Das eigentlich verraten nur die Flutlichtmasten, denn die Tribünen sind kaum von nennenswerter Höhe. „Legosteine“ nennt Coucke sie liebevoll, weil keine der anderen gleicht und alle wie Stückwerk aneinander gebaut sind. Anders als anderswo ist in Oostende die Mannschaft nicht mit dem Stadion gewachsen, sondern das Stadion mit dem Erfolg der Mannschaft. Hier wird nicht an einem Luftschloss in Form eines modernen Fußballtempels gebaut, sondern an einer soliden Zukunft. Und diese liegt im Fußball noch immer in den „Füßen“ der Mannschaft. Der gewiefte Geschäftsmann Coucke hat das verstanden und erntet zusammen mit seinem Team langsam aber stetig immer mehr Früchte. Als Dankeschön an die Mannschaft und Fans gibt es demnächst eine neue Haupttribüne. Das Fußballmärchen der Kustboys wird dann weitergeschrieben. Langsam aber sicher.

Foto: (c) OpenClipartVectors (Pixabay)

Tags: Fußball

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