Einmal Brüssel zurück

Flughafen Benito Juarez, Mexico City

Von Heide Newson.

Es ist Dienstagmorgen in Cancun. Die Sonne strahlt vom Firmament, ich bin an diesem 22. März im Urlaub und freue mich auf mein Frühstück mit Tacos und Enchiladas und aufs Schwimmen im türkisschillernden karibischen Meer. Da ich spät dran bin und für den späten Nachmittag einen Flug nach Mexiko City gebucht habe, verzichte ich auf die „CNN News“, die eh im Zeichen des amerikanischen Vorwahlkampfes und der umstrittenen und peinlichen Äußerungen von Donald Trump stehen.

Nach meinem ausgiebigen Frühstück packe ich die Badesachen und schalte ganz beiläufig den Fernseher ein. „Breaking News“ flimmert es mir in großen Lettern entgegen. Mal wieder so ein Verrückter, der in den Vereinigten Staaten mit seinem Gewehr in die Menge ballert, denke ich. Gebannt schaue ich auf den Bildschirm und kann es kaum fassen. „Über 30 Menschen sterben bei einem Terroranschlag in Brüssel, etwa 300 Personen sind schwer verletzt“, lese ich, und schon schaltet CNN live nach Brüssel. „Um 7.58 Uhr detonierten zwei Sprengsätze in der Abflughalle des nationalen Flughafens, und eine weitere im Herzen des EU-Viertels, in der Metrostation Maelbeek“, so die Journalistin auf dem Bildschirm.

Ich bin zutiefst erschüttert, schockiert, bestürzt und will es einfach nicht glauben. Belgien, ein Land, das ich liebe, in dem ich schon so viele Jahre lebe und arbeite, das Land, in dem meine Tochter geboren wurde, Ziel eines so unmenschlichen feigen Angriffs… Dabei liegt die attackierte Metrostation, die ich häufig benutze, in unmittelbarer Nähe meines Büros. Und vom Flughafen Zaventem war ich am 16. Februar voller Urlaubsfreude mit der Lufthansa über Frankfurt nach Mexiko City aufgebrochen.

Als die Welt noch in Ordnung war

Zu diesem Zeitpunkt schien die Brüsseler Welt noch halbwegs in Ordnung. Von Salah Abdeslam, dem Hauptverdächtigen der Pariser Anschläge, fehlte zwar jede Spur, aber dennoch fühlte ich mich in Brüssel nach der Herabsetzung der Terrorstufe wieder relativ sicher. Beim Betreten der Abflughalle wunderte ich mich, dass kein Militär in Sichtweite war, aber die belgischen Sicherheitskräfte wissen schon was sie tun, so meine optimistische Einschätzung.

Da Europa, geschweige Belgien, in den mexikanischen News kaum vorkommt, hielt ich mich über Internet und Mails meiner in Brüssel lebenden Freunde auf dem Laufenden. Die erste beunruhigende Nachricht aus Brüssel erhielt ich von meiner Freundin Françoise, die am 15. März im Zusammenhang mit der Inhaftierung von Salah Abdeslam sieben Stunden bei Aldi im Forest festsaß, ihr Auto stehen lassen, und zu Fuß nach Hause laufen musste. Und nun das verheerende blutige Attentat, eine Schocknachricht, die mich wie gesagt in Cancun erreichte.

Jetzt beim Einchecken nach Mexico City, wo ich noch die letzten Urlaubstage verbringen wollte, und das genau am 22.März, dem Tag als der Brüsseler Flughafen und die Maelbeek U-Bahn Station angegriffen wurden, überkamen mich starke Emotionen, die Tränen flossen in Strömen. Der Brüsseler Flughafen, mehr als 6000 km entfernt, schien plötzlich in bedrohlicher Nähe. Waren Freunde, Bekannte unter den Toten oder Verletzten? Eine Mitarbeiterin der mexikanischen Fluggesellschaft „Volaris“ riss mich aus meinen tieftraurigen (Brüsseler) Gedanken. „Ist mit Ihrer Familie und Freunden alles in Ordnung, sind alle wohlauf?“ fragte sie mich, mit Blick auf meinen in Brüssel ausgestellten deutschen Pass. Eine herzliche, mitfühlende Umarmung folgte. Andere Angestellte scharten sich um mich. „Wir trauern mit Brüssel, unsere Gedanken sind bei den Opfern und den vielen Verletzten“ sagten sie, und hatten Schwierigkeiten, die Ereignisse zu verstehen.

Ohne Angabe von Gründen

Drei Tage vor meinem Rückflug erhielt ich in Mexiko City über E-Mail und ohne Angabe von Gründen die Nachricht von der Deutschen Lufthansa, dass mein für den 27. März gebuchter Flug „LH1018 Frankfurt/Brüssel“ annulliert worden sei. „We apologize for any inconvenience“, hieß es kurz und bündig.

Als „inconvenient“, ungelegen, empfand ich diese Annullierung keineswegs. Für nichts in der Welt hätte ich so kurz nach dem fürchterlichen Attentat in Zaventem landen wollen. Nach einem mehr als zehnstündigen Nachtflug landete ich völlig ausgelaugt mit starken Kopfschmerzen in Frankfurt, von wo aus es mit dem Lufthansa „Shuttle-Bus“ weiter nach Brüssel ging. Sechs „Shuttles“ würden tagtäglich nach Brüssel eingesetzt, so ein Lufthansa Mitarbeiter. „Gerne fahre ich die Strecke nicht, Brüssel ist eine hässliche Stadt“, konstatierte unser Busfahrer, der alle negativen belgischen Klischees bediente. Von den vier belgischen Mitreisenden gab es zu meiner Überraschung keinen Widerspruch. Im Gegenteil. Eine Belgierin, die wie ich ihre in Mexiko City lebende Tochter besucht hatte, meinte, dass es dort längst nicht so gefährlich wie in Belgien sei. „In Mexiko kann ich die Gefahren viel besser einschätzen und mich somit besser schützen, hier in Brüssel lauert dagegen überall die terroristische Gefahr, für die es keinen Schutz gibt.“

„Ich bin mir nicht mehr so sicher“

Nach einer sechsstündigen Busfahrt, es gab zu meinem Unverständnis keine Grenzkontrolle, erreicht unsere kleine Gruppe am späten Ostermontag Brüssel. Nur einen Steinwurf vom symbolträchtigen Atomium, das die Terroristen ebenso im Visier haben, werden wir abgesetzt. Die Taxifahrer, sonst am Brüsseler Flughafen, stürzen sich geradezu auf uns. „Seit Stunden warte ich auf einen Fahrgast, wie soll das nur weitergehen, Brüssel ist wie ausgestorben“, sagt mein Taxifahrer, ein in Brüssel geborener Marokkaner, der die jüngsten Anschläge scharf verurteilt und Belgiens Politiker an den Pranger stellt. Viel zu liberal seien sie gewesen, in Problemzonen wie Molenbeek hätten sie nie durchgegriffen. Voller Abscheu redet er über die Terroristen, die im Namen von Allah mordeten. Das habe nichts mit dem Islam zu tun, der friedlich sei. Und dann richtet er eine Botschaft an Europas Regierungen. Sie täten besser daran, sich nicht in Konflikte in Syrien, Irak oder Libyen einzumischen, was alles noch viel schlimmer mache. Was wir normale Menschen uns wünschten, ob Muslime, Christen oder Juden, sei, in Frieden leben zu können. „Bislang konnte ich das als Muslim in Belgien, wo ich mich total integriert fühlte. Nach den jüngsten Anschlägen bin ich mir nicht mehr so sicher.“

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