Der Wolf ist wieder in Flandern: wo bleibt Rotkäppchen?

Von Gert Verhellen.

Am 12. März wurde ein Wolf in Itterbeck/Meppen in den Niederlanden totgefahren, nachdem schon am Vortag ein weiteres Tier in Opoeteren in Belgien umgekommen war, sorgen für viel Wirbel. Anfang des Jahres hatte  sich eine solche Zuwanderung schon angekündigt, weil Peilsender die Wölfin Naja bei ihrer Wanderung von der Lübtheener Heide bis nach Flandern verfolgen konnten.

Dass die Wölfe also zurück sind, steht außer Frage und damit wird auch das Märchen vom Rotkäppchen wieder aktuell. Anders als in anderen Landesteilen oder Ländern ist Rotkäppchen in Flandern nicht nur eine nette Kindergeschichte, sondern verfolgt eine ganz spezielle Absicht, nämlich Kinder von Wölfen fernzuhalten.

Rotkäppchen: flämisch oder deutsch?

Für Flamen ist es ganz selbstverständlich, dass dieses Märchen flämisch ist und sonst nichts. Für die Deutschen gilt jedoch sinngemäß genau dasselbe. Sie sehen das Märchen als rein deutsch an. Dies mündet in einem beiderseitigen Erstaunen darüber, was der jeweils andere denkt.

Für den Verein Vlaanderen – Fläming stellen sich die Fragen, wer nun recht hat und woher die Geschichte wirklich kommt? Dazu die folgenden Überlegungen:

Bis zur industriellen Revolution lebten die meisten Menschen auf dem Lande, und die Landwirtschaft war ihre Haupteinnahmequelle. Der Wolf ist eine einheimische Wildtierart, die an der Spitze der Nahrungskette steht. Da im Rudel gejagt wird, ist ein einzelner Mensch, vor allem ein Kind als Opfer nicht auszuschließen,weil es wehrloser und zumeist auch argloser handelt.

Die Jungtiere haben ein spielerisches Verhalten wie Hundewelpen auch, nur geht es bei Wolfsjungen nicht nur um ein spielerisches Vergnügen und das Austesten der eigenen Flexibilität, sondern es wird auch geschaut, welches Jungtier am schwächsten ist: Gibt es zu wenig Nahrung, wird dieses dann als erstes von den anderen gefressen. So reguliert die Natur den Wildbestand am oberen Ende der Nahrungskette.

Wenn nun Kleinkinder den Unterschied zwischen einem domestizierten Hund und den Jungtieren eines Wolfes nicht erkennen, braucht man recht wenig Phantasie, um sich vorzustellen, wer sich beim Spielen als das schwächste herausstellt und später in einer Hungerphase als Nahrung betrachtet wird.

Wie aber erklärt man einem Kind von drei, vier Jahren, den Umgang mit den Wölfen zu meiden, wenn man mitten auf dem Lande mit Wolfsrudeln in der Nachbarschaft wohnt und arbeitet? Mit einem Märchen! So wie das Märchen vom schwarzen Entlein, das in jeder Kultur den gleichen und direkt erkennbaren Sinn hat, nämlich bewusst zu machen, dass aus jeder Person etwas Schönes und Gutes werden kann, so warnt das Märchen vom Rotkäppchen davor, sich mit Wölfen abzugeben.

Doch wo genau liegt nun der Bezug zu Flandern, so dass das Märchen vom Rotkäppchen eindeutig dieser Region zuzurechnen ist?

Wieso ist Rotkäppchen nur so blöd?

Als Kind habe ich nie an das Rotkäppchen geglaubt, da mir die Geschichte nicht logisch erschien. Warum erkannte das neben der Großmutter stehende Mädchen den Irrtum nicht, dass der Wolf im Bett der Großmutter lag und nicht die Großmutter selbst? Ihr hätte die Schnauze doch auffallen müssen, die ganz anders aussieht als die Nase eines Menschen. Wieso ist sie so blöd? Wahrscheinlich bin ich nicht der einzige mit diesen Hintergedanken beim Hören dieses Märchens gewesen.

Doch als Erwachsener bei der Vereinsgründung dämmerte es mir langsam, als mir Freunde aus dem Fläming etwas über flämische Trachten erzählten, etwas was in Flandern völlig in Vergessenheit geraten ist. Sie erzählten, dass Frauen nach der Heirat eine Kappe trugen – vor der Heirat trugen sie keine Kappe; daher kommt auch der Ausdruck ,unter die Haube kommen‘ – und dass diese Frauenkappe bei den Flamen rot gewesen sei.

Ich habe mir daraufhin verschiedene Trachten angeschaut, wie die der Sorben, der Leerdammer Käsemädchen und die der Bretonen aus Frankreich, die ihre Tradition der Trachten bis heute pflegen und aufrechterhalten. Sie alle unterscheiden sich in Machart, Farbe und Schnitt. Auffällig ist tatsächlich die zumeist rote Färbung der Flamentracht.

Dann fand ich auf einer alten Postkarte ein Bild von einer Dame in einer solchen flämischen Tracht, die eine rote Kappe trägt, nicht so, wie ich es mir vorstellte, eine Dienstmädchenkappe, sondern eine sehr große Kappe, die um den Kopf herum geht und deren Schirm die Nase verdeckt.

Wie geht dieses Rotkäppchen Märchen noch einmal? Es gibt viele Fassungen[1], mit viel eigener Phantasie der Erzähler darin, aber lassen wir uns diese nehmen: Die Kleine spielt mit einer alten roten Kappe der Großmutter (klar eine verheiratete Frau, da ihr Enkelkind da ist – gemäß den damaligen Verhältnissen). Folglich wird die Kleine als ‚Rotkäppchen‘ bezeichnet. Der Wolf setzt später die rote Kappe der Großmutter auf, die dann tatsächlich seitlich bis über die Nase geht und es unmöglich macht zu sehen, ob sich dahinter ein Mensch oder ein Tier – also ein Wolf – verbirgt. So lässt sich dann für mich erklären, dass es dem kleinen Rotkäppchen wirklich nicht aufgefallen sein könnte, dass sich eine Schnauze unter der Kappe verbirgt.

Wie Rotkäppchen nach Deutschland kam

Aber nun bleibt noch die Frage flämisch oder deutsch? Da wir im Verein ehrenamtlich arbeiten und nicht unbedingt Fachleute sind, nehmen wir die bisherigen Ausführungen mal als Arbeitsthese an. Bestimmt werden uns später noch viele Ergänzungen und Änderungen mitgeteilt werden. Viele Flamen sind zwischen 800 und 1.000 n.Chr. in die heutige Region ‚Fläming‘ in Deutschland südlich von Magdeburg und Berlin gezogen. Wieso, wer, von wo, usw. sind Fragen, die bei uns als Themen noch anstehen, aber dass viele Flamen damals auswanderten, ist eine Tatsache.

Und da es sich nicht nur um einige wenige Personen gehandelt hat, die damals auswanderten, sondern um eine größere Zahl ausgebildeter Leute (Brunnenbau, Dreifelderwirtschaft, Sümpfe trockenlegen, der Spargelanbau usw. wurden dorthin mitgebracht), ist auch das immaterielle Kulturgut mitgewandert. Bis ein gewisser Herr von Arnim um 1800 die Gebrüder Grimm ermutigte, die ländlichen Geschichten zu notieren und zu überarbeiten. Durch die Herausgabe ihres Buches sind diese Geschichten um die Welt gegangen und haben sich zu einem ‚deutschen‘ Bestseller entwickelt.

Schlussfolgerung? Beide haben Recht! Nun bleibt lediglich noch die Gewichtung von jeder der beiden beitragenden Seiten zu bestimmen!

[1] ‚Little Red Riding Hood‘ auf Englisch, in der englischsprachigen Wikipedia-Fassung wird auf Spuren bis ins 10. Jahrhundert verwiesen und auf Anpassungen im Sinne des jeweiligen Zeitgeistes. Auch jetzt gibt es Anpassungen: Da Amerikaner mit Königen nichts anfangen können, spielen z.B. in der von Walt Disney herausgegebenen Fassung von „Rotkäppchen“ Könige, Königinnen, Prinzen usw. kaum eine Rolle.

Gert Verhellen

http:/Verein Vlaanderen–Fläming ivzw./

www.flaeming-flandern.com/

VERHELLEN-JOSEPH Advocaten Avocats Rechtsanwälte Lawyers

E-Mail: VerhellenMCJ@verhellen-joseph.be

URL: www.verhellen-joseph.eu

 

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