Die Belagerung Antwerpens

Der Durchmarsch der Deutschen durch Belgien Anfang des 1. Weltkriegs wirkte sich verheerend auf Antwerpen aus. König Albert I. und die Staatsspitze hatten sich in der „uneinnehmbaren Stadt“ verschanzt, bevor sie von den Deutschen erobert wurde. Hunderttausende von Menschen flüchteten im Oktober 1914 aus der brennenden Metropole nach Westen und nach Holland.

Am 17. August 1914 wurde Brüssel vor den aus Richtung Osten aufrückenden deutschen Truppen evakuiert. König Albert I., Regierung und Parlament sowie die Heeresleitung zogen sich nach Antwerpen zurück. Die Hafenstadt galt als das „nationale Bollwerk“ (national réduit) Belgiens. Sie war von einem doppelten Festungsgürtel aus 96 Bastionen umgeben und wurde deshalb für uneinnehmbar gehalten.

Mit dem Eintreffen des Königs wurde Antwerpen für sieben Wochen zur provisorischen Hauptstadt Belgiens. Albert I. zog in den Königlichen Palast an der Meir ein, das Parlament ins Opernhaus, der Senat ins Stadttheater und der Generalstab der Armee in den Palast des Provinzgouverneurs. Aber schon am 25. August kam der Krieg in Antwerpen an: Die Stadt wurde von einem Zeppelin bombardiert – nach der Zerstörung Lüttichs am 16. August der zweite Luftangriff der Geschichte auf unschuldige Zivilisten.

Trügerische Ruhe

Danach herrscht erst einmal trügerische Ruhe. Die Deutschen reiben sich an der Marne auf, aber dann gerät die belgische Hafenstadt ins Fadenkreuz der Militärstrategen. Sie liegt an der Durchmarschroute nach Nordfrankreich und zum Ärmelkanal. Am 28. September steht die deutsche Artillerie vor dem Festungsring. Er ist gegen die schweren deutschen Geschütze nicht gefeit, ein Fort nach der anderem wird in Trümmer geschossen.

Die Kunde von der drohenden Einnahme Antwerpens dringt nach London. Winston Churchill, Erster Lord der Admiralität, eilt am 2. Oktober zusammen mit 2000 englischen Marinesoldaten nach Antwerpen, um Belgien zum Durchhalten zu bewegen. Er wird begeistert von einer verängstigten Menschenmenge begrüßt, die wieder Hoffnung schöpft.

Die reiche Hafenstadt ist nicht wiederzuerkennen. Außer Zehntausenden von Flüchtlingen, die das deutsche Heer seit der Einnahme Lüttichs vor sich hergetrieben hat, halten sich auch 150 000 belgische und britische Soldaten in der „Festung Antwerpen“ auf. Alle Quartiere sind überbelegt. Seit der ersten Bombardierung herrscht ab 20 Uhr Verdunklungsgebot. Sämtliche Hafenaktivitäten sind zum Erliegen gekommen.

Am 4. Oktober beschießen die deutschen Truppen Fort Lier, in dem sich die belgische Heeresleitung verschanzt hat. In Absprache mit Churchill beschließt König Albert, Antwerpen zu verlassen. Am 7. Oktober um 13.30 Uhr besteigt der König sein Auto. Über eine provisorische Schiffbrücke über der Schelde erreicht er Sint-Niklaas in Ostflandern. Auch die belgischen und britischen Truppen setzen sich nach Westen ab.

Das Chaos

Am gleichen Tag bricht um elf Uhr nachts in Antwerpen die Hölle los. Innerhalb von 36 Stunden treffen 4000 Kanonenkugeln und 140 Zeppelinbomben die Stadt. In der Südstadt explodieren die Munitionsvorräte und die Petroleumlager. Achthundert Häuser gehen in Flammen auf. Die ganze Nacht über und am nächsten Tag versuchen Einwohner und Flüchtlinge, sich über die schmale, schwankende Pontonbrücke aus der brennenden Stadt in Sicherheit zu bringen.

Der Abzug verläuft chaotisch. Die Straßen, die zum Kai führen, sind vollständig blockiert. Die Menschen stecken stundenlang fest, ohne sich einen Schritt vorwärts oder rückwärts bewegen zu können. In aller Eile haben sie ihre Habe zusammengeklaubt und schleppen sie in Schubkarren, Kinderwagen und Pferdekarren mit. Im Gedränge stürzen Menschen und Karren ins eiskalte Wasser. Der breite Strom ist in die rote Glut der brennenden Petroleumtanks flussaufwärts getaucht.

Auch Trekschuten, Muschelfangschiffe, Schleppboote und Fähren werden eingesetzt, um den Menschen die Flucht über die Schelde zu ermöglichen. Viele springen in ihrer Verzweiflung vom Kai auf Boote, die hoffnungslos überfüllt sind.

Kapitulation

In der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober beschließt der Antwerpener Stadtrat in einer geheimen Sitzung, den Widerstand aufzugeben. Am 9. Oktober trifft der siebzigjährige Bürgermeister Jan De Vos im Städtchen Kontich südlich von Antwerpen den deutschen General der Infanterie Hans von Beseler und unterzeichnet um 17.45 Uhr die Kapitulationsurkunde. Antwerpen wird unter Militärverwaltung gestellt. In den Tagen danach werden die Deutschen 1300 Geschütze beschlagnahmen und die Lagerhäuser im Hafen plündern, die mit Getreide, überseeischen Waren, Metallen, Erdöl, Fellen oder Wolle gefüllt sind.

Am 10. Oktober fliehen noch einmal Tausende von Menschen über Landstraßen rechts der Schelde nach Holland. Die Angaben über die Gesamtzahl der Flüchtlinge schwanken. Die New York Times vermeldet 150 000, die Zeitung Le Bruxellois 200 000, andere Quellen sprechen sogar von einer halben Million. Dazu gehören auch rund 33 000 belgische, britische, aber auch deutsche Deserteure, die sich in die neutralen Niederlande absetzen und dort interniert werden.

Die Schlacht um Antwerpen ist geschlagen. Von Beseler setzt den belgischen Soldaten bis zur Ysermündung nach. Am 20. Oktober beginnt dort die erste von vier grauenvollen Flandernschlachten. Im Reich kursiert derweil eine Postkarte, die der Einnahme Antwerpens gewidmet und – aus der Sicht der Besiegten und der Nachgeborenen – an Zynismus nicht zu übertreffen ist. Unter dem Porträt von Beselers und einer Ansicht Antwerpens lesen wir ein Poem mit dem Titel „Antwerpen, die Königin der Schelde“:

Rings sank dein Reich in Scherben
Vom deutschen Schwerte hin.
Dann galt es erst zu werben
Um Dich, oh Königin.

Nun nahm der deutsche Freier
Im Sturm dich in Besitz.
Das war eine Hochzeitsfeier
Mit Donner und mit Blitz.

Marion Schmitz-Reiners

 

Info:

Im Rahmen des Gedenkjahres „100 Jahre Erster Weltkrieg“ führt ein Stadtrundgang an die Orte, die die vielfältigen Bezüge Antwerpens zu Deutschland im 19. und frühen 20. Jahrhundert belegen. Geschichten, Gebäude, Familiennamen und Innenräume erinnern an Handwerker, Architekten und Künstler aus Deutschland. Dabei wird auch der Einfluss des Ersten Weltkrieges auf die „Antwerpener Deutschen“ deutlich gemacht.

Genau hundert Jahre nach der Eroberung Antwerpens durch die Deutschen, vom 3. bis 5. Oktober 2014, wird die Behelfsbrücke, über die König Albert I. und zahllose Flüchtlinge die Stadt verließen, von belgischen und holländischen Streitkräften nachgebaut. Die „Friedensbrücke“ ist von der Öffentlichkeit begehbar. Info über diese und andere Gedenkveranstaltungen in Antwerpen: www.antwerpen1914-18.be.

Im Rahmen des Gedenkjahres „100 Jahre Erster Weltkrieg“ führt ein Stadtrundgang an die Orte, die die vielfältigen Bezüge Antwerpens zu Deutschland im 19. und frühen 20. Jahrhundert belegen. Geschichten, Gebäude, Familiennamen und Innenräume erinnern an Handwerker, Architekten und Künstler aus Deutschland. Dabei wird auch der Einfluss des Ersten Weltkrieges auf die „Antwerpener Deutschen“ deutlich gemacht.

Tags: Antwerpen, WK1

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