Aktuell, Geschichte

Erinnerung an den belgischen Freimaurer und Widerstandskämpfer Jean Sugg

 

Von Reinhard Boest

Am 22. September wurde in der Bremer EU-Vertretung des belgischen Widerstandskämpfers und Freimaurers Jean Sugg gedacht, dessen letzter Wohnsitz das heutige Gebäude der Vertretung in der Avenue Palmerston 22 war, bevor er 1942 von den deutschen Besatzern verhaftet, in das Lager Esterwegen verschleppt und schließlich umgebracht wurde. Anlass war sein Geburtstag, der sich am 9. September 2022 zum 125. Mal jährte. In der bewegenden Zeremonie in Anwesenheit zahlreicher Mitglieder von Freimaurerlogen aus ganz Belgien würdigten ihn die Leiterin der Vertretung, Tanja Baerman, Philippe Heuse, der Meister der Brüsseler Loge „Amis Philanthropes“, der Jean Sugg angehört hatte, sowie Karin Rochat, Enkelin des Apothekers und Universitätsdozenten Franz Rochat, ebenfalls Freimaurer aus Brüssel und Mithäftling in Esterwegen. Zu Beginn wurde am Stolperstein, der vor dem Gebäude an Jean Sugg erinnert, ein Kranz niedergelegt.

Jean Sugg war deutscher und schweizerischer Herkunft, wurde 1897 in Gent geboren und arbeitete in Brüssel als Pharmavertreter. Er war Mitglied der Loge „Amis Philanthropes“, einer der beiden ältesten Freimaurerlogen Brüssels (gegründet 1798). Unmittelbar nach dem deutschen Einmarsch wurden die Freimaurerlogen verboten (wie in Deutschland schon 1936). Sugg engagierte sich im Widerstand gegen die Besatzung. Er wirkte bei der Erstellung und Verbreitung von Untergrundblättern mit wie „La Libre Belgique“, „La Légion noire“, „Le Petit Belge“ und „L’Anti-Boche“. Außerdem unterstützte er abgestürzte Flieger und versorgte Leute, die sich der Zwangsarbeit entzogen, mit Geld und Verpflegungsmarken.

Am 21. März 1942 wurde er von der deutschen Geheimpolizei in seinem Haus Avenue Palmerston 22 verhaftet und in das Lager Esterwegen im Emsland verschleppt. Das Lager war berüchtigt für die harte Arbeit, die die Häftlinge in der umliegenden Torfmooren verrichten mussten. Die Verhaftung erfolgte im Rahmen des „Nacht- und Nebel-Erlasses“, mit dem das NS-Regime Widerstandskämpfer aus besetzten Ländern spurlos verschwinden lassen wollte. In Esterwegen waren vor allem Widerstandskämpfer aus Belgien, Frankreich, Luxemburg und den Niederlanden inhaftiert, die von anderen Insassen getrennt und vollkommen isoliert wurden, damit sie keinerlei Kontakt nach außen haben konnten.

In Esterwegen gründete Sogg, der Mitglied der Brüsseler Freimaurerloge „Amis Philanthropes“ war, zusammen mit sechs weiteren dort inhaftierten belgischen Freimaurern die Loge „Liberté Chérie“. Es handelt sich, soweit bekannt, um die einzige Loge, die in einem KZ aktiv war. Logenmeister war Paul Hanson, Richter in Louveigné bei Lüttich. Ihr Name ist dem Text des bekannten Moorsoldaten-Liedes entnommen, das in einem benachbarten Emsland-Lager (Börgermoor) entstanden ist (und das zu Beginn der Gedenkfeier gesungen wurde).

Die Mitglieder der Loge konnten ihre Sitzungen nur unter größter Geheimhaltung durchführen; katholische Mithäftlinge hielten Wache, wie umgekehrt die Freimaurer bei ebenso heimlichen Heiligen Messen. Philippe Heuse erinnerte daran, dass die Beibehaltung der Riten den Logenbrüder auch helfen sollte, in einer unmenschlichen Umgebung den Lebensmut nicht zu verlieren. Im Frühjahr 1944 musste die Loge ihre Arbeit einstellen, da die meisten Mitglieder in andere Lager oder Gefängnisse verlegt wurden. Von den inhaftierten belgischen Freimaurern erlebten nur zwei das Ende der NS-Herrschaft. Die anderen starben in verschiedenen Lagern oder Gefängnissen in Deutschland, Jean Sogg kurz vor Ende des Krieges, mutmaßlich auf einem Todesmarsch.

In ihren Ansprachen betonten Tanja Baerman und Philippe Heuse, dass das Schicksal von Jean Sugg und seinen Mitgefangenen auch heute noch eine Mahnung gegen Gewaltherrschaft, Willkür und Diskriminierung aller Art sei. Aktionen wie „Nacht und Nebel“, um Menschen verschwinden zu lassen, gälten heute zu Recht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In Bremen zeigt die Stadtbibliothek gerade eine Ausstellung zur Zusammenarbeit der Franco- und der NS-Diktatur bei der Anwendung solcher Methoden..

Philippe Heuse wies darauf hin, dass nicht alle belgischen Widerstandskämpfer Freimaurer gewesen seinen, aber die meisten Freimaurer hätten sich in der Résistance engagiert. Es sei kein Zufall gewesen, dass die Besatzer die Logen sofort verboten hätten. Der Einsatz der Freimaurer für die Freiheit (nicht nur des Denkens) und gegen Extremismus jeder Art sei heute so wichtig wie früher; man sehe überall auf der Welt einen Vormarsch von Intoleranz und Gewalt, und im Krieg gegen die Ukraine ließen die russischen Besatzer auch wieder Menschen verschwinden.

Seit 2012 erinnert ein Stolperstein vor dem Haus Avenue Palmerston 22 an Jean Sugg, an seinen Mithäftling Franz Rochat ein Stolperstein in Schaerbeek.

Das Projekt „Stolpersteine“ des deutschen Künstlers Gunter Demnig begann vor dreißig Jahren in Köln und Berlin. Die Initiative soll das Gedenken an Menschen wachhalten, die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden. Ein zehn mal zehn Zentimeter großer Gedenkstein aus Messing mit dem Namen und den Lebensdaten wird in das Pflaster vor einem Haus eingelassen, in dem eine Person lebte, bevor sie von den Schergen des Regimes verhaftet wurde, weil sie jüdisch, Sinti oder Roma, homosexuell war, Widerstand leistete oder sonst nicht in das nationalsozialistische Weltbild passte. Die meisten von ihnen kamen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern um.

Stolpersteine werden nicht nur in Deutschland verlegt, sondern finden sich inzwischen in 28 weiteren europäischen Staaten, auch in solchen, die vor und während des Zweiten Weltkriegs nicht von Deutschland annektiert oder besetzt worden waren.

In Belgien wurde der erste Stein im Mai 2009 in Anderlecht verlegt; inzwischen sind es weit über 300, davon die meisten in Brüssel und allein über 100 in der Rue des Tanneurs im Brüsseler Marollenviertel. Hier lebten unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg viele vor allem jüdische Flüchtlinge aus Deutschland, Österreich und Polen. (siehe https://www.belgiumwwii.be/belgique-en-guerre/articles/3-septembre-1942-la-rafle-des-juifs-de-bruxelles.html)

 

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