Eine historische Fluchtgeschichte

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Von Thomas Philipp Reiter.

Das flämische Gemeinschaftszentrum „Den Dam“ im Brüsseler Auderghem/Oudergem hatte vor kurzem gemeinsam mit dem Davidsfonds und dem Willemsfonds zu einer aussergewöhnlichen Buchpräsentation der niederländischen Autorin Ingeborg Kriegsman geladen. Es handelte sich um das Buch „Hoop op Toekomst – Belgische vluchtelingen in Nederland“, herausgegeben 2016 von der Davidsfonds Uitgeverij (25 Euro). Das Thema Flucht und Vertreibung ist heute wieder so aktuell wie damals.

Nach dem Einfall der deutschen Armee 1914 in Belgien flüchteten viele Belgier – Flamen wie auch Wallonen – nach Frankreich, England und vielfach in die neutralen Niederlande. Vor allem die bis dahin in der Kriegsgeschichte unbekannten Bombenangriffe aus der Luft gegen die Zivilbevölkerung wie in Antwerpen, aber auch die Gräueltaten deutscher Soldaten in Leuven und Dinant, bei denen mehrere Hundert Zivilisten, darunter viele Frauen und Kinder, aus Vergeltung umgebracht wurden, lösten Fluchtbewegungen Zehntausender Menschen aus. Die Niederländer wollten ihre Neutralität nicht aufgeben, zeigten sich aber gegenüber den Neuankömmlingen sehr hilfsbereit. Es wurden Flüchtlingslager eingerichtet und den Menschen ein neues Leben ermöglicht.

Noch heute stehen in Amersfoort und Ede beeindruckende sogenannte „Belgenmonumente“ zur Erinnerung an die dort früher existierenden Zeltlager. Was kaum jemand weiss ist, dass die Beziehungen zwischen beiden Ländern nach dem Ersten Weltkrieg aufgrund dieser gemeinsamen Geschichte stark angespannt waren.

Die Belgier warfen den Niederländern vor, dass sie sich neutral hielten und nicht an der Seite Belgiens gegen Deutschland gekämpft hatten. Auch dass sie für die Unterbringung geflüchteter belgischer Soldaten nach dem Krieg eine Rechnung aus Den Haag präsentiert bekamen, empfanden sie als ungerecht. Die Niederländer wiederum erlebten die Belgier aufgrund dessen als undankbar. Das Verhältnis zwischen den Nachbarländern entspannte sich erst wieder nach einem Staatsbesuch von König Baudewijn von Belgien bei den „noorderburen“ in den Fünfzigerjahren.

hoop-op-toekomstDas Buch beschreibt detailreich das Alltagsleben in den Lagern aus Holzbaracken und Zeltstädten. Dem Buch ist eine DVD beigefügt, auf der in einer beeindruckenden Dokumentation die belgische wie auch die niederländische Perspektive eingenommen werden und das ist daher gerade auch für Deutsche interessant. Ein beinahe vergessenes Stück europäischer Geschichte wird so wieder lebendig.

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