Ein Mensch ist gegangen

Zum Tod von Marcel Hastir

Ein Mensch ist gegangenDer Maler Marcel Hastir, geboren am 22. März 1906, glaubte an den Kreislauf des Lebens, an die Wiederkehr in anderer Gestalt. Der Tod machte ihm keine Angst, wie er mit seinen 105 Jahren immer wieder gelassen betonte. Am Samstag, den 1. Juli 2011, ist er in den frühen Morgenstunden gestorben.

Noch am Wochenende zuvor hatte er in seinem Atelier mit Genuss zwei Konzerte mitgehört, welche die ganze Spannbreite seiner musikalischen Leidenschaft symbolisieren können: auf der einen Seite Musik der Völker, in diesem Fall Musik aus Irland, auf der anderen Seite klassische Musik, mit Violinstücken von verschiedenen Komponisten und Interpreten.

 

Lebenselixir

 

Musik war für Marcel Hastir seit Jugendjahren ein Lebenselixier, nachdem er als Gehilfe seines Stiefvaters bei Eugène Ysaye zu arbeiten hatte und dabei den Meister bei seinen Übungen belauschen konnte. Er wurde selbst nicht zum großen Musiker, aber er entwickelte sein Ohr und wurde zum Entdecker und Förderer von unzähligen jungen Talenten – Violinisten, Pianisten, Gitarristen, Sängern. Sein Atelier vibrierte, lebte, wurde bekannt durch die Qualität der Künstler, die Marcel Hastir an Land zog – auch in Theater und Tanz, auch beispielsweise Marcel Marceau und Maurice Béjart.

Geboten wurde aber keine Musik in neutralem Rahmen: dieser Saal war wirklich ein Atelier, in dem tagsüber gemalt und gezeichnet wurde. Die Wände behangen mit den Großwerken des Meisters – Portraits, Aktgemälde. Marcel Hastir verdiente mit Portraits begüterter Bürger und auch mit Restaurierungsarbeiten seinen Lebensunterhalt. So manche seiner Portraits gingen jedoch nicht an Kunden, sondern verblieben in seinem Atelier. Sie stellen Menschen dar, die er einfach auf der Strasse getroffen und in sein Atelier mitgenommen hatte. Aus der Vielzahl seiner Bilder lässt sich eine immense „Neugier am Menschen“ herauslesen, die sicherlich die Charakterisierung als humanistischer Maler rechtfertigt.

 

Im Widerstand

Ab 1940 war Marcel Hastir in seinem Atelier aber nicht allein. Er umgab sich mit einer Schar von jungen Menschen und machte den deutschen Besatzern tatsächlich weis, dass er von jeher eine Malschule betrieben hätte. Unter die Malschüler mengten sich jedoch auch junge Menschen, die an ihrer Wohnadresse nicht mehr sicher waren, die einen Abtransport nach Deutschland befürchten mussten. Er besorgte ihnen ein Alibi, ein Dach, ein Bett, gefälschte Papiere, half zur Flucht in die Ardennen. Einige seiner jüdischen Freunde, Männer des Widerstands, wurden dennoch ermordet. Er redete immer wieder mit Bewunderung von ihnen.

Vor dem Krieg hatte Marcel Hastir alljährlich als Präsident der jungen Theosophen Belgiens in den Niederlanden an einem Sommercamp teilgenommen, das von den Reden des berühmten Inders Krishnamurti geprägt wurde. Es ging um Frieden, mit sich selbst, zwischen den Menschen, zwischen den Völkern. Nach dem Krieg reichte Marcel Hastir diese Botschaft in seinem Atelier weiter. Er lud Streiter der Menschlichkeit wie Lanza del Vasto, Père Pire und Abbé Pierre zu Vorträgen ein. Sein Bestreben war, sein Atelier zu einem ganzheitlichen Ort zu machen, an dem sich Malerei, Musik und andere Künste mit Philosophie und mit Zivilcourage vermengen.

Ehrungen

Wenn man den öffentlichen Ehrungen glauben darf, so ist ihm das weithin gelungen. Er wurde zum Ehrenbürger von Stavelot (als Mitbegründer des dortigen Festivals), zum Ehrenbürger der Stadt Brüssel, zum „Mensch des Jahres 2007“ der laizistischen jüdischen Gemeinschaft ernannt. Sein Atelier wurde unter Denkmalschutz gestellt und letztlich – die Erlösung in seinem letzten Lebensjahr – von der Stadt Brüssel mithilfe von BELIRIS-Mitteln gekauft und so der Immobilienspekulation entrissen.

Marcel Hastir hat all diese Episoden mit klarem Verstand und, wenn nötig, auch mit wahrer Engelsgeduld verfolgt und kommentiert. Für alle, die ihn in den letzten Jahren in dem Bemühen um die Rettung seines Ateliers begleiten durften, wurde dies so zu einer positiven „Lektion für’s Leben“.

„Mein Atelier soll nicht sterben“

Welche Ehrung Marcel Hastir nun erweisen? Die Antwort liegt auf der Hand: Er sagte „Wenn ich sterbe, soll mein Atelier nicht sterben !“ Die Mitglieder seiner Stiftung und seiner ASBL verstehen dies als Auftrag und haben auch bereits das Programm 2011/12 fertiggestellt. Doch dieser Aufruf richtet sich auch an alle Leser: kommen Sie zu den Konzerten und anderen Veranstaltungen. Schreiben Sie uns unter Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-Mailateliermarcelhastir(at)gmail.com und Sie bekommen unsere Ankündigungen.

Zusätzlich können Sie die anstehenden dringenden Renovierungsarbeiten durch eine Spende über die Fondation Roi Baudouin unterstützen: Konto Nr. 000-000 000 4-04 mit der Bemerkung „L82160 – Fondation Atelier Marcel Hastir“.

Die Trauerfeier für Marcel Hastir findet am 7. Juli um 10 Uhr in der Kathedrale Saint Michel und Sainte Gudule statt, danach die Beerdigung im Friedhof Ixelles neben seinem alten Freund Carl Sternheim (das Grab seiner Frau gibt es nicht mehr). Im Anschluss treffen sich die Freunde von Marcel Hastir in seinem Atelier um „Kräfte zu sammeln“ und Marcel noch einmal im Film zu begrüßen.

 

Von  Roland Schmid

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