Erinnerungen an das „Brüsseler Blatt“

Es war ein Stück der deutschsprachigen Zeitungen in Belgien

Erinnerungen_01In diesen Tagen vor 35 Jahren wurde die Erstausgabe des „Brüsseler Blattes“ geschrieben und redigiert. „Beim Aufräumen“, wie sie sagt, fand die emeritierte VUB-Professorin Madeline Lutjeharms ein Exemplar, das sie aufbewahrt hatte, weil ihr darin ein Artikel von Kurt Grünebaum über deutschsprachige Veröffentlichungen in Belgien aufgefallen war. Das „Brüsseler Blatt“ teilte rasch das Schicksal anderer deutschsprachiger Veröffentlichungen in Belgien. Es wurde vier Jahre später eingestellt, zeitgleich erschien 1980 die Monatszeitschrift „Die Gazette“, die noch schneller verschwand.

„Der Kontakt“, ein anderes deutschsprachiges Magazin, wurde im Dezember 1981 gegründet, wie der Gründer Michael Setz-Kuss auf seiner Webseite schreibt. „Der Kontakt“ ging 1988 in die Hände des Grenz-Echo über und  wurde 1995 in das „Belgien-Magazin“ umgewandelt. Das gibt es inzwischen auch nicht mehr, ebenso wenig wie die Brüssel-Rundschau. Als vergleichsweise langlebig erweist sich dagegen unsere Internetpräsenz „belgieninfo.net“, die es bisher auf knapp neun Lebensjahre gebracht hat.

Der „historische“ Bericht des verstorbenen Kollegen Kurt Grünebaum schildert die deutschsprachigen Presseerzeugnisse des 19. und 20. Jahrhunderts. Wir entnehmen den Text der Oktober-Erstausgabe des „Brüsseler Blattes“ aus dem Jahr 1976.

Das Brüsseler Blatt
Ein neuer Sproß im schwarz-gelb-roten Pressewald

Mit diesem Blatt werden die in Belgien erscheinenden deutschsprachigen Veröffentlichungen eine Bereicherung erfahren. In den vielen deutschsprachigen Veröffentlichungen, die seit 1830 in Belgien herauskamen, spiegelt sich nicht nur die reichlich bewegte Vergangenheit der Beziehungen Belgiens zu seinem deutschen Nachbarn, sondern auch die inneren Vorgänge in den deutschen Landen finden hier ein Abbild. Befasst man sich mit der deutschsprachigen Presse, so muss man selbstverständlich einen Unterschied zwischen den Veröffentlichungen machen, die für Belgier deutscher Zunge geschrieben wurden und noch werden und denen, die in erster Linie für in Belgien lebende Deutschsprachige heraus gegeben wurden.

Weltberühmtheit hat die ab 1847 von dem Emigranten von Bornstedt herausgegebene Öffnet externen Link in neuem Fenster„Deutsche Brüsseler Zeitung“ erlangt, zu deren Mitarbeitern Karl Marx und Friedrich Engels zählten. Die Kgl. Bibliothek in Brüssel besitzt die einzige, noch vorhandene Kollektion dieses Blattes, das in der Geschichte der sozialistischen Bewegung eine wichtige Rolle spielte. Da um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts in mehreren Gemeinden der Bezirke Verviers und Arlon noch Deutsch gesprochen wurde, konnten dort auch deutsche Zeitungen eine Leserschaft finden. Die seit 1847 in Aubel gedruckte „Fliegende Taube“, die erst nach dem zweiten Weltkrieg ihr Erscheinen einstellte, nahm zusammen mit anderen Wochenblättern an den kulturkämpferischen Auseinandersetzungen teil, die sich in den nach 1815 unter preussische Herrschaft gestellten Rheinlanden abspielten.

Erinnerungen_02Nach 1870 wurden mehrere Versuche unternommen, um in Brüssel sogar eine deutsche Tageszeitung zu veröffentlichen (Deutsche Post für Belgien, 1891, Deutsche Zeitung für Belgien, 1896, Belgisches Tageblatt, 1919 etc). Diese Bemühungen, die auch in Antwerpen versucht wurden, wo von 1887 bis 1993 die „Antwerpener Zeitung“ erschien, waren allerdings mit wechselndem Erfolg verbunden.

Während der beiden Besatzungsperioden 1914-1918 und 1940-1944 wurden mehrere Tageszeitungen in deutscher Sprache veröffentlicht, für deren Kollektionen sich vor allem die Historiker interessieren. Das gilt auch für die unter Lebensgefahr von deutschen Antifaschisten hergestellten Zeitschriften, die wie die Lütticher „Wahrheit“ für Soldaten der Besatzungsarmee bestimmt waren.

Nach der Einverleibung der Kreise Eupen, Malmedy und St. Vith in Belgien nach dem ersten Weltkrieg fand das deutschsprachige Pressewesen Belgiens eine solide Grundlage. Zeitweilig erschienen in Ostbelgien vier deutschsprachige Tageszeitungen. Nach 1945 hat sich die Lage dort verändert und das 1927 gegründete Grenz-Echo in Eupen, das sich 1965 mit der St. Vither Zeitung vereinigte, ist heute die einzige deutschsprachige Tageszeitung Belgiens.

Wir wünschen nun, das „Brüsseler Blatt“ werde eine seit langem bestehende Lücke in der belgischen Informationslandschaft ausfüllen, kräftige Wurzeln schlagen und mit europäischem Geist seinen Lesern, die über die vielen Facetten des belgischen Lebens und des Brüsseler Allerlei unterrichtet werden sollen, dienlich sein.

Von Kurt Grünebaum †

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