Ein Europäer der ersten Stunde

Capture d’écran 2014-06-22 à 12.03.4885 Jahre alt ist Dieter Rogalla geworden. Er starb im Januar 2013 an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruchs, den er sich im September zugezogen hatte. Zwanzig Jahre lang war er Beamter der Europäischen Kommission und dreizehn Jahre lang Europaabgeordneter in Brüssel und Straßburg. Er war Dr. jur., zuerst Beamter der deutschen Zollverwaltung und im Bundesfinanzministerium, Hochschullehrer, Buchautor, und im politischen Ruhestand schließlich Rechtsanwalt in Deutschland.

Zur ersten Direktwahl des EP zog er 1979 mit „Rogallas Straßentheater“ durch die Lande und warb als Autor, Regisseur und Mitwirkender für die Wahl des EP und seiner Partei. Als Abgeordneter hatte er im Plenarsaal stets eine Miniatur-Zollschranke vor sich aufgebaut, um seinen Einsatz für den Binnenmarkt und gegen Grenzkontrollen zu unterstreichen. Auch als Mitbegründer der legendären „Känguruh-Gruppe“ setzte er buchstäblich über die Grenzen.

Zollschranken sucht man heute vergebens an den Grenzen, und auch die irreführenden „Zoll“-Schilder sind verschwunden und haben Schildern mit den Namen der aneinander grenzenden Länder im blau-gelben Europa-Design Platz gemacht. Wer weiß, ob dies alles ohne Dieter Rogallas unermüdlichen Einsatz zustande gekommen wäre?

Tausende von Kilometern im Fahrradsattel

Rogalla (Spitzname „Eurogalla“) war einer der seltenen Politiker, die aus einer internationalen Beamtenkarriere umsteigen und in ihrem Land mit Erfolg für ein Abgeordnetenmandat kandidieren. Das gelingt nur, wenn man lange den Kontakt zur Basis gepflegt hat und große, grenzüberschreitende Anstrengungen macht. Auf 29 Radtouren im Kreise Gleichgesinnter hat der SPD-Politiker bis zum Jahre 2011 Europa per Fahrrad erkundet und überall mit Bürgerinnen und Bürgern diskutiert und für ein vereintes Europa geworben. Ein großer Sportler war er ohnehin: Jedes Jahr stellte er sich bis ins hohe Alter dem Leistungswettbewerb für das „Goldene Sportabzeichen.

Sein Vermächtnis: Die offenen Grenzen in der EU

Dieter Rogalla wuchs in Weißwasser in der Oberlausitz auf und war noch Soldat im Zweiten Weltkrieg. Die schlimmen Fronterfahrungen ließen ihn zu einem internationalen Vorkämpfer für ein vereintes Europa werden, wie er selbst berichtete. Schon als Student hatte Rogalla in den USA studiert und nach seiner Rückkehr nach Deutschland die Verbindungen nach Belgien weiter gepflegt. Er hinterlässt seine Frau, vier Kinder und sechs Enkelkinder.

Wer sein Andenken ehren will, sollte sich gegen aktuelle Betrebungen einsetzen, die offenen Grenzen in der EU wieder zu verengen und das Recht von Bürgerinnen und Bürgern auf Freizügigkeit und Reisefreiheit einzuschränken. Politische Radtouren in Europa werden weiterhin stattfinden – ohne Eurogalla.

 

Autor: Jan Kurlemann

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