Europa hat jetzt eine „Große Synagoge“

Von Gerechten in der ‚Mitte der Stadt’

Europa_01Für die belgischen Juden war der 4. Juni ein ganz besonderer Tag. Die Brüsseler Hauptsynagoge in der Rue de la Régence wurde in Gegenwart von José Manuel Barroso zur „Großen Synagoge Europas“ ausgerufen. Die Umbenennung war eine Initiative der Europäischen Rabbinerkonferenz (Conference of European Rabbis), einer Dachorganisation orthodoxer Gemeinden.

 

Hat die Brüsseler Hauptsynagoge jetzt nur einen eindrucksvolleren Namen bekommen, oder gewinnt sie auch entsprechend an Einfluss? Darüber wurde während der Feierlichkeit kein Wort gesagt. Aber schön war die Zeremonie, bei der auch zahlreiche belgische Honoratioren und Würdenträger (wie Kardinal Godfried Danneels) zugegen waren, auf jeden Fall. Der Gesang des Antwerpener Kantors Benjamin Müller und seiner Söhne ging bis ins Mark.

 

Das Judentum „in der Mitte der Stadt“

 

Die Ansprachen der Oberrabiner Albert Guigui (Brüssel) und Jonathan Sachs (Großbritannien) betonten die Schicksalsverwobenheit von Europäern und Juden. In seiner Ansprache bezeichnete José Manuel Barroso die Juden sogar als die „Vorläufer“ Europas. Rabbiner Jonathan Sacks wies auf die wundervolle Tatsache hin, dass die jüdischen Gemeinden, auch nach der Shoah, eine Zukunft für Juden in Europa für möglich gehalten hatten.

 

Europa_02„Sie kämpften gegen die Verzweiflung. Sie blieben nicht im Bann des Traumas der Vergangenheit. Stattdessen blickten sie in die Zukunft, entschlossen wenigstens einen Bruchteil dessen, was zerstört worden war, wiederzuerrichten.“

 

Sehr beeindruckend war auch das Bekenntnis zur Weltoffenheit, das Jonathan Sacks zum Ausdruck brachte. In einem Kommentar zu dem Bibelvers, in dem Abraham Gott bat, Sodom zu sparen, wenn es wenigstens fünfzig Gerechte in ‚der Mitte dieser Stadt’ gäbe (Gen. 18, 24) sagte Sacks: „Samson Raphaël Hirsch stellte die auf der Hand liegende Frage: Warum sprach Abraham von Gerechten in der ‚Mitte der Stadt’ (be-toch ha-ir)? Seine Antwort, beredt in ihrer Einfachheit, lautete, dass es einen Unterschiede gäbe zwischen jemandem, der einfach gerecht sei, und einem, der es ‚in der Mitte der Stadt’ sei. Jemand, der in seinem Privatleben gerecht ist, rettet sich selbst. Doch jemand, der es in der ‚Mitte der Stadt’ ist, der zu deren öffentlichen Leben, deren Kultur, deren Akademien, deren Wirtschaft, Künste und Wissenschaften beiträgt, rettet nicht nur sich selbst, sondern erhebt auch die anderen.“

 

Vollendete Tatsachen

 

Die Einladungen waren erst zwei Wochen im Voraus verschickt worden. Warum musste die Umbenennung zur „großen Synagoge Europas“ geradezu über Nacht erfolgen? Die Erklärung dafür dürfte in den Wandelgängen der Europäischen Kommission gesucht werden.

 

Europa_03Für José Manuel Barroso kann die Europäische Einheit nicht vollends realisiert werden, wenn nicht auch die Religionen Europas in einen interreligiösen Dialog einbezogen werden. Die Frage allerdings ist, wer für die jeweilige Religion der repräsentativste Ansprechpartner sei. Im Katholizismus ist das der Papst. Im Judentum wird man vergeblich nach einer solchen Autorität suchen.

 

In den Wartezimmern der Europäischen Kommission antichambrieren schon seit einigen Jahren zwei Dachverbände um das Statut des Ansprechpartners: die eher gemäßigte orthodoxe Europäische Rabbinerkonferenz und das ultraorthodoxe Rabbinical Center of Europe, das von Chabad Lubavitsch geprägt ist. Hinzu kommt die starke Verbreitung des Reformjudentums in Europa, das auf Weltebene (mit Schwerpunkt in den USA) weitaus die größte jüdische Gemeinschaft darstellt. In Großbritannien, den Niederlanden und auch in Frankreich ist es fest etabliert. Seit einigen Jahren erfreut es sich auch in Deutschland und Italien großen Zuwachses. Die Brüsseler Reformgemeinde sorgt wegen der Kontroversen, die sie auslöst, regelmäßig für Schlagzeilen. Seitdem sie von einer Rabbinerin geleitet wird, steht sie im Rampenlicht der Medien.

 

Die aus heiterem Himmel hinabsteigende „Große Synagoge Europas“ hat jetzt vollendete Tatsachen geschaffen. Die Gegenwart José Manuel Barrosos, der auch die Einweihungsurkunde mit unterzeichnet hat, lässt außerdem ahnen, dass die Europäische Rabbinerkonferenz auf bestem Wege ist, der exklusive Ansprechpartner der Europäischen Kommission zu werden.

 

Ob jene Gemeinden und Gruppierungen, die durch eine orthodoxe Vertretung ihrer ‚Interessen’ politisch mundtot gemacht werden, es dabei bewenden lassen werden, wird die Zukunft zeigen. Manche Gratulation unter Vorbehalt ist inzwischen schon abgegangen.

 

Von  Raphael Scheibler

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