Die Rolle der Arbeiterbewegung vor dem Ersten Weltkrieg

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Helga Grebing und Werner Wobbe

Noch wenige Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs trat die Sozialistische Internationale 1914 in Brüssel zusammen. Wie war es möglich, dass Sozialistinnen und Sozialisten, die gemeinsam Strategien zur Kriegsverhinderung entwickelt hatten und deren Organisation 1913 Kandidatin für den Friedensnobelpreis war, sich fast allen in ihren Ländern hinter die Regierungen stellten und den Kriegskrediten zustimmten, die den Krieg erst möglich machten? Helga Grebing, emeritierte Professorin und die Parteihistorikerin der SPD, war auf Einladung der Friedrich – Ebert – Stiftung am 20. Oktober in Brüssel, um mit Johanna Lutz, der neuen stellvertetenden Leiterin des Brüsseler Büros, Dr. Werner Wobbe als Moderator und einem interessierter Teilnehmerkreis „in die Seele der Sozialdemokraten zu blicken“.

Zu dem „abgearbeiteten Thema“ der deutschen Verantwortung am Ersten Weltkrieg, das „wieder hochgekommen“ sei, betonte sie, dass sich alle Staaten 1914 über eins einig waren: Der Frieden war nicht das höchste Gut. Und die aktuelle Debatte in Deutschland brachte Helga Grebing mit dem Wunsch in Verbindung, deutsch sein zu können wie andere englisch oder französisch sein könnten. Ihr Fazit: „Das gilt für Deutsche nicht“. Eben aus Gründen der Geschichte.

Die Referentin erinnerte an die Lage der sozialistischen Parteien vor dem Kriege. Die SPD hatte seit 1878 unter dem Druck des Sozialistengesetzes gestanden, das praktisch alle Tätigkeit der SPD und der Gewerkschaften verbot und der Partei nur die Teilnahme an Wahlen beließ. Seit 1890 konstituierte sie sich neu mit und gab sich das Erfurter Programm.
Der Klassenkampf sollte international sein und durch die Übernahme der politischen Herrschaft zum Sozialismus führen.

Die Internationale mit Sitz in Brüssel

Die Sozialistische Internationale tagte regelmäßig und hatte ein Ständiges Büro in Brüssel, unter der Leitung des Belgiers Camille Huysmans. Das Verhältnis der Delegierten zueinander war herzlich, und Sprachkundige dolmetschten für die anderen in den drei Arbeitssprachen Deutsch, Englisch und Französisch. Man sang die Lieder der Arbeitergewegung auf den Kongressen, und zum Abschluss gab es regelmäßig ein „Verbrüderungsbankett“. Es entwickelten sich aber Dissonanzen zwischen den führenden Persönlichkeiten wie Jean Jaurès und August Bebel, und die Führungsrolle verschob sich von der SPD zu den französischen Sozialisten.

Politische Ohnmacht der SPD

Helga Grebing berichtete: Jaurès, der wenige Tage vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges von einem Rechtsradikalen ermordet werden sollte, sang in der Internationale das Hohelied der französischen Arbeiterbewegung, die die Republik gerettet habe, und sprach von der „politischen Ohnmacht“ der SPD. Sie erhielt zwar ein Drittel der Stimmen bei der Reichstagswahl, aber nur ein Drittel der Mandate. Die SPD, deren Prinzip lautete: „Für dieses System keinen Mann und keinen Groschen“, identifizierte sich stärker mit dem Staat und beteiligte sich beispielsweise an der Debatte über die Herresreform.

Die sozialistische Parteiem waren gegen den Krieg, aber als es dazu kam, beteiligten sie sich. Wie es Kaiser Wilhelm II sagte. Er kannte keine Parteien mehr, nur noch Deutsche. In anderen Ländern war es ebenso. Es gab nur wenige Dissidenten.

Ein neuartiger Krieg

In ihrer Schlußbemerkung ging Prof. Grebing auf die Vorstellung vom Kriege im Jahre 1914 ein. Man dachte an den Krieg 1870 – 71, doch der Erste Weltkrieg war etwas ganz anderes: Mit dem Einsatz von Geschützen wie die „Dicke Berta“ und Panzern, von Flugzeugen und U – Booten. Mit zahllosen Toten und Verwundeten. Was blieb, war das „Ausrasten der Gewalt“ in der Weimarer Republik, noch vor dem Dritten Reich. Zu wenige Lehren wurden aus dem Krieg gezogen.

Werner Wobbe erinnerte an den „sozialpolitischen Umbruch“ durch den Krieg. Die alte, herrschende Schicht war danach nicht mehr da. Die sozialdemokratischen Parteien spalteten sich, und zwar schon während des Krieges. Europa sah anders aus.

Jan Kurlemann

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