Ein zweiter „lutherischer Frühling“ in Antwerpen

Von Marion Schmitz-Reiners.

Eine dokumentarische Ausstellung in der Antwerpener St. Andreaskirche (Sint-Andrieskerk) erinnert noch bis Ende Oktober an den Einfluss Martin Luthers auf das Flandern des 16. Jahrhunderts. Die Expo ist an das Gedenken an 500 Jahre Reformation in Belgien eingebunden. Das Besondere daran: Sie findet in einer katholischen Kirche statt, die einst zu den Keimzellen protestantischen Denkens in einer Provinz des Habsburgerreichs gehörte. Lutheraner wurden dann auch Opfer der Inquisition.

Wer sich in Flandern und Belgien als Protestant outet, begegnet meistens vollständigem Unverständnis – wenn man sie oder ihn nicht für einen Sektierer hält. Nur 0,1 Prozent aller getaufter Belgier sind evangelischen Glaubens. Umso verdienstvoller ist es, dass auch in Belgien des 500. Jubiläums der Reformation gedacht wird. Und das tun Katholiken und Protestanten in einem Land der gut funktionierenden Ökumene gemeinsam.

Die wichtigste Ausstellung des Lutherjahrs findet in der Antwerpener St. Andreaskirche statt. Der Titel lautet: „Lutherse lente in Antwerpen. Tolerantie en repressie in de 16de eeuw“ (Lutherischer Frühling in Antwerpen. Toleranz und Unterdrückung im 16. Jahrhundert). Auf zehn Schautafeln wird die Beziehung zwischen Antwerpen und der Reformation erläutert. Außerdem sind kostbare originale Drucke aus dem 16. Jahrhundert zu sehen.

Das Augustinerkloster

Keimzelle lutherischer Verkündigung in Flandern war das Augustinerkloster, dessen Relikt die Andreaskirche ist. Vorsteher waren 1519-1522 Jakob Propst und Heinrich von Zutphen. Beide studierten in Wittenberg. Vor allem Propst begann, zurückgekehrt nach Antwerpen, heftig gegen den Ablass zu predigen. Mit Luther verband ihn eine Freundschaft, der Reformator nannte ihn gerne den „fetten Flamen“.

Die Lehre fand schnell Anhänger, vor allem unter den deutschen und den portugiesischen Kaufleuten (die meisten von ihnen waren Juden oder Mauren) sowie unter den Humanisten. Die spanischen Habsburger unter Karl V. schlugen hart zurück. Luther-Anhänger werden verfolgt, es kommt zu zwei Bücherverbrennungen. Und zwei Mönche, Hendrik Voes und Jan van Essen, landen in Brüssel auf dem Scheiterhaufen. Luther ist zutiefst getroffen, als ihn diese Kunde erreicht, und widmet den Märtyrern sein erstes Lied: „Ein neues Lied wir heben an…“ 1523 wird das Antwerpener Augustinerkloster geschlossen und anschließend zerstört.

Die Andreaskirche

Die Lutheraner gingen in den Untergrund. Vierzig Jahre nach der Zerstörung des Augustinerklosters gewannen die Calvinisten in Flandern die Oberhand. Und noch heute leiten sich die wenigen belgischen Protestanten durchweg auf Calvin zurück.

Antwerpen war auch wegen seiner blühenden Druckereien kurzfristig ein Zentrum der neuen Lehre. In der Schatzkammer der Andreaskirche ist eine Auswahl von kostbaren Büchern und Drucken aus dem 16. Jahrhundert zu sehen, darunter das Original des Briefes Martin Luthers „an die Christen von Holland, Flandern und Brabant“. Einige Bücher stammen aus der Sammlung des Museums Plantin-Moretus; sie wurden in der Druckerei von Christoph Plantin hergestellt.

Überall in Antwerpen hängen Ausstellungsplakate. Nun weiß man hier endlich, dass es Luther gab. Der Zulauf zur Ausstellung ist beachtlich, die Neugierde der Antwerpener auf den Reformator groß. Das traditionell tief katholische Antwerpen erlebt seinen zweiten, kleinen „lutherischen Frühling“. Kurator der Ausstellung ist Dr. Thorsten Jacobi, Pfarrer der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde in der Provinz Antwerpen; die Ausstellung wird von der deutschen Botschaft unterstützt.

Öffnungszeiten: täglich von 14-17 Uhr, montags bis freitags auch von 9-12 Uhr (bis 31. Oktober).

Adresse: Waaistraat 5, 2000 Antwerpen

Eintritt: frei

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