Ein Spiel um Schein und Sein

110414_FelixKrull_0In der dichten Folge der kulturellen Events an der iDSB stand am 2. April ein Klassiker des 20. Jahrhunderts auf dem Programm: Thomas Manns berühmter Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, vom Schauspieler Volker Ranisch als szenische Lesung zu einem heiter-geistreichen Soloabend gestaltet, der das Publikum auf äußerst unterhaltsame Weise verzauberte.

 

Der Roman wird zum Kopfkino

Ranisch, dessen Theaterkarriere ihn bisher unter anderem an das Schauspielhaus Zürich, das „Deutsche Theater“ und das „Theater im Palais“ in Berlin führte, versteht es, praktisch ohne Requisiten, mit sparsamer Gestik, aber dafür mit umso lebhafterer, ausdrucksstarker Mimik dem Wortwitz Thomas Manns Gestalt und Ausdruck zu verleihen. Er schlüpft geschmeidig in die Figur des Ich-Erzählers, dessen Fabulierkunst so auch die anderen Figuren des Romans in der Imagination des Zuschauers zum Leben erweckt, wie in einem Kopfkino. Nur einmal fällt Ranisch aus der Rolle, als jemand zu spät kommt und laut vernehmlich in der ersten Reihe Platz nimmt, behält dabei aber den feinen, ironischen Ton bei: „Setzen Sie sich, junger Mann, mein Herr Papa ist gerade gestorben“.

 

Der Held in der Schule des Lebens

Der erste Abschnitt des wohl komischsten Werkes Thomas Manns endet nämlich durchaus tragisch, als sich der Vater des Helden nach dem Bankrott seiner Schaumwein-Kellerei kurz entschlossen das Leben nimmt, Frau und zwei Kinder praktisch mittellos zurücklassend. Felix muss vom städtischen Realgymnasium vorzeitig und ohne Reifeprüfung abgehen, doch der fromme Wunsch seines Paten Schimmelpreester weist ihm einen (Aus-)Weg in die Zukunft: „Nach meiner Meinung kommt es vor allem darauf an, ihm das Leben zu öffnen […]. Haben wir ihn nur erst im Freien, so wird die Flut ihn schon tragen und ihn, wie ich zuversichtlich hoffe, zu schönen Küsten leiten“, ein Motto, das sich jede Schule auf die Fahnen schreiben könnte. So gelangt Krull auf Empfehlung Schimmelpreesters nach Paris, wo eine Hotellaufbahn dem Träumer und Phantasten ohne Ausbildung den Zugang zur feinen Gesellschaft ermöglichen soll: Von nun an lernt er in der Schule des Lebens.

 

Mehr Schein als Sein?

Felix Krull, vom bürgerlichen Standpunkt aus eigentlich ein Nichtsnutz, wickelt dabei mit seinem Charme und seiner Verführungskunst alle um den Finger und gelangt so Schritt für Schritt zu Reichtum und Ansehen. Unvergleichlich zum Beispiel die Episode, in der er dem Generaldirektor des Hotels, der an seiner Qualifikation (berechtigte) Zweifel hegt, mit wenigen stereotypen Sätzen weiszumachen versteht, er beherrsche Französisch, Englisch und Italienisch fließend. Schüler von heute lernen, Inhalte angemessen zu präsentieren. Wie man den gewünschten Effekt auch weitgehend ohne inhaltliche Substanz erreicht, demonstriert Krull, der lässig dazu bemerkt: „Worauf es ankam, war aus einem Nichts von Material etwas für den Augenblick hinreichend Verblendendes zu machen“.

Krull empfindet zutiefst das Illusionäre einer Gesellschaft, die, weitgehend der Dekadenz verfallen, getäuscht werden will, und zelebriert genüsslich das Komische, das aus dem Widerspruch zwischen Schein und Sein entsteht. Die Begegnung mit dem luxemburgischen Marquis de Venosta wird schließlich zur größten und phantastischsten Bewährungsprobe seiner Verwandlungskunst: Um weiter ungestört, ohne enterbt zu werden, bei seiner Pariser Geliebten verweilen zu können, bietet dieser ihm an, an seiner Stelle, mit falscher Identität, die Weltreise zu unternehmen, auf die seine Eltern eigentlich ihn schicken wollen.

So bricht Krull als vermeintlicher Markgraf nach Lissabon auf, in der Erwartung, von dort nach Süd- und Nordamerika, in die Südsee und nach Japan zu gelangen, und der Zuschauer hat keine Zweifel, dass er auch in der großen weiten Welt seinen Weg machen wird.

Ein Programm, das ausgezeichnet an die iDSB passte, die sowohl auf ein Leben in dieser großen weiten Welt (freilich nicht als Hochstapler!) vorbereiten als auch Botschafterin deutscher Kultur im Ausland sein will. Wenn beides mit so viel Vergnügen verbunden ist – umso besser.

 

Friedhelm Tromm

 

 

Tags: Theater

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