Die belgische Krankheit

270514_MSR_0Das Ergebnis der belgischen Regional- und Föderalwahlen steht fest. Am 25. Mai wählte jeder dritte Flame die rechtsnationalistische N-VA (Neue Flämische Allianz), die für einen unabhängigen Staat Flandern eifert. Im Vergleich zur letzten Wahl im Jahr 2009 hat sie in vielen Wahlkreisen bis zu 20 Prozent zugelegt. Marion Schmitz-Reiners kommentiert.

Die klassischen Parteien – Liberale, Christdemokraten und Sozialisten – konnten sich in Flandern behaupten. Der fremdenfeindliche und separatistische Vlaams Belang dagegen liegt in den letzten Zügen: Einst hatte die Partei ebenso viel Wähler wie heute die N-VA, nun gelangte sie mit Ach und Krach an 5 Prozent der Stimmen. Die Vermutung liegt nahe, dass die ehemaligen Vlaams-Belang-Wähler mehr oder weniger geschlossen die N-VA gewählt haben.

Das mag einer der Gründe für den Erfolg der N-VA sein. Der andere ist der tief verwurzelte Minderwertigkeitskomplex der Flamen. Seit jeher fühlen sie sich von den französischsprachigen Belgiern unterdrückt, wobei sie blind dafür scheinen, dass Flandern schon lange zu den wohlhabendsten Regionen Europas gehört. „Endlich kann Flandern hoch erhobenen Hauptes der Zukunft entgegen gehen“, rief N-VA-Chef am Wahlabend triumphierend den Seinen zu.

Meisterhaft spielt De Wever auf dem Klavier flämischer Emotionen. Eine Antwerpener Lehrerin aus reichem Hause outete sich mir gegenüber kürzlich bei einem Abendessen in ihrer schmucken Villa als N-VA-Wählerin. „Als Kind wohne ich in Dilbeek (eine flämische Gemeinde im Brüsseler Rand, Anm.d.Red.). Wenn wir Niederländisch sprachen, wurden wir schief angesehen. Das sind Verletzungen, die vergisst man nie.“ Ich fragte, wie lange das her sei. Sie sagte: „Vierzig Jahre.“

„Wir brauchen einen starken leider (Führer)“, meinte eine andere Flämin – Flandern ist nun einmal katholisch-konservativ und verlangt nach hierarchischen Strukturen. Und die Privatwirtschaft wählt De Wever, weil er auf ihrer Seite steht: Neuerdings soll in Antwerpen alles Geld in den Hafen fließen. Für Kultur und Soziales bleibt da selbstverständlich kaum noch etwas übrig.

Bart De Wever hat seinen Wahlkampf um den Slogan „N-VA-Modell contra PS-Modell“ aufgebaut. Das „N-VA-Modell“ begünstigt den Individualismus, ist leistungsorientiert und steht für das Recht des Stärkeren. Das „PS-Modell“ ist für Solidarität, auch mit den Schwachen. Dass in der Vergangenheit oft Missbrauch damit getrieben wurde, dass in der Wallonie große Summen in dunklen Kanälen verschwanden, das steht auf einem anderen Blatt.

Elio di Rupo war ein sanfter, lächelnder Premier. Jetzt steht uns möglicherweise einer bevor, der selten oder nie lacht und extrem asketisch lebt. Askese fordert er auch von den Flamen: „Wir müssen zwei Jahre den Gürtel enger schnallen, dann wird es aufwärts gehen.“ Aufwärts – wohin? Dreht sich alles nur noch ums Geld? Wo ist das bunte, fröhliche, genussfreudige und weltoffene Belgien geblieben, dass wir einst kannten? Noch steht in den Sternen, wie es weitergehen soll. Die klassischen Parteien haben zusammen genug Stimmen, um auch ohne die N-VA regieren zu können. Aber wenn der flämische Wählerwille negiert würde, dann würde alles nur noch schlimmer. Das wissen sämtliche belgischen Politiker von links- bis rechtsaußen.

Schon pirschen sich die flämischen Liberalen und Christdemokraten an die N-VA heran. Um dann gemeinsam nach Brüssel zu ziehen und die Parteien im Süden des Landes unter Druck zu setzen. Aber welche frankophone Partei wird schon mit einer flämischen Partei koalieren wollen, die das Ende des Königreichs betreibt? Was auch ein Ende des Finanztransfers von Nord nach Süd impliziert? Belgien leidet an einer Autoimmunerkrankung: Es frisst sich selber auf.

 

Ein Kommentar von Marion Schmitz-Reiners

Tags: Parteien

Ein Kommentar

  1. Tobias Stricker schreibt:

    Belgien ist das Paradebeispiel weshalb Transferunionen niemals funktionieren. Die einen werden zu Transferjunkies, die anderen wählen deshalb zunehmen extreme Parteien, welche alles in Frage stellen.

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