„Es gibt keinen Grund, überheblich zu sein“

Von Heide Newson.

Martin Kotthaus ist zum zweiten Mal in Belgien. Der gebürtige Burscheider, Jahrgang 1962, war zwischen 2005 und 2011 Leiter der Presseabteilung bei der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik bei der EU, bevor er in das Bundesfinanzministerium nach Berlin wechselte. Zuletzt war er viereinhalb Jahre Leiter der Europaabteilung des Auswärtigen Amts.

Seit dem 25. September sind Sie offiziell Deutschlands neuer bilateraler Botschafter im Königreich Belgien. Was war Ihre erste Amtshandlung?

Wie für jeden neuen Botschafter in Brüssel üblich, war auch meine erste Amtshandlung die Übergabe meines Akkreditierungsschreibens, also der Nachweis, dass ich der Botschafter für die Bundesrepublik beim Königreich Belgien bin, an S.E. König Philippe. Seitdem standen viele Besuche bei den belgischen Partnern, aber auch bei anderen in Belgien akkreditierten Botschaftern an, wie auch Kultur- und Wirtschaftstermine. Zudem hatte ich die Gelegenheit, an Gedenkveranstaltungen zum Ende des Ersten Weltkriegs teilzunehmen, zusammen mit der französischen Botschafterin, der britischen Botschaft und der Vizebürgermeisterin von Charleroi, sowie belgischen, französischen, britischen und deutschen Schülern.

Wie viel Zeit nahm sich König Philipp für Ihren Antrittsbesuch, und worüber sprachen Sie?

Es gibt in Belgien ein relativ strenges Protokoll, wie Botschafter akkreditiert werden. Normalerweise empfängt der König im Stadtschloss immer mehrere Botschafter an einem Tag hintereinander. Das sehr angenehme persönliche Gespräch mit dem König dauerte etwa 20 Minuten. Und natürlich ging es um die Beziehungen zwischen Belgien und Deutschland aber auch Europa.

Gedenkkultur in Belgien

Am Tag der Deutschen Einheit unterhielten Sie sich angeregt mit Ostbelgiens Ministerpräsident Oliver Paasch. War das Ihre erste Begegnung?

Ich hatte das Glück, Ministerpräsident Paasch bereits in der Woche zuvor zweimal in Brüssel getroffen zu haben. Das war die Gelegenheit für ein sehr gutes und längeres Gespräch zu den Wirtschaftsbeziehungen, der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, der deutschen Sprache, sowie der dualen Ausbildung und der sehr beeindruckenden Gedenkkultur in Belgien.

Fakt ist, dass das duale System noch längst nicht in allen Landesteilen Belgiens bekannt ist. Streben Sie zur Verbreitung des dualen Systems eine verstärkte Zusammenarbeit mit der Deutschsprachigen Gemeinschaft an?

Deutschland und Ostbelgien fahren mit der dualen Ausbildung sehr gut. Die niedrige Jugendarbeitslosigkeit spricht Bände. Aber alles braucht seinen Rahmen. Dieser ist auch in Deutschland und Ostbelgien nicht über Nacht entstanden. Wenn es Interesse gibt, sich mit diesem System auch in anderen Teilen Belgiens näher auseinander zu setzen, helfen wir gerne. In Belgien ansässige deutsche Unternehmen nutzen das System ja zum Teil schon sehr erfolgreich und so finden viele Jugendliche einen gut bezahlten und hochqualifizierten Arbeitsplatz.

Kritik an Jan Jambon

Der Tag der Deutschen Einheit war Ihre große Brüsseler Premiere. Dennoch gab es nicht nur von belgischer Seite Kritik. Auf Unverständnis stieß die Tatsache, dass Belgiens Innenminister Jan Jambon, der in seinem Land ja nicht gerade für die Einheit steht, zu einem Fest geladen wurde, auf dem spezifisch die Einheit zelebriert wurde. Wieso wurde ausgerechnet er eingeladen?

Ich habe mich sehr gefreut, wie viele Gäste unserer Einladung gefolgt sind, dass viele lange bei uns geblieben sind und später sogar das Tanzbein geschwungen haben. Wir haben viel netten Zuspruch bekommen. Zum Tag der Deutschen Einheit haben wir natürlich wie immer alle Mitglieder der belgischen Regierung eingeladen. Belgiens Minister für Sicherheit und des Innern Jan Jambon hat zugesagt. Nach seiner Zusage fragten wir ihn als ranghöchsten Vertreter der belgischen Regierung wie bei diesen Gelegenheiten üblich, ob er nicht eine Rede halten wolle.

Kennen Sie ihn, wissen Sie, wofür er und seine Partei stehen?

Die belgische Regierung ist die gewählte belgische Regierung, und wir arbeiten mit dieser Regierung, wie auch mit ihren Vorgängern, sehr gut und eng auf vielen Gebieten zusammen. In Europa, bei bilateralen Themen und dann 2019/2020 auch gemeinsam im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Minister Jambon hielt seine Rede auf Deutsch, was eine schöne Geste an den Tag der deutschen Einheit war und er griff viele Themen auf, die unsere beiden Länder in Europa beschäftigen. Die Zukunft unserer beiden Länder ist eng mit der Zukunft der Europäischen Union verknüpft.

Atomreaktoren in Belgien

Seit Jahren gibt es Kritik aus Deutschland an der Sicherheit belgischer Atomreaktoren. Ist diese berechtigt?

Jeder Staat hat in Europa die Möglichkeit, den Energiemix zu wählen, den er für richtig hält. Es gibt Regeln und Regulierungsbehörden, es gibt Aufsicht und Kontrollen, damit alle gut gemeinsam sicher leben. Es ist gut, dass man überall, auch in Belgien, darauf achtet, dass die Sicherheit vorgeht. Richtig ist aber auch, dass seit Tschernobyl und Fukushima Atomkraftwerke bei vielen Menschen in Deutschland einen schweren Stand haben. Die Bundesregierung hat nach Fukushima die Konsequenzen gezogen und sich für eine Energiewende entschieden. Das geht alles nicht von heute auf morgen, aber wir sind dazu mit Belgien im guten Dialog.

Das war nicht immer so. In Belgien erinnern sich noch viele an Deutschlands ehemalige Umweltministerin Barbara Hendricks, die mit ihrer massiven Kritik an Belgiens Atommeilern alles andere als diplomatisches Geschick zeigte. Ihre Forderung, die Reaktoren Tihange 2 und Doel 3 bis zur Überprüfung ihrer Sicherheit zu schließen, sowie die demonstrative Verteilung von Jodtabletten im Grenzgebiet nervten Belgien zunehmend. Dabei wurden deutsche Begriffe wie Schrottreaktor, als völlig überzogen und unangemessen empfunden. Von deutscher Arroganz, Überheblichkeit und Bevormundung war die Rede.

Wenn ich eines in meinem Leben gelernt habe, dann dass es eigentlich nie einen Grund gibt, arrogant oder überheblich zu sein, egal wem gegenüber oder warum. Und gerade als großer Staat in Europa ist man gut beraten, allen Partnern freundlich und offen gegenüberzutreten. Aber natürlich muss man auch Sorgen und Ängste ansprechen dürfen, so gehört sich das unter guten und engen Freunden und Partnern.

Haben Sie, ähnlich wie viele Ihrer Landsleute, Angst vor belgischen Atommeilern, oder sind Sie der Meinung, dass die Belgier alles unter Kontrolle haben?

Ich bin mit meiner Frau und meinen beiden Kindern nach Belgien gezogen. Wir fühlen uns hier sehr wohl, ja wir fühlen uns unter Freunden. Ich glaube, dass dies für sich spricht. Wir sind sehr gerne hier.

Tags: Kotthaus

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