„Bonne arrivée“: Mit belgischen Entwicklungshelfern in Togo

Von Alexander Höhnke.

Seit Beginn dieses Jahres wurde mit Spendenmitteln aus Belgien die Kinderabteilung des „Centre hospitalier régional“ (CHR) in Sokodé, der zweitgrößten Stadt Togos im weitgehend muslimischen Norden, vollständig erneuert und ist jetzt weitgehend fertiggestellt. Die vorläufige Schlüsselübergabe ist der gesellschaftliche Anlass eines Besuchs.   

Unsere Delegation von der belgischen Entwicklungshilfeinitiative Solidarité, Santé et Développement (SSD)* besteht aus einer Kardiologin, einer Krankenschwester, einem Chirurgen und mir, als togoerfahrenem Geographen und künftigem Logistikorganisator für SSD.

In Sokodé treffen wir die Leiter des Krankenhauses und Vertreter der „Organisation internationale pour la gestion hospitalière (OIGH)“, einer Untereinheit der Weltgesundheitsorganisation mit Sitz in Togo. SSD verfolgt den Ansatz, dass alle von uns gelieferten Sachspenden, sowohl Apparate als auch Verbrauchsmaterial, mittellosen Patienten unentgeltlich zur Verfügung stehen sollen. Alte Menschen über 60, Jugendliche unter 14, Schwangere unter 16, chronisch Kranke, Unfallopfer, Obdachlose, Witwen und Waisen werden demgemäß zunächst kostenlos aufgenommen und behandelt. Dass im CHR erst geholfen und dann abgerechnet wird, oder letzteres eben auch nicht, kommt einer Revolution gleich, und das bei einem Patientenaufkommen von gut 40 % Mittellosen.

Das Engagement von SSD in Sokodé läuft schon seit über zehn Jahren. Zu Anfang hatte man den Eindruck, als wollte die Krankenhausverwaltung vor allem Spenden einheimsen und gewinnträchtig weiter veräußern. Die Verhältnisse haben sich seither grundlegend gebessert. Eine Erfolgsgeschichte trägt den Titel „Fisto“: Der Staatspräsident, Faure Gnassingbé, hatte sich zum Ziel gesetzt, Frauen zu helfen, die bei schweren Niederkünften ohne Geburtshilfe entsetzliche Unterleibstraumata erlitten haben. SSD organisierte in Zusammenarbeit mit den Gesundheitsbehörden mehrere Kampagnen, bei denen 300 Frauen operiert und dadurch von ihrer quälenden Inkontinenz geheilt wurden, so dass sie nicht mehr, wie bislang üblich, von der Dorfgemeinschaft ausgegrenzt blieben. Inzwischen ist diese Behandlungsmethode, zunächst von belgischen Chirurgen praktiziert und dann an ihre Kollegen in Togo weitergegeben, als Routine in einheimische Hände übergegangen.

Heute wollen wir einen Vierzig-Fuß-Container mit Hilfsgütern entladen, zu dessen Eröffnung ein hochoffizieller Zöllner eigens aus Lomé angereist ist. Mit feierlichem Zeremoniell wird das Siegel des Containers erbrochen, sein Inhalt von vielen helfenden Händen entladen und sogleich zum großen Teil auf dem Kopf in die Klinikräume getragen. Die Krankenschwester unserer Delegation will in den kommenden Tagen dabei helfen, das Material, Spenden der Namurer Organisation „Hôpital sans frontière“, aufzustellen und betriebsbereit zu machen. Der Container war von der wallonischen Initiative „Destination Congo“ gestiftet worden. In einem Jahr plant SSD die Lieferung des nächsten Containers mit Hilfsgütern, darunter OP-Wäsche, die in Belgien nicht mehr gebraucht wird, weil man Einwegmaterial bevorzugt, in Togo aber hochwillkommen ist.

 

 

Unsichere innenpolitische Lage

Immer wieder fahren gepanzerte Mannschaftswagen mit aufmontiertem Maschinengewehr und schwer bewaffneten Soldaten herum. Vor welchem Feind sie wen schützen, bleibt rätselhaft. Vor dem Hotel sitzt auf einmal ein Zug von Gendarmen mit Schlagstöcken, Helmen und Visier ab und wendet sich nach gegenüber – zu meiner Erleichterung, denn diese Ordnungshüter wirken eher bedrohlich, als beruhigend.

Nach einigen Tagen zurück in Belgien erfahren wir den Hintergrund für das Aufgebot von Sicherheitskräften und die Reaktion der Regierung von Togo auf die Seuchengefahr durch Covid-19: der Staatspräsident darf bis auf weiteres per Dekret regieren, es herrschen Ausgangsperren und Versammlungsverbot, Finanzhilfen an Bedürftige werden aufgrund der Wählerkarte ausgegeben – das heißt, dass diejenigen, die letztes Jahr die gefälschte Wiederwahl Faure Gnassingbés boykottiert hatten, leer ausgehen. Die Ausgangsbeschränkungen werden mit harter Polizeigewalt durchgesetzt.

* https://ssdev.be/

 

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