Der leider unvermeidliche „Krexit“: Tschüss, Kollege Krause!

Krause3Von Heide Newson.

Das Gesicht der ARD, ein Europaerklärer par excellence, im Ruhestand. Eigentlich undenkbar. Er war stets im TV-Einsatz und aus der ARD-Tagesschau oder dem Europa-Magazin der ARD nicht wegzudenken. Zur Primezeit berichtete Rolf-Dieter Krause, seit Mai 2001 Leiter des ARD-Studios Brüssel, auf eine auch für Laien verständliche Art über Europa.

Grund genug für Tom Buhrow, den Intendant des WDR, sich von seinem Kollegen Rolf-Dieter Krause im Beisein von mehr als 200 Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, und Medien in der NRW-Landesvertretung in Brüssel zu verabschieden und ihn zu würdigen.

Er ist in Lüneburg geboren und bevorzugt nach eigener Auskunft ein gewisses norddeutsches Understatement, wenn es um Würdigungen geht.“ All das mache die Sache ein wenig schwierig, so Tom Buhrow in seiner Rede. Aber wer von der Bild-Zeitung, die ja den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht immer wohlwollend begleite, als Star Reporter bezeichnet, der zum Journalisten des Jahres gekürt worden sei, als Korrespondent ständig in Talk Shows eingeladen werde, und dazu noch das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen habe, der könne auf seine Korrespondentenlaufbahn wirklich stolz sein.

Rolf Dieter Krause – kurz RDK – ist ein Markenzeichen geworden“, so Buhrow weiter. Krause stehe für den politischen Journalismus, der auf den Punkt käme, der den Zuschauern komplexe Dinge verständlich mache, der Orientierung gebe. Seine Berichte und Kommentare hätten bei allen Zuschauern Gewicht, auch in der Politik, seine Kompetenz, gerade in der Europapolitik, sei unbestritten. Über seine politischen Positionen würde sich sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel streiten. Dass sein Wort auch von den Mächtigen der Politik gehört werde, läge an seiner immensen journalistischen Erfahrung – und welch größeres Kompliment könne es für einen Korrespondenten geben?

Der Brüsseler „Wiederholungstäter“

Dabei hatte die Karriere von „Mr. Europa“, wie er in Brüssel genannt wird, klein und bescheiden begonnen. Geboren am 22. Februar 1951 in Lüneburg, machte er ein Volontariat bei der Landeszeitung für die Lüneburger Heide, schließlich bei der WAZ, 1982 wechselte er zum WDR ins Düsseldorfer Studio, danach ins Studio Bonn. Ab 1990 war er als ARD-Korrespondent in Brüssel, 1995 wurde er wieder stellvertretender Studienleiter des Studios Bonn, wo er einem größeren Publikum bekannt wurde. Im Mai 2001 kam er, wie er nicht ohne Eitelkeit meinte, „als „Wiederholungstäter“ gerne nach Brüssel als Chef des ARD-Studios zurück.

Fortan war kein EU-Gipfel ohne Krause vorstellbar. Mit obligatorischem Halstuch, Brille, Schnauzbart, trat er souverän vor die Kamera. Live berichtete, analysierte und kommentierte er, was im komplexen Europa so alles passierte. Und los war viel. Seit 2005 drehte sich im ARD-Studio alles im Krisenmodus. Im Fokus standen die Schuldenkrise, das unendliche Griechenlanddrama, drohende EU- Sanktionen, Euro, Bankenkrise, Wirtschaftsthemen, der Brexit, um nur einige seiner Themen zu nennen.

Verabschiedung von Rolf Dieter Krause, Leiter ARD-Studio Brüssel, im Hause der Landesvertretung NRW in Brüssel Foto:WDR/Klaus Görgen

Dabei machte er den Zuschauern abstrakte und komplexe Sachverhalte verständlich. Einen Maulkorb ließ er sich dabei von niemandem verpassen. Dabei machte ein als Kompliment gemeinter Scherz die Runde, der besagt, dass Rolf-Dieter Krause neben Rat, Parlament und Kommission die vierte Europäische Institution in Brüssel sei. Aber dieser Scherz gefiel ihm gar nicht, da ihm nichts wichtiger, als seine journalistische Unabhängigkeit von politischen Entscheidern und Institutionen ist. Unverblümt kritisierte er die EU, aber erst nach gründlichen Recherchen, durch die er zur Bildung seiner Meinung gekommen war. Nicht in allen Dingen sei die EU auf dem richtigen Weg, wetterte er oft.

Den Anschlag auf die Metro-Station in Maelbeek erlebte er in unmittelbarer Nähe des ARD Studios. Aber von Paranoia oder „Belgien Bashing“ keine Spur. Dazu kennt und versteht der Fernsehprofi Land und Leute viel zu gut. Er liebt sein Gastland, kann sich gut in die Seele belgischer Bürger hineinversetzen, nicht zuletzt durch seine Berichterstattung über Belgien. Und bei nach alten Rezepturen gebrauten belgischem Bieren gerät er so richtig ins Schwärmen.

Verabschiedung von Rolf Dieter Krause, Leiter ARD-Studio Brüssel, im Hause der Landesvertretung NRW in Brüssel Foto:WDR/Klaus Görgen

Finanzminister Wolfgang Schäuble hat Krause auf seine Weise gelobt. Kein anderer habe es geschafft, Europa so zu erklären, dass die Menschen es verstünden. „Er macht das so mustergültig, dass ich hinterher selbst verstehe, was ich gesagt habe. Dazu braucht es einfach den Sachverstand von Rolf-Dieter Krause.“ Der ARD-Fernsehmann sei zwar ein überzeugter Europäer, aber ins Schwärmen über Europa sei er nie geraten, und das sei auch gut so. „Er war ein harter Interviewer, auch kritisch.“ Da er aber glaubwürdig sei, habe er dessen Kritik ernst genommen.

„Was soll jetzt aus Europa werden?“

Er stehe nicht so gerne im Mittelpunkt, habe auch keine Rede vorbereitet, so Krause, dem man anmerkte, dass er mit so einer großen Zeremonie überhaupt nicht gerechnet hatte. Nein, gerne ginge er nicht in den Ruhestand. Dazu bliebe die europäische Politik viel zu spannend, gerne würde er noch mitmischen. „Ich gehe mit einer Gelassenheit und dem Gefühl der Dankbarkeit.“ Dankbar sei er, dass er bei seiner über 30- jährigen Arbeit für den WDR stets seine journalistische Freiheit hatte, dass nie Druck auf ihn ausgeübt worden sei. Auf irgendeine Art und Weise werde er Europa erhalten bleiben, im Augenblick wisse er noch nicht genau, wie, aber als Lobbyist auf keinen Fall.

Dass Rolf-Dieter Krause nun in Brüssel von Bord und nach Berlin geht, löst nicht nur im Brüsseler Kollegenkreis, sondern vornehmlich beim WDR eine Menge Wehmut und geradezu kontinentale Sorgen aus. „Erst die Briten mit dem Brexit, und nun Krause mit seinem „Krexit“. Was soll nur aus dieser EU werden?“ fragte sich Tom Buhrow.

Zumindest in einer Hinsicht sei die Zukunft geklärt, so der Intendant. Es komme ein Nachfolger, der selbst bei Rolf-Dieter in die Lehre gegangen sei. Das sei Markus Preiß, der auf seine Art die Tradition forsetzen werde, um Europa für die Zuschauer der ARD verständlich und nahbar zu machen. Und Krauses Stimme, gerade zu Europa, würden alle sicher noch öfter hören, auch bei der ARD. Denn als ein Pensionär, der dann im Park nur Enten füttern würde, könne er sich Wolf-Dieter Krause überhaupt nicht vorstellen.

Fotos:WDR/Klaus Görgen, Archiv

Ein Kommentar

Einen Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.