Deutsch an letzter Stelle?

Englisch wird weltweit zur ersten Verkehrssprache, zur „Lingua franca“. Das wirkt sich auch auf den Deutschunterricht aus. Dieses Thema stand im Mittelpunkt der Jahrestagung 2014 des Belgischen Germanisten- und Deutschlehrerverbands (BGDV) in Antwerpen. Auch ein hochkarätig besetztes Panel diskutierte über Gegenwart und Zukunft des Deutschen in Belgien und der Welt.

Rund 50 Germanisten und Deutschlehrer aus ganz Belgien waren am 10. Mai nach Antwerpen gekommen, um über die aktuelle Situation des Deutschunterrichts sowie des Deutschen weltweit und im Königreich zu diskutieren. Gastgeber war die Universität Antwerpen. Zwei Experten für Fremdsprachendidaktik und Mehrsprachigkeit führten ins Thema ein: Prof. Dr. Nicole Marx von der Uni Bremen und Prof. Dr. Rafael Berthele von der Uni Fribourg (Schweiz).

Dass Englisch als weltweite Verkehrssprache unaufhaltsam auf dem Vormarsch sei, konfrontiere, so Nicole Marx, Deutschlehrer von Russland bis Südamerika mit neuen Problemen: „Deutsch ist mittlerweile in den seltensten Fällen die erste Fremdsprache. Oft machen die Schüler unerklärliche Fehler, die nur von vorher gelernten Sprachen herrühren können, meistens vom Englischen.“ Deutsch sei zur „Folge-Fremdsprache“ geworden. Das erfordere neue Unterrichtsmethoden, die aber auch viele Chancen beinhalteten: „Sprachen stehen miteinander in einer Beziehung und interagieren. Wer einmal eine Fremdsprache erlernt hat, lernt leichter eine zweite.“ Das Zauberwort sei „vernetztes Lernen“. Von „school“ könne man schnell auf „Schule“, „école“ oder „escuela“ schließen – und umgekehrt.

Die „Explosionstheorie“

Rafael Berthele zeigt sich skeptisch: Die „Explosionstheorie“ – man lernt eine Fremdsprache und plötzlich erschließt sich der Zugang zu anderen Sprachen – sei wissenschaftlich nicht bewiesen. Kenntnisse des Englischen seien zwar nützlich für Deutschanfänger; auf einem höheren Niveau spielten sie aber keine Rolle mehr. Und dann wirft Berthele ein neues Argument in die Debatte: „Muss man eine Sprache wirklich immer sprechen können? Es reicht vielleicht sogar, wenn man sie nur versteht.“ In der Schweizer Bundesregierung hat Italienisch im Vergleich zu Französisch einen schweren Stand. „Aber es würde schon viel helfen, wenn die Abgeordneten Italienisch zumindest verstehen würden!“ Dass man passive Sprachenkenntnisse auch vielen Belgiern ins Stammbuch schreiben könne, sagt er nicht, aber wird vom Publikum so empfunden.

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion zum Thema „Deutsch an letzter Stelle?“ betont Botschafter Dr. Eckart Cuntz die Bedeutung des Deutschen in Europa. Es sei für weit mehr als 100 Millionen Menschen Amtssprache: in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien, Luxemburg, Liechtenstein und Belgien. BGDV-Präsident Dr. Achim Küpper kann dem Publikum die gute Nachricht überbringen, dass die Deutschlernerzahlen in den flämischen Sekundarschulen erstmals wieder leicht zugenommen haben. Gerade sprunghaft gestiegen aber sei die Nachfrage nach Deutschunterricht in den südeuropäischen Ländern, berichtete Angelika Schenk, Expertin für Unterricht beim Goethe-Institut Brüssel:„Zahllose junge Menschen wollen in Deutschland arbeiten.“

Karl-Heinz Lambertz, Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, bestätigt, dass Deutschkenntnisse von größter Bedeutung für Menschen seien, die in der Wirtschaft Karriere machen wollen: Deutschland ist Europas stärkste Handelsnation. Internes Problem allerdings: „Es dauert manchmal zwei Jahre, bis ich für meine Verwaltung einen deutschsprachigen Juristen gefunden habe. Die Akademiker, die aus der DG stammen, wandern gerne zu deutschen Unternehmen ab.“ Probleme, qualifizierte deutschsprachige Mitarbeiter zu finden, haben auch Diplomaten wie Ghislain d’Hoop, designierter belgischer Botschafter in Berlin. Eine flämische Deutschlehrerin im Publikum meldet sich und erzählt deutlich bedrückt, dass sie an zwei Gymnasien nur noch je fünf Wochenstunden Deutsch gebe. Viele junge Belgier merken erst im Berufsleben, dass sie fürs Weiterkommen Deutsch brauchen, und wenden sich dann an private Sprachenschulen.

Einen anderen Aspekt bringt Ulrich Prinz von Liechtenstein, Zweiter Sekretär der Botschaft seines Landes in Brüssel, in die Diskussion ein: „Man sollte im Deutschunterricht auch einmal darauf hinweisen, dass Deutschland nicht nur das Land von Audi, BMW und Siemens ist. Die deutsche Sprache ist kulturell von großer Bedeutung, sie ist schön, facettenreich und präzise.“ Zustimmendes Nicken im Saal. Und dann wendet er sich an Karl-Heinz Lambertz: „Herr Ministerpräsident, ich bin neidisch auf Sie. Die DG hat 77.000 Einwohner, wir müssen uns mit 37.000 bescheiden…“ Lambertz lächelt wohlgefällig, das Publikum schmunzelt.

Als Fazit bleibt die Erkenntnis, dass Deutsch einen schweren Stand in Belgien, Europa und der Welt hat. Das könnte sich ändern, wenn Deutsch aus seinem Schattendasein als „Tertiärsprache“ erlöst würde. Denn wäre es, so viele Tagungsteilnehmer, für Sprachenlerner nicht viel einfacher, erst eine grammatikalisch komplexe Sprache wie Deutsch und erst dann weniger komplexe Sprachen wie Englisch zu erlernen? Die Theorie ist schlüssig. Aber sie wird auch in der Flämischen und Französischen Gemeinschaft Belgiens, wo Deutsch – wenn überhaupt – seit langem nur noch dritte Fremdsprache ist, ein Traum aller Sprachenpädagogen bleiben.

Web: www.bgdv.be

Text: Marion Schmitz-Reiners

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