Ein österreichisches Heimspiel: Alfred Dorfer auf der iDSB-Bühne

kabarettVon Friedhelm Tromm.

Dies wird sicher ein Heimspiel“, so kündigte Schulleiter Jürgen Langlet den heiß erwarteten Auftritt des Wiener Kabarettisten Alfred Dorfer an, der am Abend des 4. Februar mit seinem Programm „fremd-solo“ die iDSB-Kabarettbühne betrat. Aus gutem Grund, waren an diesem Abend doch eindeutig die Österreicher in der Mehrheit, die Dorfer nicht zuletzt aus Film und Fernsehen gut kennen und ihn nun, dank der Zusammenarbeit mit dem „Österreichischen Kulturforum“, einmal live, in Brüssel, erleben konnten.

Auch in Deutschland weiß man den Künstler zu schätzen. Er erhielt den Bayerischen Kabarettpreis 2009, da er laut Bayerischem Rundfunk „legendär für seinen bitterbösen Humor und seinen gnadenlosen Blick“ sei.

Gnadenloser Blick

Genüsslich richtete Dorfer diesen ‚gnadenlosen Blick’ auch auf Deutschland, mehrfach an diesem Abend: „Ja, es gibt ein Flüchtlingsproblem, über das selten gesprochen wird, jährlich kommen nämlich über 32 000 deutsche Studenten nach Österreich, weil sie in Deutschland den Numerus Clausus nicht geschafft haben, und meistens kommen sie unbegleitet. Wir nennen sie ganz zärtlich ‚Intelligenzflüchtlinge’. Alle werden von uns kostenlos ausgebildet. Aber, beklagen Sie sich nicht, wenn Sie in Deutschland mal von einem schlechten Arzt behandelt werden, das ist dann die Rache.“

Doch nicht nur auf Deutschlands Akademiker hat er es abgesehen („Dort glauben doch manche, wenn sie etwas aus der Zeitung abschreiben, ist das schon eine Dissertation“), sein Spott gilt auch dem Zustand deutscher Autobahnen („Du stehst auf deutschen Autobahnen eigentlich immer im Stau, das aber ohne Tempolimit – gibt es ein buddhistischeres Gleichnis?“). Mehr noch stört ihn allerdings, dass „in weiten Teilen Deutschlands der Buchstabe ‚i’ am Verschwinden ist“ – wie zum Beispiel in dem Wort „ürgendwie“. Ob dieser Sprachverfall auf die deutschen Talkshow zurückzuführen ist? Dort sagen Gäste schließlich Sätze wie: „Komm doch zu MICH zurück, denn ich liebe DIR“ (Dorfers Kommentar dazu: „Ja, es ist schwer, die Fälle zu unterscheiden, wenn man selbst einer ist“).

Hintersinnige Betrachtungen

Auf seiner Suche nach den Gründen für die Misere richtet er seinen Blick auch in die Geschichte: „Also, einige Sachen waren nicht so erfolgreich, wie zum Beispiel die Sache mit Troja. Nun, einige Trojaner sind entkommen, und wir sind die Nachkommen dieser Volltrottel, die das Pferd reingelassen haben, das sollte man nicht vergessen.“

Doch hatte nicht auch das sein Gutes? „Die haben schließlich in Rom unsere Kultur gegründet“, philosophiert Dorfer, „sonst wären die Germanen schon viel früher nach Italien gekommen und die Sterne hießen jetzt nicht ‚Saturn’ oder ‚Jupiter’, sondern ‚Hans-Dieter’ und ‚Jochen’.- Stellen Sie sich vor, man würde abends sagen: Schau mal, ‚Kai-Uwe’ sieht man heute besonders schön.“

Vor allem aber richtet er den Blick auf das eigene Leben und fragt sich: „Was bleibt von einem Menschen? Das, was er getan hat, oder das, was er nicht getan hat?“ und denkt sich anschließend gleich mehrere fiktive Biographien aus.

Das Nachdenken sei ihm von frühester Kindheit an eigen gewesen: „Da ich mit mir nie einer Meinung war, habe ich schon früh begonnen, mit mir zu diskutieren“, denn „einer von mir vier war diese Sehnsucht, mit dem Verstand alles begreifen zu können.“

Ein Vordenker und Nachfrager

Ja, Dorfer will es wissen und sucht nach echten Antworten, nicht so wie die Psychologen, die auf die Frage „Wissen Sie, wo der Bahnhof ist?“ antworten: „Nein, aber wir können gerne drüber reden“ – nach dem Motto „nichts verstehen, aber für alles Verständnis haben.“

kabarett2Auch nicht so, wie die meisten Männer („Wir Männer wissen nix, das aber besser. Wir haben keine Ahnung, aber genau DAS können wir ausführlich erklären“). – „Früher, als die Frauen das Sagen hatten“, meint er, „war die Sache klar: Die Erdäpfel wuchsen – oder nicht“. Die Männer aber hätten die Parole ausgegeben: „Auch wenn sie nicht wachsen, machen wir einen Erfolg daraus“. Denn: „Nicht mehr das Erreichte zählt, sondern das Erzählte reicht.“

Er bezweifelt die Aussagen großer Philosophen: „’Cogito ergo sum’ – heißt das, es gibt zum Beispiel die Erdbeere nur, weil sie sich was denkt?“.

Und ihn stören populärphilosophische Sätze, wie „Der Weg ist das Ziel“. – „Bin ich also schon besoffen, wenn ich durstig bin?“, fragt er zurück und fügt hinzu: „Jeder, der schon mal einen Halbmarathon gelaufen ist, weiß: Der Weg ist ganz sicher NICHT das Ziel!“.

Die Weisheit der Theologen ist für ihn gleichermaßen fragwürdig: „Wenn Gott allmächtig ist, ist er dann so schnell, dass er mit sich selber Tischtennis spielen kann. Und wenn ja: Wer macht dann den ersten Punkt?“. Und schließlich haben sich auch hohe Geistliche schon geirrt („Nicht Galileo hat sich verrechnet, sondern der Papst hat sich verglaubt“).

Selbst die Autorität der Wissenschaft zieht er erheblich in Zweifel, wie zum Beispiel diejenige der im Moment ach so populären Hirnforschung: „Die haben doch TATSÄCHLICH festgestellt, dass man etwas besser lernt, wenn man es gerne macht – also manchmal setzt auch bei der Hirnforschung das Hirn aus.

Besser als jede Therapie

Ja, Dorfers Pointen-Feuerwerk massiert nicht nur das Zwerchfell, sondern bringt auch die grauen Zellen in Schwung. Jedenfalls, so Dorfer, der sich zum Schluss herzlich bei der „Anstaltsleitung“ bedankt“, sei für ihn eine Kabarett-Veranstaltung besser als jede Psychotherapie: „In der Psychotherapie heißt es: Ich rede von meinen Problemen und muss dafür bezahlen. Hier ist es umgekehrt: Ich spreche von meinen Problemen und SIE bezahlen“.

In diesem Fall sicherlich gerne, denn an diesem Abend ist wohl jeder im Publikum auf seine Kosten gekommen.

Bericht und Fotos: Friedhelm Tromm

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