„Die Frau vom Checkpoint Charlie“

20.02.2013Über 50 deutschsprachige Schülerinnen und Schüler der Europäischen Schule II im Alter zwischen 16 und 17 Jahren waren an ihrem freien Tag zur Hessischen Landesvertretung in Brüssel gekommen. Sie alle wollten die Geschichte von Jutta Fleck, ehemals Gallus hören, die als „die Frau vom Checkpoint Charlie“ international bekannt wurde.

Zuvor hatten sie den gleichnamigen Spielfilm gesehen, der mit Veronika Ferres in der Hauptrolle verfilmt wurde. Jutta Fleck las den jungen Leuten anschließend abwechselnd mit der Autorin Ines Veith aus dem Buch vor, das die Romanvorlage für den Film lieferte, und stand Belgieninfo für ein Interview zur Verfügung.

Frage:

Der Film: „Die Frau am Checkpoint Charlie“ mit Veronica Ferres war ein Riesenerfolg und hat niemand unberührt gelassen. Dennoch hebt er sich von Ihrer realen Lebensgeschichte ab. Im Film wurde viel weggelassen, ausgeschmückt und dramatisiert.

Jutta Fleck:

Es richtig, dass einiges ausgelassen und hinzugedichtet wurde, aber der rote Faden, der die Handlung durchläuft, stimmt. Was mein reales Leben anbetrifft, so verlief es noch viel dramatischer als im Film. Wichtig war mir, dass sich mein Entschluss, mit meinen Kindern die DDR zu verlassen, um in einem freien Land zu leben, wie ein roter Faden durch die gesamte Handlung zieht.

Frage:

Wann reifte in Ihnen der Entschluss, die SED-Diktatur zu verlassen?

Jutta Fleck:

1975 stellte ich den ersten Ausreiseantrag. Ich erhielt keine Antwort.

Frage:

Kannten Sie Fluchthelfer oder Menschen, denen die Flucht gelungen war?

Jutta Fleck:

Eine Arbeitskollegin erzählte mir, dass ihr Mann über Ungarn flüchten wolle, und sie dann mit ihren Kindern nachkommen solle. Sie nannte mir den Fluchtweg, aber ihr Mann wurde erwischt, während seine Frau zu Hause auf gepackten Koffern saß. Ich war mir also bewusst, dass die Flucht in die Bundesrepublik nicht ungefährlich war, aber ich hatte so meinen Plan. Für unseren „Urlaub“ beantragte ich ein Visum für Bulgarien und nahm Kontakt zu einer Fluchthelfer-Organisation auf. Dort angekommen gab ich mich als bundesdeutsche Urlauberin aus, die in Bad Oeynhausen lebte, und der alle Papiere gestohlen worden seien. Ich konnte man Glück kaum fassen, als mir am nächsten Tag frisch gedruckte grüne Pässe ausgehändigt wurden.

Doch wir mussten wegen eines Ausreisevisums für die Bundesrepublik noch auf das Auswärtige Amt im Bukarest. Dort ging alles blitzschnell. Ohne große Diskussion wurden wir aufgefordert, in ein Militärauto zu steigen, das uns sogleich zum Flughafen brachte, wo uns Vertreter der DDR-Botschaft erwarteten. Alles wäre eindeutig und klar, man habe meine Dokumente, ich sei schon die Richtige, Leugnen helfe nicht.

Heute weiß ich, dass ich verraten wurde, und dass es ein richtiges Spitzel-Netzwerk gab. Unter den Verrätern war sogar ein Bundesbürger, und zwar ein Entwicklungshelfer, der für die Staatssicherheit arbeitete.

Frage:

Wie ging es dann weiter?

Jutta Fleck:

Nach einer Woche wurde ich mit den Kindern nach Ostberlin ausgeflogen. Ich kam gleich in Untersuchungshaft und konnte mich nicht einmal von meinen Kindern verabschieden.

Frage:

Nicht nur diejenigen, die Ihr Buch gelesen haben wissen, dass Ihr Gefängnisalltag eine einzige Hölle war, Sie nach 26 Monaten für etwa 100.000 DM freigekauft wurden, ihre Töchter aber nicht „nach drüben“ mitnehmen konnten, und dass Ihnen ohne diese in der Bundesrepublik alles keinen Sinn machte.

Jutta Fleck:

Genau so war es. Schon im Aufnahmelager Gießen überlegte ich, was ich für meine Töchter tun könne. Am Checkpoint Charlie stellte ich dann Plakate mit der Aufschrift „Freiheit für meine Kinder“ auf. Danach gab es viel Presse, mir wurde von allen Seiten geholfen. Doch erst im Jahr 1988 konnte ich meine Töchter, die dann bereits 15 und 17 Jahre alt waren, in einem Berliner Anwaltsbüro um den Hals fallen. Zuerst haben wir alle fürchterlich geweint, danach wurde Sekt getrunken.

Heute sind meine Töchter, zu denen ich ein wunderbares Verhältnis habe, 40 und 42 Jahre alt. Beate heiratete einen Belgier, und lebt in der Nähe von Brügge, während Claudia als selbstständige Cutterin in München arbeitet.

Frage:

Und was machen Sie heute?

Jutta Fleck:

Ich arbeite seit September 2009 bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, wo ich mit dem Schwerpunktprojekt „Politisch-historische Aufarbeitung der SED-Diktatur“ befasst bin. Damit all das nicht in Vergessenheit gerät, veranstaltet die Hessische Landeszentrale für politische Bildung Projekttage an Schulen, bei denen Zeitzeugen zu Wort kommen. Es ist mir ein persönliches Anliegen, den jungen Leuten von heute nahe zu bringen, was es für ein unglaubliches Geschenk ist, frei zu sein. Insofern bin ich dem Bundesland Hessen (im Bild Fleck mit dem Leiter der LV Hessen, Friedrich von Heusinger) sehr dankbar dafür, dass ich mit dieser Aufgabe betraut wurde.

Text und Fotos: Heide Newson

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