Der deutsche Einmarsch in Belgien durch das „Vierländereck“

Mit dem deutschen Einmarsch 1914 wurde das Zusammenleben der Menschen am Dreiländereck zwischen Holland, Belgien und Deutschland „auf einen Schlag zerstört“. Das betonte Dr. Herbert Ruland, Wissenschaftlicher Leiter der Abteilung GrenzgeschichteDG an der Autonomen Hochschule der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens in einem Vortrag am 29. Oktober 2014 in Brüssel. Bis heute sei das Verhältnis zu den Deutschen und der deutschen Sprache betroffen, weil es schon bei der deutschen Invasion Morde an belgischen Zivilisten gegeben habe.

Vor dem Kriegsausbruch 1914 hatten, so Ruland, in den Köpfen und im Leben der Menschen die Grenzen in dieser Region kaum eine Rolle gespielt. Eigentlich war es ein „Vierländereck“, in dem das Gebiet von Neutral-Moresnet (heute ein Teil der Gemeinde Kelmis), das zu keinem Staat gehörte und von Belgien und Deutschland gemeinsam verwaltet wurde, das vierte „Land“ war. Der Historiker beschrieb die Vorkriegszeit, den Einmarsch und das Kriegsgeschehen und illustrierte seine Ausführungen mit zahlreichen zeitgenössischen Fotos, Ansichtskarten und Dokumenten.

Freundschaftliches Zusammenleben ohne Grenzen

In der Zeit vor dem „Großen Krieg“ spielten die Grenzen in der Tagesaktualität so gut wie keine Rolle, wie Ruland ausführte. Man überquerte sie als Pendler zum Arbeiten und Wohnen, zum Heiraten. zum Feiern und zu Wallfahrten. Diese gingen aus dem Kaiserreich nach Belgien, wo sich die katholischen Orden seit der Vertreibung aus Preußen niedergelassen hatten. Ob man nun Käsebauer, Arbeiter, Zöllner oder Kaffeeschmuggler war.

Unabhängig von der Staatszugehörigkeit sprach man Limburger „Platt“ von Südlimburg bis in die Eifel, und man verstand sich. Mit seinem Geld konnte man überall bezahlen, und Ausweise benötigte man zum Grenzübertritt nicht. Es gab sogar eine grenzüberschreitende, gemeinsame Feuerwehr für Herbesthal und Welkenraedt.

Unerwartet starker belgischer Widerstand gegen die Invasion

Nach dem Mord an dem österreichischen Thronfolger in Sarajewo stellte Österreich Serbien ein Ultimatum, und Deutschland stellte mit einem „Blankoscheck“ auf seine Seite, wie Ruland unterstrich. Die Mobilisierung der Truppen begann. Man fing an, sich in Grenznähe Sorgen zu machen. Am 29. Juli stürmten Sparer die Banken in Verviers und Lüttich.

Am Morgen des 4. August 1914 fielen sechs deutsche Brigaden mit 35 000 Mann in Belgien ein, nachdem das neutrale Land deutschen Truppen trotz eines Ultimatums keine Durchquerung seines Gebiets in Richtung Frankreich gestattet hatte. Entsprechend dem „Schlieffen-Plan“ sollten deutsche Truppen an Holland vorbei in einer großen Schwenkbewegung Belgien durchqueren und bis Paris vordringen.

Doch sie stießen auf unerwarteten Widerstand der Belgier, Soldaten eines Landes, das erst 1913 die Wehrpflicht eingeführt hatte. „Praliné-Soldaten“, wie man sie auf deutscher Seite herablassend benannt hatte, waren sie nicht. Kleine Einheiten, oft auf Fahrrädern, waren beweglich und nur schwer zu verfolgen. Lüttich wurde besetzt, doch seine Forts blockierten den deutschen Vormarsch. Ein Zeppelin warf 200 kg Bomben ab und löste mit seinen Scheinwerfern Panik aus. Von den 35 000 deutschen Soldaten waren bald 5000 gefallen oder verwundet.

Furcht vor „Franktireurs“ führte zu Massakern

Groß war in unübersichtlichem Gelände mit vielen Hügeln. Gehölzen und Hecken die Furcht der deutschen Truppen vor „Franktireurs“, die in Zivil angreifen würden. Die kollektive Erinnerung an den deutsch-französischen Krieg von 1870-71, in dem solche Partisanen nach der Gefangennahme des französischen Kaisers zur Verteidigung der Republik zu den Waffen griffen, saß fest in den Köpfen der deutschen Militärs. Die zensierte deutsche Presse verbreitete zudem Schauergeschichten, die sich nicht beweisen ließen.

Es kam zu Massenerschießungen, auch aufgrund von „friendly fire“, dem unabsichtlichen Beschuß von Kameraden, das der Zivilbevölkerung angelastet wurde. In Visé an der Maas wurden 673 von 6000 Einwohnern ermordet, die Häuser nach Rotwein durchsucht, geplündert und niedergebrannt. International bekannt wurden die Zerstörung Löwens und seiner Universitätsbibliothek und die Massaker in Dinant. 1,5 Millionen Menschen flüchteten aus Belgien, davon über eine Million in die neutralen Niederlande.

Hauptmann Höckers Stolz auf seine Kriegserlebnisse

Der deutsche Landwehrhauptmann P.-O. Höcker veröffentlichte noch 1914 ein Buch unter dem Titel „An der Spitze meiner Kompagnie – drei Monate Kriegserlebnisse“. Daraus las der Referent vor: Höcker beschreibt, wie seine Einheit beim Einmarsch einen wahrscheinlich geistig behinderten jungen Mann mit einem uralten, funktionsunfähigen Steinschlossgewehr in einer Scheune entdeckte. Er ließ ihn unmittelbar erschießen und hielt das für völlig richtig, wie aus dem Buch deutlich wird.

Gegen das katastrophale internationale Echo veröffentlichte das Deutsche Reich 1915 ein „Weißbuch“, in dem die These von den Franktireurs eingeführt und die deutschen Übergriffe gerechtfertigt werden sollten. Eine belgisch-deutsche Historikerkommission widerlegte erst 1956 diese Thesen, nannte das Weißbuch „in seinen Grundthesen unhaltbar“ und die zusammengestellten Zeugenaussagen deutscher Soldaten „anfechtbar“ und „planmäßig verfälscht“.

Die weltweite Reaktion – auch in neutralen Ländern – wurde durch alliierte Gräuelpropaganda noch verstärkt; Belgien genoß schnell enorme Sympathie. Ein „Belgien Relief Committee“ unter Edgar Hoover lieferte unter eigener Flagge Lebensmittel in das besetzte Land.

Für den Versailler Vertrag spielte das Kriegsgeschehen in Belgien eine wichtige Rolle. Das neutrale Gebiet kam unter dem Jubel der Bevölkerung zu Belgien, wie der Referent berichtete, und das Gebiet von Eupen und Malmedy wurde von Belgien besetzt und annektiert, ohne eine wirkliche Volksbefragung. Der belgische Patriotismus nahm einen gewaltigen Aufschwung, besonders im frankophonen Belgien, so Dr. Ruland. Das galt auch für die „altbelgischen“ Gemeinden an der Grenze, in denen fränkischer Dialekt gesprochen wurde. Sein Gebrauch ging nach dem Ersten Weltkrieg zurück. Für viele war der Gebrauch der deutsche Sprache verpönt.

Die Erinnerung an den deutschen Einmarsch 1914 nennt Ruland viel traumatischer als die an die Besetzung 1940. Da verwundert es nicht, dass der Tag des Waffenstillstands von 1918, der 11. November, auch heute noch in Belgien eine ganz besondere Bedeutung hat.

Eine Ausstellung im alten Zollhaus

Ein kundiges, interessiertes Publikum hatte sich in der Brüsseler Vertretung der Deutschsprachigen Gemeinschaft versammelt, um dem Historiker zuzuhören und mit ihm zu diskutieren. Der Vortrag war zugleich wie ein Abschluss für eine viersprachige Ausstellung im „Weißen Haus“, der „Maison Blanche“ zwischen Lontzen und Henri-Chapelle, dem alten Zollamt an der ehemaligen preußisch-belgischen Grenze. Hier waren monatelang Dokumente und Bildzeugnisse sowie Zeitungsauschnitte aus der Zeit des „Großen Krieges“ zu sehen. Die Gemeinden Lontzen, Bleyberg (seit 1919 auf Antrag der Gemeinde „Plombières“), Kelmis und Welkenraedt waren gemeinsam Träger des Programms zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg..

Jan Kurlemann

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