Das Pfandleihhaus, eine Hilfe in schweren Zeiten

Von Sibylle Schavoir.

Im Deutschen spricht man banal vom Pfandhaus oder Pfandleihhaus, im Französchen vom « Mont de piété » und im Flämischen vom « Berg van Barmhartigheid ». Und Barmherzigkeit war es sicher, was die Franziskaner vom Kloster in Perugia/Italien im Jahre 1462 zur Einrichtung der ersten « Monte di Pietà » bewegte, die, anders als die üblichen Banken Italiens, nicht gewinnorientiert, sondern mildtätig arbeiten sollte. Ziel war es, armen und in finanzielle Not geratenen Menschen zu helfen. Das Kapital der ersten Leihhäuser wurde durch Stiftungen und Sammlungen aufgebracht. Ein Kredit wurde bedürftigen Personen gegen Pfand wie Kleidung, Schmuck oder Geräte gewährt. Der Kredit wurde mit sehr geringen Zinsen berechnet.

Wenceslas Cobergher, 1561 in Antwerpen geboren, herausragende Persönlichkeit der Renaissance, Architekt, Maler und tiefreligiöser Mensch erfährt auf seinen Reisen durch Italien von der Gründung der Leihhäuser. Davon beeindruckt, wird er nach Rückkehr von dem Wunsch getragen, solche wohltätigen Einrichtungen auch in Belgien zu gründen. Von einflussreichen und wohlhabenden Persönlichkeiten seiner Zeit unterstützt kann er diesen Wunsch verwirklichen.

Mont-de-Piété in Brüssel

Am 28. September 1618 öffneten sich in der Rue Saint Ghislain im Herzen von Brüssel nahe des Justizpalastes zum ersten Mal die Türen des Mont-de- Piété, um sie nie wieder zu schließen. Wenig hat sich seitdem verändert, die Zeit scheint in der Rue Saint Ghislain stehengeblieben zu sein. Die düstere Fassade mit einem Puzzle aus Blausteinen, vergitterten Fenstern und schweren Holztüren wirkt zunächst wenig einladend.

Beim Eintritt in das Innere des Gebäudes öffnet sich dem Besucher der Blick in einen großen Saal, der mit seinen vielen Schaltern an ein Bankinstitut aus vergangenen Zeiten erinnert. Grüne Pflanzen und orangefarbene Sessel erhellen die strenge Atmosphäre des Raumes. Gedämpftes Stimmengewirr der Kunden vermischen sich mit denen der Pfandleiher. Wieviel mag die Uhr wert sein? Was wird der Teppich bringen? Kann man wohl mit dem geliehenen Geld die Garantie der Wohnung bezahlen oder eine fällige Rechnung begleichen?

Von der Leichtigkeit, Geld zu erhalten

Eines steht fest. Wer in die Rue Saint Ghislain kommt, weiß die Vorzüge eines Pfandhauses zu schätzen. Auf unbürokratische Art und Weise und ohne viele unbequeme Nachfragen erhält der Kunde für das mitgebrachte Objekt das Geld, was er für eine momentane Notlage schnell benötigt. »Es ist billiger, ein Objekt für einige Zeit ins Leihhaus zu bringen, als auf dem Konto ins Minus zu gehen », meint Etienne Lambert, Direktor des Mont-de-Piété.

Etienne Lambert weiß, daß die Banken immer seltener bereit sind, Kredite zu gewähren. Dies kommt natürlich dem Pfandhaus zugute. Für viele Menschen ist das Pfandleihhaus die einzige Möglichkeit, sprich Rettung, aus einer finanziellen Notlage herauszukommen. « Hier wird keiner gefragt, warum er das Geld braucht, was er beruflich tut, wie seine finanzielle Lage ist. Das Objekt, das er dem Pfandhaus bringt, wird auf seinen Wert geschätzt, der Kunde bekommt dafür Geld. Unkomplizierter geht es kaum.

Das Institut in der Rue Saint Ghislain beschäftigt dreißig Angestellte. Auf  7 000 Quadratmetern befinden sich 60 000 Objekte, davon zu 98% Schmuck, ansonsten Gemälde, Silber, Val St. Lambert Kristalle, Bronzefiguren. Der kleinste Kredit beginnt mit 30 Euro. Und der höchste? Vielleicht ein Diamant im Wert von 75 000 Euro? Jährlich finden 36 Versteigerungen statt, von Objekten, die nicht wieder eingelöst worden sind. Sechs davon widmen sich ausschließlich wertvollen Gegenständen.

Seit Januar 2018 feiert der Mont-de-Piété in Brüssel sein 400-jähriges Jubiläum. Vier Jahrhunderte Hilfe für Menschen in Not. Es werden wohl weitere Jahrhunderte folgen; alles spricht dafür.

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