Flaggen, Wappen, Hymnen. Symbole im belgischen Föderalismus

Löwen, Hähne, Lungenenzian und Iris schmücken die Flaggen der belgischen Regionen und Gemeinschaften. Jeder will sich vom anderen unterscheiden, auch in der lokalen Geschichtsschreibung, die viele Vorgänge schönt und gelegentlich falsch darstellt. In der aktuellen politischen Krise Belgiens ist es oft hilfreich zu wissen, wie sich Flandern, die Wallonie, die Deutschsprachige Gemeinschaft und Brüssel selbst verstehen und in ihrer Staatssymbolik darstellen. 

Die Flamen waren die ersten unter den belgischen Sprach- und Kulturgemeinschaften, die ein voll entwickeltes Set an gliedstaatlicher Symbolik verabschiedet haben. Recht bald nach dem Beginn der ersten Staatsreform, genauer im Jahr 1973, hat man sich im nördlichen Landesteil auf ein Wappen, einen Festtag und eine Hymne geeinigt. Seitdem verwenden die Flamen in ihrem Wappen einen schwarzen Löwen mit roter Zunge und roten Klauen auf gelbem Hintergrund. Mit der Aufnahme der Löwenfigur hat man sich an das Wappen der Grafschaft Flandern angelehnt, die neben dem Herzogtum Brabant ebenfalls seit dem Mittelalter eine große Bedeutung in der belgischen Geschichte besessen hat. Seit dem 19. Jahrhundert ist diese Figur auch regelmäßig in der Ikonographie der Flämischen Bewegung aufgetaucht, und mit dem erfolgreichen Roman De Leeuw van Vlaenderen (1838) des Schriftstellers Hendrik Conscience war die Kanonisierung des Löwen als flämisches Wappentier zu einer unumstößlichen Tatsache geworden.

De Vlaamse Leeuw

Im Mittelpunkt von Consciences Roman steht die Schlacht der Goldenen Sporen, in der die damalige Grafschaft Flandern am 11. Juli 1302 in der Nähe von Kortrijk erfolgreich gegen Herrschaftsansprüche des französischen Königs verteidigt werden konnte. Es ist denn auch der 11. Juli, der seit 1973 der offizielle Festtag der Flämischen Gemeinschaft ist. In der Hymne der niederländischsprachigen Belgier taucht erneut die Figur des Löwen auf: De Vlaamse Leeuw. Hierin wird das stolze flämische Wappentier mit den folgenden markanten Zeilen bedacht: „Man wird ihn nicht bezwingen, solange ein Flame lebt, / solange der Löwe kratzen kann, solange er Zähne hat.“

Die französischsprachigen Belgier haben sich bei ihrer Flagge und ihrem Wappen für einen roten Hahn auf gelbem Hintergrund entschieden; dabei greifen die Französische Gemeinschaft und die Wallonische Region auf Vorlagen zurück, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg entwickelt worden waren. Der Hahn soll an den gallischen Hahn gemahnen und auf diese Weise die Verbundenheit der frankophonen Belgier mit der französischen Kultur zum Ausdruck bringen. Die Wahl der Farben Rot und Gelb sind diejenigen des Fürstbistums Lüttich, das bis zur Französischen Revolution einen großen Teil des wallonischen Gebietes eingenommen hatte.

Die französischsprachigen Belgier

Mit dem Festtag am letzten Sonntag des September spielen die französischsprachigen Belgier auf jene vier Tage an, die für die Belgische Revolution wichtig gewesen waren, seit 1880 jedoch nicht mehr als Nationalfeiertag des Königreichs Belgien galten. Mit dem Hinweis auf die Belgische Revolution soll bei diesem Festtag einerseits betont werden, dass die Einheit des Königreichs Belgien für die frankophone Bevölkerung nicht zur Disposition steht. Andererseits wird damit die schon vor dem Ersten Weltkrieg aufgestellte These unterstrichen, dass es die französischsprachigen Bewohner des Landes aus Wallonien wie auch aus der Hauptstadt Brüssel gewesen seien, die in der Belgischen Revolution wesentlich mehr zur Erlangung der staatlichen Unabhängigkeit beigetragen hätten als die Flamen.

Historisch betrachtet ist diese These ebenso unhaltbar wie die Behauptung der Flamen, dass ihr Gemeinschaftsfesttag des 11. Juli mit der Erinnerung an die Schlacht der Goldenen Sporen ein geschichtliches Paradebeispiel für die Einigkeit des flämischen Volkes gewesen sei – hatten doch 1302 auf dem Schlachtfeld von Kortrijk Flamen gegen Flamen gekämpft, und obendrein hatte jene Koalition, die schließlich den Sieg über den französischen König davongetragen hatte, nicht nur aus Flamen bestanden, sondern unter anderem auch Soldaten aus dem französischsprachigen Namur umfasst!

Derartige Geschichtsmythen stellen weder für die frankophonen Belgier aus Wallonien oder Brüssel noch für die Flamen ein Hindernis dar, um mit Anleihen bei der Geschichte in ihren jeweiligen Gliedstaaten einen Feiertag zu begehen. Nicht frei von idealisierenden Zügen ist auch die Hymne der französischsprachigen Belgier, deren Text und Melodie während der Hochindustrialisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden sind. In Le Chant des Wallons werden Gründe aufgezählt, warum die frankophone Bevölkerung des Landes stolz sein könne auf ihre Heimat. Dass die dabei erwähnte Industrie in den sechziger Jahren in eine schwere Strukturkrise geraten ist und sich hiervon bis auf den heutigen Tag wirtschaftlich nicht entscheidend hat erholen können, könnte man entweder als einen Anachronismus oder als nostalgische Reminiszenz an bessere Zeiten interpretieren.

Die Deutschsprachige Gemeinschaft

Die Deutschsprachige Gemeinschaft verwendet seit 1990 einen roten Löwen auf silbernem Hintergrund als Wappen. Der Löwe geht zurück auf die Wappentiere der Grafschaft Limburg und des Herzogtums Luxemburg, zu denen ein großer Teil des Gebietes der heutigen Deutschsprachigen Gemeinschaft seit dem Mittelalter gehört hatte. Der rote Löwe ist umgeben von neun fünfblättrigen Blumen in blauer Farbe, die in stilisierter Form den im Venngebiet verbreiteten Lungenenzian (Gentiana pneumonanthe) darstellen und für die neun deutschsprachigen Gemeinden des kleinsten belgischen Gliedstaates stehen. Überdacht wird das Wappen von einer Königskrone. Ähnlich gestaltet wie das Wappen ist die Fahne der Deutschsprachigen Gemeinschaft – mit dem Unterschied, dass der Hintergrund weiß anstelle von silbern gehalten ist; außerdem fehlt hier die Krone.

Der Festtag der Deutschsprachigen Gemeinschaft ist der 15. November, der zugleich der so genannte Königstag des belgischen Nationalstaates ist. Mit der Entscheidung für diesen Tag bezieht sich die kleinste der belgischen Gemeinschaften auf jenen Tag, der im Festkalender der katholischen Kirche für den Heiligen Leopold, den Namenspatron des ersten belgischen Königs und zwei seiner Nachfolger, vorgesehen ist. Auf diese Weise unterstreicht die Deutschsprachige Gemeinschaft ihre Verbundenheit mit dem Königshaus, ja mit dem Königreich Belgien in seiner Gesamtheit. Die Farben der Deutschsprachigen Gemeinschaft schließlich sind Weiß und Rot in waagerechter Stellung.

Eine gelbe Iris auf blauem Grund

Die zweisprachige Stadt Brüssel, die im Zuge der Föderalisierung des Landes zu einer der drei Regionen des Königreichs Belgien wurde, hat sich 1991 für eine gelbe Iris auf blauem Grund als gliedstaatliches Emblem entschieden. Die Entscheidung für diese Blume, die auch das Wappen von Brüssel ziert, stellt eine Art von Kompromiss dar zwischen unterschiedlichsten Vorschlägen wie der Einbeziehung eines Symbols der europäischen Einigung, der Aufnahme des flämischen Löwen und des wallonischen Hahns oder der Darstellung des traditionellen Stadtpatrons in Form des Erzengels Michael.

Dass man schließlich die Iris gewählt hat, hängt nicht nur damit zusammen, dass diese Pflanze jahrhundertelang zur Vegetation der Gegend von Brüssel gehörte, sondern liegt auch darin begründet, dass die Iris bereits zur Zeit der Gründung der Stadt Brüssel als „Bruocsella“ im 10. Jahrhundert als Herrschaftssymbol nachweisbar ist. Die Blütezeit der Iris bestimmt auch den Zeitpunkt, an dem die Brüsseler Region ihren Festtag begeht: Seit 2003 findet stets am 8. Mai die Fête de l’Iris/Feest van de Iris statt.

Die nationalen und subnationalen Symbole, Hymnen und Feiertage schließen sich nicht gegenseitig aus. In ihrem Nebeneinander reflektieren sie sichtbar und hörbar die vielfältige politische Struktur, für die das Königreich Belgien bekannt ist.

Prof. Dr. Johannes Koll ist Professor an der Universität Wien und Autor mehrerer Bücher über Belgien.

Eine Vorstellung des Buches findet am 11. September 2007 um 18.30 Uhr in der Vertretung der Deutschsprachigen Gemeinschaft, Rue Jacques Jordaens/Jakob Jordaensstraat 34 in 1000 Brüssel statt.

Von Johannes Koll

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