Der harte Job des Weihnachtsmanns

Es ist vorbei

Von Rainer Lütkehus.

Weihnachtsmänner haben es im katholischen Belgien nicht leicht, Arbeit zu finden: Für Heiligabend braucht man sie nicht. In meiner Heimatstadt Hamburg ist das anders. In der zwei-Millionen Elbmetropole mit ihren 104 Stadtteilen, die flächenmäßig sechseinhalb Mal so groß ist wie die Region Brüssel-Hauptstadt, ist die Nachfrage nach den Männern in Rot riesig. Das liegt vor allem an der Tradition der protestantisch geprägten Hansestadt, wo am Heiligabend nicht das Christkind, sondern der Weihnachtsmann kommt.

Ich verbrachte diesmal Weihnachten wieder bei meiner Familie in Hamburg. Und wenn ich an Weihnachten dort bin, kann ich es nicht lassen, am Heiligabend den Weihnachtsmann zu spielen. Immerhin bin ich mit meiner 40-jährigen Erfahrung Weihnachtsmann-Profi.

Alles fing 1980 in Hamburg an, wo ich damals im sechsten Semester Volkswirtschaft studierte und einen Studentenjob suchte. Das Arbeitsamt Hamburg hatte damals eine Unterabteilung für die Vermittlung von Studentenjobs, untergebracht im alten Hauptgebäude der Uni. Zur Weihnachtszeit wurden Studenten gesucht, die als Weihnachtsmänner in Einkaufzentren, bei Betriebsfeiern, in Kindergärten und am Heiligabend bei Familien auftraten. Seitdem bin ich fast ohne Unterbrechung immer wieder dabei gewesen, und wenn nicht in Hamburg, dann in Brüssel, wo aber nicht mal eine Handvoll deutscher Xpats an meinem Service-Angebot interessiert war.

Der Profi

Diese guten Zeiten mit dem Hamburger Arbeitsamt sind vorbei. Heute vermitteln rund sechs private Agenturen die Miet-Weihnachtsmänner in Hamburg, die für die Vermittlung zwei Drittel des Honorars einbehalten. Ich sagte wieder der Weihnachtsmann-Service Hamburg GbR zu, die für 72 Stadtteile nördlich der Elbe Weihnachtsmänner vermittelt. Sie wies mir zehn Aufträge für drei Stadtteile zu. Mehr kann ein Weihnachtsmann auch kaum schaffen, müssen doch alle Aufträge innerhalb von viereinhalb Stunden abgewickelt werden.

Gut organisiert muss man schon sein, um dies in dieser Zeit zu schaffen. Die Familien erwarten, dass man zu den vereinbarten Uhrzeiten bei ihnen vor Ort ist. Dafür ist mehr Vorarbeit als die viereinhalb Stunden nötig, die man für die Fahrten und die Auftritte am Heiligabend aufwendet. Die Adressen und Telefonnummern bekommt man ca. eine Woche davor von der Vermittlung. Danach sind Einzelheiten mit den Familien telefonisch abzusprechen: Wie heißen die Kinder?, Wie alt sind sie? Was sind ihre Interessen? Wie heißt die Kindergärtnerin?, Was soll gerügt, was gelobt, werden? Wo sind die Geschenke? Und Sonderwünsche wie „Bitte vorher anrufen. Dann kommen wir runter und bringen die Geschenke“, „Bitte unbedingt erwähnen, dass..“ etc. Das alles notiere ich schriftlich und übertrage es in mein goldenes Himmelsbuch, das ich seit 40 Jahren besitze, und in dem es fast keine unbeschriebenen Seiten mehr gibt. Vorsichtshalber überprüfe ich die Adressen und Namen. Denn man kann böse Überraschungen erleben. Auftraggeberin kann z.B. die Oma sein, aber das Fest findet bei der Tochter statt, die anders heißt. Dann findet man nicht den angegebenen Namen an der Haustür der angegeben Adresse. Sehr wichtig ist es, sich die Vornamen der Kinder buchstabieren zu lassen. Denn die haben heute meistens keine typisch deutschen Namen mehr, wo man nicht unbedingt weiß, ob es um einen Mädchen- oder Jungenname handelt. Ich hatte insgesamt 18 Kinder zu bescheren: zwei Familien mit drei, vier mit zwei Kindern und vier Familien mit einem Kind. Direkt vor meinem Auftritt, d.h. bevor ich an die Wohnungstür läute, nachdem ich die Geschenke in den Jutesack getan und den weißen Bart vor mein Gesicht gespannt habe, schaue ich noch mal auf meinen Touren-Zettel, auf den ich die Namen der Kinder hinzugefügt habe. Handelt es sich um mehr als ein Kind, ist das nicht so einfach zu merken: wer von den Kindern ist das jüngste, zweitälteste und älteste.

Job Accessoires

Erforderlich für den Job ist ein Auto, ein goldenes Himmelsbuch, schwarze oder braune Stiefel und eine rote oder schwarze Hose. Das rote Kostüm, den weißen Bart sowie den Juttesack bekommt man kurz vor der Tour am Heiligabend um 14 Uhr von den Organisatoren in den Gebäuden einer ehemaligen Chemiefabrik, die heute ein Stadtteilkulturzentrum beherbergt.

Der Autor

Leider hatte das Auto meiner Mutter kein Navigationsgerät und mein Smart Phone kann ich nur mit dem Internet verbinden, wo Wifi-Empfang ist. Das hätte mir die Arbeit reichlich erleichtert, was ich das nächste Mal unbedingt ändern muss. So fuhr ich meine Tour einen Tag vorher ab, versicherte mich, dass die Familien auch wirklich dort wohnten, wo sie angegeben hatten, und zur Sicherheit ein zweites Mal am Vormittag des Heiligabends. Zum Glück kannte ich die Viertel schon ein wenig von meiner Tour im letzten Jahr und vier der zehn Familien hatten mich wieder gebucht. In Hamburg wird es an Weihnachten schon um 16 Uhr dunkel und bei den Stadtvierteln, die ich abzufahren hatte, handelte es sich um Arbeiter- Großwohnsiedlungen, geprägt von Mehrfamilien-Hochhäusern aus rotem Backstein, erbaut in den 70er Jahren. Alles sieht dort gleich aus. Überdies regnete an jenem Heiligabend: Dunkelheit und Regen sind schlimmer als Dunkelheit und Schnee.

Aber ich schaffte alle zehn Besuche „on time“, obwohl ich manchmal zwischen den Stadtvierteln hin – herfahren musste. Zum Beispiel war Auftrag Nr. 1 im Stadtteil Steilshoop, Nr.2 im Stadtteil Barmbek, Nr. 3 wieder in Steilshoop, Nr. 4 in Bramfeld und Nr. 5 wieder in Barmbek.

Zurück am Ausgangsort, wo ich eingekleidet worden war, mir Helferinnen mit Klebefilm ein Kissen um den Bauch geschnürt und meine Augenbrauen geweißt hatten, standen schon ein paar Kollegen in einer Reihe, um mit zwei der Organisatoren das Honorar abzurechnen. Ich hatte die Briefumschläge mit dem Bargeld, die mir der Vater, die Mutter, die Oma oder der Opa bei meinem Verlassen ihrer Wohnung diskret übergeben hatten, nicht aufgemacht und nicht geprüft, ob der Betrag stimmte. „Das ist nicht nötig, stimmt sicher“, sagte der eine von ihnen zu mir, als ich an der Reihe war. Er nahm das Geld aus den Couverts, stapelte die Fünfzig-, Zwanzig- und Fünf-Euro-Scheine getrennt auf und zählte nach. 225 Euro von den 635 Euro, die ich eingenommen hatte, blieben mir.

Money, money

Finanziell hat es sich nicht gelohnt, bedenkt man den Aufwand, den ich hatte. Und als ich dann endlich am Heiligabend um 21:30 Uhr bei meiner eigenen Hamburger Familie eintraf, hatte die schon das Weihnachtsessen hinter sich. Das war aber früher nicht anders: „Auf dich warten wir nicht“. Mir macht das nichts aus. Ein Weihnachtsmann, der nach getaner Arbeit nach Hause kommt, denkt ohnehin nicht als Erstes ans Essen. Er muss erst „herunterschalten“ und verarbeiten, was er in diesen fünf Stunden erlebt hat. Und man kann schon Kurioses erleben: Da waren z.B. zwei Frauen, die für ihren vierjährigen Sohn Friedrich einen Weihnachtsmann bestellt hatten, wofür ich den Auftrag bekam. Als ich bei ihnen war, stellte sich aber heraus, dass dieser Sohn kein Junge, sondern eindeutig ein Mädchen war. Es war komisch für mich, dieses Kind mit „Friedrich“ anzusprechen. Aber Auftrag ist Auftrag, auch für einen Weihnachtsmann….

Ein Kommentar

  1. Sibylle Sass schreibt:

    Ich habe den Artikel mit Vergnügen gelesen.Welch ein Aufwand und wie wenig Belohnung im eigenen „Sack“.
    Das sollte im nächsten Jahr besser sein.

Einen Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.