Ein tiefer Blick in die belgische Seele

050215_redu_0Etwa hundertzehn Kilometer von Brüssel entfernt, am Rande der Autobahn A 4/ E 411 nach Luxemburg, liegt das beschauliche Dörfchen Redu. An Ostern 1984 fand dort zum ersten Mal in den Ardennen ein Secondhand-Verkauf von Büchern statt. Mit großem Erfolg. Dreißig Jahre später hat Redu seine Position als „Village du Livre“ ausgebaut und bietet neben den Bücherverkäufen auch ganzjährig Ateliers und andere Aktivitäten an. Prädikat: „Vaut le détour!“

Anfang der 80er Jahre war Redu in der belgischen Provinz Luxemburg ein sterbendes Dorf. Viele Einwohner waren weggezogen, weil sie mit der Landwirtschaft nicht mehr genug verdienten. Scheunen und Ställe standen leer. In der Schule brauchte man nur noch zwei Klassenzimmer. Bis die Städter kamen. Großstadtmüde suchten ländliche Ruhe, kauften leerstehende Anwesen und machten Wochenendhäuser daraus.

050215_redu_1So auch Noel Anselot, ein gebürtiger Lütticher mit luxemburgischen Eltern. Für ihn blieb es allerdings nicht bei der sporadischen Landlust. Jahrgang 1924, hatte er bereits ein bewegtes Leben unter anderem als Belga-Korrespondent und Mitarbeiter großer englischer Zeitungen hinter sich, als er nach Redu zog. Er schrieb Bücher, auch über die Küche der Ardennen und über die 1100jährige Geschichte von Redu. Auf Reisen lernte der mit einer Engländerin verheiratete Anselot den Buchhändler Richard Booth kennen, der 1961 in seinem Geburtsort Hay-on-Wye ein Antiquariat eröffnete. So machte er das von Leerstand und Arbeitslosigkeit geplagte Örtchen auf der Grenze zwischen England und Wales zu einem „Buchdorf“. Sogar die Feuerwehrkaserne, ein Kino und die Burg am Ort wurden mit Secondhand-Büchern vollgestopft. Der Ort blühte auf.

 

050215_redu_3In Garagen, Scheunen, Ställen

Begeistert von Booth‘ Idee begann Noel Anselot, ähnliche Pläne für Redu zu schmieden: Unterstützt vom früheren Bürgermeister Léon Magin, dem ortsansässigen Künstler Henri Lambert und dem Radiojournalisten Gérard Valet und vielen weiteren Helfern, fand an Ostern 1984 der erste Büchermarkt unter freiem Himmel in den Ardennen statt. Auf Anhieb kamen an diesen drei Tagen 15 000 Besucher. Nun siedelten sich weitere Buchantiquariate und Kunsthandwerker an, in Garagen, Scheunen, Ställen. Das Gastgewerbe blühte auf. Junge Familien zogen zu. Das wiedererweckte Redu ging eine Partnerschaft mit Hay-on-Wye ein, wurde zum ersten Bücherdorf des europäischen Festlands und zum Musterbeispiel für einen umweltfreundlichen Kulturtourismus auf dem Land.

Inzwischen kommen jährlich 200 000 Besucher aus der ganzen Welt, um sich die 17 ortsansässigen Buchhandlungen, die Werkstätten, vielen Boutiquen mit Kunstgewerbe und das Musée des Imprimés en Luxembourg anzusehen, das 1995 eröffnet wurde. Würde man die Regale der Antiquariate aneinanderreihen, käme man auf eine Bücherstrecke von mindestens zwei Kilometern. Die Buchhandlungen sind zu familienfreundlichen Zeiten geöffnet: donnerstags und freitags, an den Wochenenden, Feiertagen und in den Schulferien. Außerdem finden Workshops statt, die auf der Webseite des Bücherdorfs aufgelistet sind.

 

050215_redu_2Comics, Kunst und Kolonien

Das große Highlight ist jedes Jahr das traditionelle Bücherfest am Osterwochenende, mit dem alles begann. Papiermacher, Buchbinder und Kalligraphen beteiligen sich und regionale Autoren stellen sich vor. Die nächste größere Veranstaltung in Redu ist die Büchernacht, die am 2. August 2014 zum 26. Mal stattfindet. Das ganze Dorf wird dann zur Fußgängerzone. Bücherstände sind unter freiem Himmel aufgebaut. In Kisten, Kartons, auf Stühlen, Regalen und Tapeziertischen stapeln sich Secondhandbücher nach Kategorien, die einen tiefen Blick in die belgische Seele zulassen: Kinder, Küche und Kirche, Comics in jeder Form, Kunstbände, viel über die Kolonien. Und in einem schmuddeligen Karton auch mal Erotika. Das meiste ist auf Französisch, vieles aber auch auf Niederländisch, Englisch oder Deutsch zu finden.

Es gibt viel zu essen, von Bio bis Fritten. Leierkastenmänner leiern alte Lieder und die Besucher stimmen ein. Genau jene Mischung aus Gaumenfreuden und Brocante, die in Belgien zu jedem größeren Anlass gehört. Wer nach soviel „convivialité“ ein Kontrastprogramm braucht, der kann sich auf dem Weg zurück zur Autobahn an den gut zwei Dutzend Parabolantennen der Europäischen Raumfahrtagentur ESA erfreuen, die schneeweiß aus dem grünen Hochtal der Ardennen ragen. Redu-Libin ist nämlich nicht nur „Village du Livre“, sondern auch „Village de l’Espace„.

 

Information:

Maison de Tourisme du Pays de la Haute-Lesse, Place de l’Esro 60, 6890 Redu, Tel. 061-65 66 99, E-Mail: hautelesse@swing.be, www.redu-villagedulivre.be

Autor: Renate Kohl-Wachter, Fotos: http://www.redu-villagedulivre.be/

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