Aktuell, Das Land

Buchtipp: „Typisch belgisch. Belgien von A bis Z.“

Gerd Busses spannender Ausflug in das belgische Seelenleben

von Michael Stabenow

Die Aufgabenstellung klingt bescheiden. „Vielleicht“, so schreibt Gerd Busse in der Einleitung seines Buches, „könne er wenigstens einen kleinen Beitrag zur Verbesserung des belgischen Images leisten“. Um es vorwegzunehmen: Sein Ausflug in das belgische Seelenleben leistet mehr als einen kleinen Beitrag dazu. Busse beleuchtet auch schonungslos manche Schattenseiten des Landes.

Wer das knapp 350 Seiten lange Buch von Anfang bis Ende oder es, wie Busse anregt, kreuz und quer liest, begegnet nicht nur etlichen „typisch belgischen“ Klischees – von Fritten über Bier, Schokolade und Pralinen („das braune Gold Belgiens“), nachts (nicht mehr durchgehend) beleuchteten Autobahnen bis hin zu dem als „Symbol für Brüssel, Belgien und Freiheit“ bezeichneten „Manneken Pis“. Ausführlich widmet sich Busse auch anderen bekannten und weniger bekannten Facetten von Geschichte, Kultur, Landschaft und Bewohnern Belgiens.

Das Buch liest sich, und das ist gewollt, nicht wie ein klassischer Erzählband. Vielmehr bietet es „nach Art einer Enzyklopädie“ in fast 60, meist nur wenigen Seite langen Kapiteln eine klare und zum Teil durchaus spannende Lektüre mit Informationen „von A bis Z“. Hilfreich sind die fettgedruckten Querverweise zu anderen Kapiteln. Am Anfang steht die „Augusta-Affäre“, jener Korruptionsskandal in den neunziger Jahren um die Beschaffung italienischer Hubschrauber, der die Glaubwürdigkeit führender Politiker erschütterte.

Den – versöhnlichen – Ausklang des Buches bietet das Kapitel „Zusammenarbeit und Zusammenhalt“. Bei allen Spannungen zwischen dem niederländischsprachigen Norden und dem französischsprachigen Süden sieht Busse das Land nicht unmittelbar vor der Spaltung. Die „föderale Pazifikationsstrategie“ mit der seit 1970 nicht abreißenden Kette an Staatsreformen trage zwar nicht zur dauerhaften Befriedung bei.

Andererseits sieht Busse viel, was die Menschen beiderseits der Sprachgrenze verbinde. Als Beleg bemüht er am Ende des Buches ein Zitat des Historikers Christoph Driessen. „Man könnte Belgien als ein Land definieren, in dem viele Menschen Niederländisch oder Französisch sprechen, ohne niederländisch oder französisch sein zu wollen. Warum? Weil sie eben doch Belgier sind.“

Geschickt nutzt der in Dortmund lebende Busse, 2012 Autor eines vergleichbaren Werks über die Niederlande („Typisch niederländisch“), zur Veranschaulichung eine Reihe in den vergangenen Jahren erschienener Belgien-Bücher. Dazu zählt nicht zuletzt das 2018 veröffentlichte, sehr lesenswerte Buch „Geschichte Belgiens. Eine gespaltene Nation“ des schon erwähnten Historikers Driessen.

Inspiriert haben Busse weitere Werke, die vielfältige Einblicke in die Befindlichkeiten des Landes gewähren: „Belgien für Deutsche“ von „Belgieninfo“-Autorin Marion Schmitz-Reiners (2006), „Benelux. Porträt einer Region“ von Ute Schürings (2017) sowie „Het Belgische Labyrint“ des Brüsseler Publizisten Geert van Istendael (2015). In den spannenden Ausführungen über die Bedeutung Burgunds für das heutige Belgien stützt sich Busse stark auf das exzellente, seit 2020 auch auf Deutsch vorliegende Werk von Bart Van Loo: „Burgund. Das verschwundene Reich. Eine Geschichte von 1111 Jahren und einem Tag (Buchtipp „De Boergondiërs“ – vom Aufstieg und Vermächtnis Burgunds – Belgieninfo).

Die vielen Zitate Busses aus anderen Werken mögen den Leser zuweilen etwas irritieren. Er legt damit jedoch offen, mit welchen Quellen – außer den selbst gesammelten Eindrücken und vielen im Nachwort namentlich erwähnten Gesprächspartnern – er arbeitet. Plagiatsvorwürfe muss Busse gewiss nicht fürchten.

Andererseits ist bei der Lektüre zu spüren, dass er sich zuweilen durch eine flämische oder niederländischsprachige Lesart Belgiens leiten lässt. Darüber können auch Kapitel über die Reize der Ardennen, über die im Umbruch befindliche wallonische Metropole Lüttich sowie jeweils einige Seiten über den dort 1903 geborenen „Maigret“–Erfolgsautoren Georges Simenon sowie über – meist französischsprachige – Comics-Autoren wie Hergé („Tim und Struppi“) oder Peyo („Die Schlümpfe“) nicht hinwegtäuschen.

Dass Busse den von ihm übersetzten Schriftsteller Elsschot neben Simenon und dem Flamen Hugo Claus zu den „Großen Drei“ der zeitgenössischen belgischen Literatur zählt, mag etwas überraschen. Das ändert freilich nichts daran, dass er Flandern eine „sehr lebendige Literaturszene“ und dabei nicht nur „feste Größen“ wie Tom Lanoye und Kristien Hemmerechts, sondern auch Nachwuchsschriftstellerinnen wie die 1988 geborene Lize Spit und die drei Jahre jüngere Lyrikerin Charlotte Van den Broeck erwähnt.

Oft witzig schildert Busse den „typisch belgischen“ Alltag. Dazu zählen die beiderseits der Sprachgrenze überaus engen Familienbande, der Hang zu kulinarischem Wohlergehen, aber auch die in Flandern verbreitete Gewohnheit des „Sieduzens“. Dabei gelingt das Kunststück, innerhalb eines Satzes Gesprächspartner zu siezen und zu duzen.

Zu Recht mokiert sich Busse über architektonische Sünden belgischer Häuslebauer – nicht zuletzt die „koterij“-Angewohnheit, hier und dort einen Schuppen oder andere, nicht gerade zur Verschönerung dienende Anbauten aus dem Hut zu zaubern. „Typisch belgisch“ ist – nicht nur für Busse – die weitverbreitete Zersiedelung. Baugenehmigungen gälten „als unverbindliche Empfehlungen“ in einem Land, dessen Bewohner „ohnehin nicht viel von Regelungen und Reglementierungen halten.“

Weniger auf Klischees und Rituale abzielend, aber sehr lehrreich sind die Kapitel, in denen Busse die historischen Hintergründe des heutigen Belgiens, einschließlich der dunklen Kolonialherrschaft im Kongo, erläutert. Breiten Raum nehmen die mit den deutschen Besetzungen Belgiens im Ersten und Zweiten Weltkriegen zusammenhängenden und zum Teil bis heute nachwirkenden Traumata ein. Besonders gut gelungen ist der sehr anschauliche, elf Seiten lange Abriss zu Geschichte und Selbstverständnis Flanderns.

Kritisch beäugt der Verfasser den in einem Land mit zwei großen Sprachgemeinschaften schwer zu praktizierenden belgischen Föderalismus. Er sei „zu einer Art Allzweckwaffe geworden, mit der man jedes aufzüngelnde Flämmchen im Streit zwischen Flamen und Wallonen auszutreten versucht“.

Busse beklagt ferner ein Phänomen der Günstlingswirtschaft, das im Niederländischen unter dem Begriff „dienstbetoon“ firmiert. Die Macht von Parteien und Familienclans macht er mitverantwortlich für die allgemeine Distanz zwischen Bürgern und Staat. Der „Befreiungskampf“ gegen die Obrigkeit mit ihren Regelwust gelte in Belgien „als erste Bürgerpflicht.“

Insgesamt liest sich das Buch über weite Strecken wie eine sicherlich liebevolle, aber keineswegs unkritische Beschreibung Belgiens. So vermeidet Busse den Vorwurf der Lobhudelei. Kein Zweifel: Sein Buch trägt zur Verbesserung des Images Belgiens bei, aber besonders auch zum Verständnis dessen, was nicht nur Busse als „typisch belgisch“ ansieht.

Gerd Busse, Typisch belgisch. Belgien von A bis Z, Grenz-Echo Verlag, Eupen, 2022, 352 Seiten, 17 Euro

ISBN 978-3-86712-169-9

 

 

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