Brite oder Europäer? Das ist die Frage…

BREXIT ist in aller Munde und verursacht nach dem überraschenden Pro-Austritts-Ergebnis der Volksabstimmung 2016 einen nunmehr zweijährigen Katzenjammer. Und keine Lösung ist in Sicht. In Belgien leben in etwa 25.000 Briten. Wie sehen diese das Damoklesschwert des Austrittdatums 29. März? Margaretha Mazura befragte zwei, Harley Lovegrove, Unternehmer, und Dennis Newson, Journalist. Beide leben seit langen Jahren in Belgien und werden auch hier bleiben.

Belgieninfo: “Harley, Du hast vor kurzem beschlossen, um die belgische Nationalität anzusuchen und Du hast sie auch erhalten, was hat Dich dazu bewogen?”

Harley Lovegrove, Unternehmer

HL: “Ich habe früh England verlassen und lebe seit vielen Jahren hier, bin mit einer Belgierin, genauer, Flämin verheiratet. Ich gründete und leite 3 belgische Unternehmen, habe den Verein der “Jungen belgischen Musiktalente” ins Leben gerufen und zahle hier Steuern. Ich fühle mich als Europäer. Und aus Gründen, die ich nicht beeinflussen konnte, soll ich nun kein Europäer mehr sein? Das kann und will ich nicht akzeptieren.”

Zur Erklärung: Nach britischem Wahlrecht dürfen Briten, die länger als 15 Jahre im Ausland leben und/oder die letzten 15 Jahre nicht in einem britischen Wahlregister eingetragen waren, nicht wählen. Das wurde vom britischen Obersten Gerichtshof bestätigt, nachdem ein Brite in Italien und eine Britin in Belgien wegen Benachteiligung von im Ausland lebenden Briten geklagt hatten.

Belgieninfo: “Du hast jetzt einen belgischen Pass, wie stehst Du nun zu Großbritannien?”

HL: “Ich habe zwei Pässe, den britischen und nun auch den belgischen. Es gibt ja leider keinen europäischen, sonst hätte ich diesen”.

Im Unterschied zu Deutschland oder Österreich kann man als Brite den britischen Pass behalten, selbst wenn man eine fremde Nationalität beantragt. Das erleichtert natürlich die Entscheidung.

Belgieninfo: “Dennis, Du bist seit langer Zeit in Belgien, verheiratet mit einer Deutschen. Hast Du jemals überlegt, die belgische Staatsbürgerschaft anzunehmen, vor allem jetzt nach dem Referendum?”

Dennis Newson, journalist. Photo: Erik Luntang

DN: “Nein, ich denke nicht im Traum daran. Ich bin Brite, egal wo ich bin. Ich kann verstehen, dass Geschäftsinteressen britische Bürger dazu bringen, eine andere Nationalität anzunehmen. Aber was mir unerklärlich ist, dass manche aus Scham oder Empörung über das Ergebnis nicht mehr britisch sein wollen. Die Abstimmung pro oder kontra EU war ein demokratischer Prozess mit einem klaren Ergebnis, das muss man respektieren, sonst stellt man die Demokratie in Frage. Ich weiss, das ist keine sehr populäre Ansicht hier in Brüssel. Aber als ich zu Weihnachten in England war, begegnete mir diese Meinung sehr oft: Man kann einen demokratischen Entscheidungsfindungsprozess nicht in Frage stellen wollen, nur weil das Ergebnis vielen nicht gefällt.

Belgieninfo: „Harley, würdest Du ein neues Referendum als undemokratisch bezeichnen?“

HL: „Im Augenblick wird es keine neue Abstimmung geben, das ist nicht vorgesehen. Aber man darf nicht vergessen, dass der Ausgang des Referendums eine große Veränderung durch eine sehr kleine Mehrheit (51,9 zu 48.1 % gegen Verbleib in der EU, bei einer Wahlbeteiligung von 71.8%) bedeutete. Und dass die Wähler schlecht oder falsch informiert waren“.

Er spielt damit auf die Anti-EU Propaganda im Vorfeld des Referendums an, wie z.B. die Ersparnisse durch den Brexit in der Höhe von 250 Millionen Pfund pro Woche, die dem britischen Gesundheitssystem zugute kommen sollten. Das war erfunden.

Kein Brite in Belgien muss sich in Hinblick auf einen „no-deal-BREXIT“ den Kopf zerbrechen: Vize-Premier und Außenminister Didier Reynders machte klar: mit oder ohne Deal, Belgien wird darauf achten, dass Briten weiterhin wie bisher in Belgien leben und arbeiten können. Wenigstens ein Politiker, der Pragmatismus vor Politik stellt.

Danke für das Interview an Harley Lovegrove und Dennis Newson, danke für den Brexit-Cartoon an Quirit.

Die Fragen stellte Margaretha Mazura.

Ein Kommentar

  1. Alfons van Compernolle schreibt:

    Das „EINE“ schliesst das „ANDERE“ nicht aus ! Man kann ein „europaeischer Englaender“ sein, als „Buerger“ . Ist man aber Politiuker/in hat man ein Problem , meistens im Kopf, wo dann verlangt wird , Englisch oder Europaeisch sein zu muessen.
    Das ist genauso verrueckt, wie das seit 1831 bestehende Belgische Problem , entweder ist man
    „Flame“ oder „Wallone“ und die „DG“ ist ein Spielball eben dieser politischen Verrueckheit im belgischen Politikgeschacher !

    es geht nicht um Pro oder Contra Europa , es geht um die politische Machtversessenheit einer kleinen Minderheit, welche fuer sich in Anspruch nimmt „durch ihre Wahlzustimmung alle politische Weissheit & Erkenntnis zu bersitzen. Dumm -Dumm-Duemmer geht es nimmer!
    Die Flamen und Wallonen und die DG sind gemeinsam / Zusammen Belgier & UND EUROPAER!

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