Europalia Türkei thematisiert Toleranz

59427Von Thomas A. Friedrich.

Historie trifft Aktualität. Das 25. Jubiläumsfestival „Europalia“ in Belgien berührt mit dem Gastland Türkei den Nerv der Zeit. Angesichts der aktuellen Migrationswelle mit Millionen von Menschen, die aus dem Orient in den Okzident streben, erfährt das Land am Bosporus als Bindeglied zwischen Europa und Asien eine dramatische Dimension. Die Türkei als Kreuzungspunkt der asiatischen und europäischen Kulturen und Religionen spiegelt, jenseits kriegerischer Auseinandersetzungen, über Jahrhunderte die einzigartigen fruchtbaren kulturellen Begegnungen wider.

Das Kunst-Festival „Europalia Türkei“ wartet über den Zeitraum von fast vier Monaten bis zum 31. Januar 2016 mit einem Dreiklang der Hauptausstellungen „Anatolia“, „Imagine Istanbul“ (beide im BOZAR, Brüssel) und „Istanbul – Antwerp, Port city talks“ im Museum aan de Strom (MAS, Antwerpen) auf.

„Chacun a sa place dans l´harmonie”

Das Land am Bosporus gilt seit dem imperialistischen ottomanischen Reich mit dem Streben, sich in Richtung Okzident auszudehnen, bis auf den heutigen Tag als „melting pot“. Was Istanbul als Kristallisationspunkt für das Ottomanische Reich darstellte, war im 17. Jahrhundert Constantinopel für die Byzantiner.

Byzanz schlug seinerzeit als Herz der Weltreligionen und der muslimischen Kultur viele europäische Künstler rund ums Mittelmeer in seinen Bann. So auch den rumänischen Komponisten Dimitrie Cantemir, der für Sultan Ahmed III (1703-1730) mit seinem Werk „Kitáb-ül ilm-il musiki“ (Das Buch der Musikwissenschaft) die Einflüsse der ottomanischen Trommeln und der Tambur am Hofe mit der trapezförmischen Zither aus der byzantischen Epoche sowie der Kaval-Flöte des Balkans und der Ney-Flöte des 3. Jahrtausend harmonisch zu dialogisieren wußte.

Der Katalane Jordi Savall ließ am Samstag, dem 24. Oktober, im großen Konzertsaal des Brüsseler Bozar die Klänge der osmanischen Musik mit armenischen, griechischen und sepharadisch-jüdischen Einflüssen zu einer Begeisterungswelle bei den zahlreichen Zuhörer anschwellen. Mit seinem berühmten zehnköpfigen Hesperion XXI-Ensemble, zusammengesetzt aus Musikern aus Armenien, Bulgarien, Griechenland, Russland, Spanien und der Türkei gelang ihm mit seinen Taksim-Interpretationen gleich zu Beginn des Europalia-Festivals ein musikalischer Höhepunkt. Er spannte einen künstlerischen Bogen zwischen der osmanischen Musik und den Straßenmusikanten unserer Tage, die auf dem gleichnamigen Taksim-Platz (Taksim Meydanı), dem zentralen Platz im europäischen Teil der türkischen Metropole Istanbul, heutzutage Besucher aus aller Welt zu faszinieren wissen.

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„Chacun a sa place dans l`harmonie“, stellte Jordi Savall seine interkulturelle Musiktruppe vor und wollte seinen Auftritt auch als hommage an die Opfer des jüngsten Terroranschlages in Ankara und als Mahnung gegenüber Gewalt in der Region verstanden wissen.

Im Spannungsfeld zwischen Transitland und EU-Beitritt

Der 74jährige Katalane Savall als Prix Leonie-Preisträger, der als Nobelpreis der Musik gilt, versteht sich zwar eher auf leise Töne, lässt aber auch aussagekräftige Zwischentöne anklingen. Die insgesamt 18 Ausstellungen, 82 Konzerte, 44 Perfomances und mehr als 100 Literatur-, Film- und Diskussionsforen im Rahmen des Europalia-Kunstfestivals Türkei intonieren  vor allem die Notation der harmonieträchtigen C-Dur-Tonleiter, im Spannungsfeld zwischen einer„Neuen Türkei“ und sozialen Traditionen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ließ es nicht nehmen, gemeinsam mit seiner Frau, im Rahmen der „Europalia Türkei“ Anfang Oktober in der EU-Hauptstadt höchstpersönlich die erste Hauptausstellung „Anatolia“ zu eröffnen und dem Königreich Belgien einen zweitägigen Staatsbesuch abzustatten.

Die EU buhlt derweil um die Türkei. Das Land ist ein wichtiger Transitstaat für Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa. Das Land am Bosporus soll die Durchleitung von weiteren Millionen Flüchtlingen auf eigenem Territorium in Richtung EU unterbinden und bei der Rückführung von in EU-Staaten nicht anerkannten Asylbewerbern behilflich sein. Ein entsprechender EU-Türkei Aktionsplan wird derzeit verhandelt.

Ein Festival ohne politische Dissonanzen

Mit Rücksicht auf diese Verhandlungen und die für den 1. November angesetzten Parlamentswahlen in der Türkei hält die EU-Kommission die Veröffentlichung des jährlichen Fortschrittsberichts zur Lage in den EU-Kandidatenländer zurück. Die Bilanz ist für die Türkei nicht schmeichelhaft. Im Entwurf, der BelgienInfo vorliegt heißt es, dass die Türkei „bedeutende Rückschritte auf dem Gebiet der Meinungs- und Versammlungsfreiheit“ zu verzeichnen habe. Ebenso wird die Kulturpolitik am Bosporus gegenüber Minderheiten kritisiert. Im Europalia-Festivalprogramm wird ein offener Diskurs hierüber ausgeblendet. Das Europalia Kunst-Festival Türkei wird von allen belgischen Regionen ebenso wie von der Deutschsprachigen Gemeinschaft, der belgischen Wirtschaft und maßgeblich vom Ministerium für Kultur und Tourismus der Republik Türkei unterstützt.

Alle Informationen über die Europalia Türkei auf http://europalia.eu/en/home/home_82.html

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