Die Wiedergeburt der Viola da Spalla. Sigiswald Kuijken spielt Musik, wie Bach sie vernahm

17488d56a5Für jeden Sonntag des kirchlichen Jahres eine Kantate, das ist das Bachkantaten-Projekt von Sigiswald Kuijken. Mit seinem Barockensemble „La Petite Bande“, das er 1972 gründete, führt er seit zwei Jahren ausgewählte Kantaten als Konzerte auf. 

Für den Geiger und Dirigenten Sigiswald Kuijken (Brüssel, 1944) sind Partituren wie Geschenke. Sie ermöglichen es ihm, die schwarzen Tupfen aus den Notenbüchern stets aufs Neue als Musik zu gestalten. Im Februar 2007 bekam der passionierte Musiker den Titel eines Ehrendoktors an der Katholischen Universität Leuven für seine Interpretationen alter Musik.

In den nächsten Monaten wird der international anerkannte Bach-Interpret an zwei wichtigen Projekten arbeiten:

  • Die Melomanen erwarten im Frühjahr 2008 Kuijkens Interpretation von Bachs sechs Cellosuiten auf historischer Viola da Spalla.
  • Noch bis 2011 sind weitere seiner eigenwilligen Aufnahmen von Bachkantaten mit seinem instrumentalen und vokalen Ensemble „La Petite Bande“ fest eingeplant.

Die Essenz der Musik

„Die Vierstimmigkeit ist die Essenz der Musik. Alles andere ist Schmuck. Die Besetzung für Streichquartette ist das Alfa und Omega der Musik“, meint Sigiswald Kuijken. Seit 1986 spielt er mit seinem Kuijken-Streichquartett (mit François Fernandez, seiner Frau Marleen Thiers und seinem Bruder Wieland) Mozart- und Haydnquartette. Seine Konzerte und Aufnahmen von Mozarts Requiem in einer Bearbeitung für Streichquartette illustriert genau Kuijkens Streben als Musiker.

Auch bei Aufführungen der Brandenburgischen Konzerte in diesem Sommer strich Sigiswald Kuijken die, wie musikwissenschaftliche Studien erwiesen, im Laufe der Zeit hinzugefügten Stimmverdoppelungen. So realisierte der immer forschende Musiker eine Weltpremiere.

Das Schulter-Cello

Die Besetzung soll also schlicht und authentisch sein. Aber für den Dirigenten sind auch die Instrumente selbst ganz wichtig. Bei den Bachkantaten und bei den Brandenburgischen Konzerten spielt Sigiswald Kuijken die Viola da Spalla. Dieses Instrument ist für ihn das musikalisch und historisch richtige. Von diesem Schulter-Cello ließ der Kenner alter Instrumente 2004 nach Vorbildern aus den Instrumentenmuseen in Brüssel und Leipzig versuchsweise eine Kopie bauen. Er war begeistert von den Möglichkeiten dieses „neuen“ Instruments. Es öffnete sich für den Geiger ein weiteres Repertoire: die Cellosuiten von Bach.

So wie bei den Kantaten gibt es auch von den Cellosuiten zahllose Interpretationen. Bei vielen Cellisten wächst das Verlangen, diese technisch schwierigen, doch expressiv umfassenden Kompositionen zu beherrschen. Sigiswalds Bruder Wieland spielt diese Musik schon seit Jahren und realisierte 2004 seine lyrische Version. Im Dezember spielt Sigiswald Kuijken die Suiten 4, 5 und 6 in Damme, Maasmechelen und Elsene und schließt daran CD-Aufnahmen an. Die ersten drei Suiten wurden bereits im vorigen Jahr aufgezeichnet.

Nicht nur aufgeputschter Tiefsinn

Kuijkens Interpretation ist die erste auf einer Viola da Spalla. „Es ist wichtig für mich, über ein Instrument zu verfügen, für das der Komponist seine Musik gedacht hat. Das richtige Instrument ist eine notwendige Hilfe, wieder den ursprünglichen Klang zu erfassen. Es gibt der Musik ihre ursprüngliche Natur zurück. Wenn man diese Suiten auf einem modernen Cello spielt, ist man gezwungen, sie in ein schweres philosophisches Gewand zu hüllen. Die Viola da Spalla ermöglicht spielerische Elemente; wir lernen, dass solche Kompositionen nicht nur Virtuosität und aufgeputschten Tiefsinn ausdrücken.“

Die tiefbraune und elegante Viola da Spalla wird an einem Tragband, fast wie eine Gitarre, um den Hals gehängt. Das Instrument lehnt sich an die rechte Schulter an. „Die Viola da Spalla ist ein gemütliches Instrument. Es hängt ganz nah am Leib. Die Schwingungen dringen unmittelbar in die Brust hinein. Ich liebe es, mit meinem Instrument zu erzählen, sagt Kuijken. Er spielt die aristokratischen Bachkompositionen wie ein schlichter Troubadour.

Das Bachkantaten-Projekt

Für jeden Sonntag des kirchlichen Jahres eine Kantate, das ist das Bachkantatenprojekt von Sigiswald Kuijken. Mit seinem Barockensemble „La Petite Bande“, das er 1972 gründete, führt er seit zwei Jahren ausgewählte Kantaten als Konzerte auf. Zugleich nutzt er die Proben und Konzerte für die CD-Produktion.

Bei der Aufnahmenserie, die er 2005 begann, strebt Sigiswald Kuijken nach einer gesteigerte Authentizität. Die Kantaten, so wie auch Kuijkens Herzenskantate „Ich habe genug“ mit dem kräftigen Bild vom Menschen, der blind und unwissend ist, klingen überraschend neu. Sigiswald Kuijken verdoppelt keine Stimme. Die Besetzung wird auf das Minimum reduziert. „So war es in Bachs Zeit und nur so zeigt die Musik ihr wahres Gesicht. Bei einer solch kleinen Besetzung ist ein Dirigent nicht unbedingt notwendig. Die Kantaten werden zu kollektiven Andachtsmomenten“, erläutert Kuijken.

In den lutherischen Kantaten-Texten des 16ten und 17ten Jahrhunderts entdeckte der Flame neben dem reizvollen Reichtum an Metaphern aus der Bibel und der Antike viel künstlich gestaltete Poesie, in die er mit seiner Gefühlswelt und Einbildungskraft eintauchte. Sigiswald Kuijken ist auch immer selbst ein bisschen Poet. Im CD-Büchlein, das die Aufnahmen begleitet und dessen deutsche Texte er selbst verfasst hat, gibt er eine konkrete „Einführung zum optimalen Einhören in die Bach-Kantaten“. So kann der Hörer die Musik auch intellektuell erfahren lernen, wie sie von den damaligen Komponisten und Zeitgenossen empfunden wurde.

Von Nathalie Haesbrouck
Fotos: Annemie Augustijns, Saskia Vanderstichele

Nathalie Haesbrouck hat Musikologie an der KUL studiert. Sie spielt Klavier und interviewt Menschen über ihr Mozart-Erlebnis. Ihre Website enthält ein Interview mit Sigiswald Kuijken unter dem Titel „Mozart lässt sich nicht erklären“ und auch eigene Gedichte in niederländischer Sprache.

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