Fast alle Jahre wieder

 

Von Rainer Lütkehus.

Weihnachtsmänner haben es im katholischen Belgien nicht leicht: Für Heiligabend braucht man sie nicht. Deshalb ist es drei oder vier Mal in meiner über 35-jährigen Karriere als Weihnachstmann vorgekommem, dass ich diesen Job nicht ausüben konnte, wenn ich an Weihnachten in Brüssel blieb. Dieses Jahr bleibe ich in Brüssel und habe immerhin einen Auftrag – von einer in Brüssel lebenden Familie aus Berlin.

Alles fing 1980 in Hamburg an, wo ich herkomme und wo ich damals im sechsten Semester Volkswirtschaft studierte und einen Job suchte. Das Arbeitsamt Hamburg hatte damals eine Unterabteilung für die Vermittlung von Studententätigkeiten, untergebracht im alten Hauptgebäude der Uni.  Zur Weihnachtszeit wurden Studenten gesucht, die als Weihnachtsmänner in Einkaufzentren, bei Betriebsfeiern, in Kindergärten und am Heiligabend bei Familien auftraten. Man musste sich ein Weihnachtsmannkostüm beschaffen, einen Bart, einen Ersatzbart für den Notfall, einen Jute-Sack für die Geschenke und ein Himmelsbuch für die Besuche bei den Familien am Heiligabend anlegen. Die Studenten-Arbeitsvermittlung besorgte einem für Heiligabend die Aufträge für einen bestimmten Bezirk, sodass die Tour nicht zu weit war und man an die zehn Familien innerhalb von vier Stunden, d.h. von ca. 16 Uhr bis 20 Uhr besuchen konnte. Das Honorar, damals 35 bis 40 Mark pro Auftritt, legte das Arbeitsamt fest. Bezahlt wurde man in bar und an einem Heiligabend kamen so um die 400 Mark zusammen – viel Geld damals für vier Stunden Arbeit. Ein Auto brauchte man aber schon und die Tour, d.h. die Reihenfolge der Besuche, musste man selbst organisieren.

http://www.belgieninfo.net/wp-content/uploads/2015/12/20151210_Quirit_0-e1449743923921.jpgDie guten Zeiten sind vorbei

Die guten Zeiten mit dem Arbeitsamt sind vorbei, seitdem die Weihnachtsmannvermittlung privaten Agenturen überlassen wurde. Für so eine arbeitete ich vor zwei Jahren in Hamburg. Für zwei Aufträge bekam ich insgesamt 105 Euro gegen Rechnung und musste dafür weite Entfernungen hinnehmen. Von den Kunden forderte die Agentur das Doppelte, weshalb wohl auch die Nachfrage nach Weihnachtsmännern so stark gesunken ist. Es lohnt heute nur noch, sich um die Aufträge selbst zu kümmern. Aber das ist mühsam

Das goldene Himmelsbuch habe und benutze ich noch.Es ist so gut wie voll: Hier ein Eintrag zu einem Kind vom Heiligabend 1980: „Malte (4), geht in den Kindergarten, Kindergärtnerin heißt Frau Brinkmann, soll artiger zu Omi Kahler sein, will nicht früh ins Bett und räumt sein Zimmer nicht auf, hilft aber der Mutti beim Tischdecken und putzt seine Schuhe, wird ein Gedicht aufsagen, die Geschenke sind im Kofferraum der Garage, Garagentür offen, rotes Backstein- Einfamilienhaus, Wunschzeit 17 Uhr, früher geht nicht, weil die Familie vorher in der Weihnachtsmesse, einmal klingeln, Rute mitbringen!“

4 Jahre war der Malte damals, heute mit 41 Jahren dürfte er Kinder im Alter von 10 Jahren haben. Ob er wohl jemals einen Weihnachtsmann bestellt hat wie seine Eltern damals? Ich könnte noch viele weitere Eintragungen aus meinem Himmelsbuch zitieren, aber sie sind eigentlich alle ähnlich.

Fotos von mir als Weihnachtsmann gibt es viele. Aber selten schickten die Familien mir eins. So kann ich Ihnen, liebe Belgieninfo-Leser nur eins von früher präsentieren. Aber wie jung ich damals war, sieht man, glaube ich,  nicht.

Der Weihnachtsmann auf dem Fahrrad

Weil ich in Brüssel über kein Auto verfüge, sondern nur über ein Fahrrad, könnte ich hier sowieso nicht viele Aufträge annehmen. Ich werde mit meinem Fahrrad zu der bestellten Adresse fahren, alles Nötige (Kostüm, Bart, Jutesack, Himmelsbuch) im Rucksack. Umziehen tue ich mich im Treppenhaus. Es wird wie immer sein. Der Termin wurde vorher vereinbart, die Namen der Kinder rufe ich mir nochmal in Erinnering bevor ich klingle, denn meistens sind sie es, die aufmachen. Und die Kinder erwarten, dass der Weihnachtsmann sie persönlich kennt. Dann frage ich, wo der Weihnachtsbaum steht und wo ich mich setzen kann und rufe dann die Kinder einzeln zu mir.

Es macht mir Spaß, den Weihnachtsmann zu spielen. Wenn ich es einmal an Weihnachten nicht tun kann, fehlt mir etwas. Es ist so interessant zu sehen, wie andere feiern; ich hätte wohl eine Doktorarbeit darüber geschrieben, wenn ich Soziologie studiert hätte. Bei meinem eigenen Sohn, der heute 23 ist, habe ich es übrigens nie getan. Er hätte mich wiedererkannt. Vielleicht steigt er einmal in meine Fußstapfen und jobt als Weihnachtsmann so wie ich früher. Er ist ja Student. Im Kindergarten wollte er jedenfalls in das väterliche Gewerbe. Ich glaube, er ahnte damals etwas (siehe Foto). Aber die guten alten Zeiten für Weihnachtsmänner sind vorbei …

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