Das schwere Erbe der belgischen Kolonialzeit

Von Michael Stabenow.

Vor 60 Jahren, am 30. Juni 1960, wurde die einstige Kolonie „Belgisch-Kongo“ unabhängig. Dieser auch für Belgien durchaus bedeutsame Jahrestag fällt aktuell mit einer neuen Welle von weltweiten Anti-Rassismus-Demonstrationen zusammen, die nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem Polizeieinsatz in Minneapolis auch Belgien erfasst hat. In einem bemerkenswerten und überraschenden Vorstoß äußerte sich dieser Tage der belgische König Philippe in einem Schreiben an den heutigen kongolesischen Staatspräsidenten Félix Tshisekedi und drückte sein „tiefstes Bedauern“ über die Verfehlungen zwischen 1885 und 1960 aus.

Bemerkenswert deshalb, weil der Monarch offenbar eigenständig dazu die Initiative ergriffen hat. Premierministerin Sophie Wilmès, deren Regierung jegliche politische Positionierung des Staatsoberhaupts gutheißen muss, bestätigte diese Darstellung. Einer förmlichen Entschuldigung kommt der Brief des belgischen Königs allerdings nicht gleich. Dies sei keine Sache des belgischen Staatsoberhaupts, sondern von Regierung und Parlament, erläuterten Verfassungsfachleute. Zudem öffne eine „offizielle Entschuldigung“ die Tür zu kongolesischen Forderungen nach Reparationszahlungen Belgiens – eine angesichts der in Zeiten der Coronavirus-Pandemie noch angespannteren Finanzlage keineswegs angenehme Aussicht für den belgischen Staatshaushalt.

König Philippe soll erwogen haben, zu den geplanten Feierlichkeiten zum Jahrestag in die kongolesische Hauptstadt zu fliegen, ehe die Ereignisse rund um das Corona-Virus seine Pläne durchkreuzten. Dennoch schien er entschlossen zu sein, nun deutliche Worte zu sprechen und einen Impuls zu geben, das schwere Erbe der belgischen Kolonialzeit aufzuarbeiten. In seinem Schreiben an den kongolesischen Präsidenten Tshisekedi schlägt der König den Bogen von den dunklen Jahrzehnten belgischer Kolonialgeschichte bis in die Gegenwart. Wörtlich heißt es in seinem Schreiben: „Es ist mir ein wichtiges Anliegen, mein tiefstes Bedauern über die Wunden der Vergangenheit zu äußern. Wunden, die gegenwärtig wieder in schmerzhafter Weise durch diskriminierende Taten spürbar werden, die noch zu stark in unserer Gesellschaft gegenwärtig sind.“

„Niemals werden wir ein neues Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte schreiben können, ohne das zu erkennen und anzuerkennen, was in der Vergangenheit geschehen ist“, sagte auch Wilmès bei der Einweihung einer Gedenktafel für die Unabhängigkeit am Rathaus der Brüsseler Gemeinde Ixelles – jenes Stadtteils, der das stark kongolesisch geprägte Viertel „Matonge“ beherbergt.

Voraussichtlich im September, das ist schon seit längerem geplant, soll ein Sonderausschuss des belgischen Parlaments mit der Bezeichnung „Wahrheit und Versöhnung“ unter Beteiligung belgischer und kongolesischer Fachleute die Vergangenheit aufarbeiten und Möglichkeiten für die künftige Zusammenarbeit aufzeigen. In seinem Schreiben spielt König Philippe auch auf die kommenden Arbeiten des Parlaments an, „um endgültig mit dem Vergangenen ins Reine zu kommen.“ Damit will das Staatsoberhaupt – mit politischer Rückendeckung der heutigen belgischen Regierung – zweifellos der fälligen Aufarbeitung der durch „Gewalt- und Gräueltaten zu Zeiten von Kongo-Freistaat“ sowie der ebenfalls durch „Leid“ und „Erniedrigungen“ belasteten anschließenden belgischen Kolonialzeit Anstöße geben.

Auch der für das Entwicklungsressort zuständige Finanzminister Alexander De Croo bezeichnete das Schreiben des Staatsoberhaupts im Fernsehsender VRT „nicht als Endpunkt, sondern Ausgangspunkt“ zur Aufarbeitung der Geschichte. Reparationszahlungen lehnt der liberale Politiker jedoch ab. „Meine Erfahrung ist, dass man ein Land nicht mit einem Sack Geld aus der Armut holen kann. Man muss dafür sorgen, dass Staaten starke Institutionen haben, die Korruption ausmerzen“, sagte De Croo. Solche Äußerungen deuten darauf hin, dass auch sechs Jahrzehnte nach dem Ende der belgischen Kolonialherrschaft das Verhältnis zwischen Brüssel und Kinshasa alles andere als spannungsfrei ist.

Dialogbereit äußerte sich der kongolesische Präsident. In einer am 30. Juni, nach Eingang des Schreibens des belgischen Königs, ausgestrahlten Fernsehansprache sagte Tshisekedi: „Ich halte es für erforderlich, unseren Kindern in der Demokratischen Republik Kongo sowie in Belgien auf der Grundlage der von Historikern beider Länder verrichteten Arbeit unsere gemeinsame Geschichte zu erzählen.“

75 Jahre lang, zunächst zu Zeiten der Herrschaft von Léopold II. von 1885 bis 1908 als „Kongo-Freistaat“, anschließend als „Belgisch-Kongo“ erfuhr der große zentralafrikanische Staat das Schicksal einer durch wirtschaftliche Ausbeutung und schwerste Menschenrechtsverletzungen gebeutelten Kolonie. Als der Kongo im Jahr 2010 ein halbes Jahrhundert Unabhängigkeit feierte, hüllte sich das damalige Staatsoberhaupt, Baudouins Nachfolger König Albert II. noch in Schweigen.

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