Flandern und Katalonien

catalaVon Marion Schmitz-Reiners.

Zahlreiche Katalanen haben sich bei der Regionalwahl vom vergangenen Sonntag mehr oder weniger direkt für die Abspaltung ihrer Heimatregion von Spanien ausgesprochen. Die Euphorie ist nach Flandern geschwappt. Der flämische Ministerpräsident Geert Bourgeois von der flämisch-nationalistischen Partei N-VA und sein Parteivorsitzender Bart De Wever beeilten sich, der spaltungswilligen katalanischen Partei Junts pel Si (Zusammen für das Ja) ihre Glückwünsche zu übermitteln. Die Äpfel gratulierten den Birnen.

Was die beiden N-VA-Politiker offensichtlich nicht sehen wollen, ist die Tatsache, dass man die Situation Kataloniens nicht mit der Flanderns vergleichen kann. Wenn sich Katalonien von Spanien abspalten würde (ob das überhaupt möglich ist, steht weiter dahin), dann bliebe immer noch ein recht großes Spanien übrig. Wenn Flandern sich von Belgien abspaltete, wäre es vorbei mit dem Königreich. Oder es bliebe ein winziges Rest-Belgien übrig.

In der Europäischen Union gibt es seit der Klärung der Situation in Schottland noch vier separationswillige Regionen: Norditalien, Südtirol, Katalonien und Flandern. Eine Parallele zwischen den vier Regionen ist, dass es sich um relativ reiche Gebiete handelt, die wenig Lust verspüren, weiterhin die ärmeren Gebiete des Mutterlandes finanziell zu unterstützen. Aber es gibt auch einen entscheidenden Unterschied zwischen einerseits Norditalien, Südtirol und Katalonien und andererseits Flandern: Der nördliche belgische Teilstaat macht qua Fläche mehr als die Hälfte Belgiens aus und dort wohnen weit mehr Menschen als in der Wallonie.

Katalonien hat – um beim aktuellen Fall zu bleiben – 7,5 Millionen Einwohner, Spanien 46,4 Millionen. Spanien als Staat würde einen eventuellen Verlust Kataloniens überleben. Flandern jedoch hat sechs Millionen, die Wallonie und Brüssel haben fünf Millionen Einwohner, die nicht gerade auf Rosen gebettet sind. Belgien ist also mit völlig anderen Gegebenheiten konfrontiert als Spanien: Nicht das kleine, reiche Brüderchen hat die Nase voll von den älteren (und ärmeren) Geschwistern, der große, reiche Bruder will das kleine, arme Brüderchen loswerden.

Im Fall Flanderns kann man nicht von „Abspaltung“ reden. Es geht vielmehr um das Abstoßen eines kleineren Teilstaats. „Die Katalanen haben ein deutliches Signal gegeben“, frohlockte Geert Bourgeois in eine Pressemitteilung. „Ich gratuliere meinem Kollegen Artur Mas (dem katalanischen Ministerpräsidenten, d.Red.) zum Wahlsieg und freue mich auf eine enge Zusammenarbeit zwischen Flandern und Katalonien.“ Und Bart De Wever verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, dass die spanische und katalanische Regierung „ohne Tabus“ die Zukunft in Angriff nehmen. Eine deutliche Anspielung auf Belgien.

Der Wahlsieg der katalanischen Separatisten ist Wasser auf die Mühlen der N-VA. Nur drehen sich die Mühlen in Flandern etwas anders als in Spanien.

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