Blicke auf Europa. Bozar heute, der deutsche Louvre

2d415c340dDas belgische, Brüsseler Bozar-Museum sei mit dieser Ausstellung „Blicke auf Europa und die deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts“ eigentlich im Augenblick der deutsche Louvre, meint jedenfalls Bernhard Maaz. 

Der Mann muss es wissen, schließlich ist er derjenige, der für die Konzeption verantwortlich war. Und Recht hat er außerdem: denn die meisten der 150 ausgestellten Bilder stammen aus den Staatlichen Museen zu Berlin, den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und den Bayrischen Staatsgemäldesammlungen in München. Haben diese Museen jemals ihre Meisterwerke aus der Romantik gemeinsam ausgestellt? Ja, einmal: das war 1906 – in Berlin.

Es ist in der Tat die erste enge Zusammenarbeit der drei wichtigsten deutschen Museen seit einem Jahrhundert. Denn Kleinstaaterei ist im Kulturbereich in Deutschland immer noch angesagt. Paul Dujardin, der Direktor des Bozar, habe gewissermaßen diese Kooperation erzwungen und hohe Standards gesetzt. Mit einem hervorragenden Ergebnis: auch wer alle Bilder schon einmal gesehen hat, wird hier mit einer ganz neuen Sichtweise belohnt.

Als es Deutschland noch nicht gab

Dass es in Deutschland im 19. Jahrhundert nur Kleinstaaten gab und keine Hauptstadt wie Paris oder London, hat aber auch zu einer künstlerischen Blütezeit geführt. Wer künstlerisch inspiriert war, wollte hinaus, ins Weite, der Sehnsucht folgen. Die deutschen Maler, Dichter, Musiker wanderten durch Europa, weil es „Deutschland“ nicht gab. Weil nur den deutschen Künstlern der Blick auf die anderen Länder so wichtig gewesen sei, sei diese Ausstellung auch nur mit deutschen Bildern überhaupt denkbar.

Man habe die Meisterwerke der Romantik in Brüssel nicht einfach chronologisch zeigen wollen, sondern eher thematisch. Griechenland, als Wiege Europas und Schönheitsideal – wie es auch von Hölderlin oder Schiller gesehen wurde – wird quasi als Kapitel 1 eines imaginären Buches aufgeschlagen.

Kapitel 2: Bella Italia. Immer schon, immer noch, ein Reiseziel der deutschen Künstler. „Kennst Du das Land?“ Ja wir kennen das Land, in dem die Zitronen blühen und sind noch immer beeindruckt von der Schönheit Italiens. Rund 100 Maler habe es seinerzeit Jahr für Jahr dorthin gezogen. Manche wurden dort geboren, manche heirateten, manche blieben dort und bildeten die Gruppe der „deutschen Römer“ um Arnold Böcklin, einer von vielen: Anselm Feuerbach.
Auch im Norden (Kapitel 3) gibt es Licht: Caspar David Friedrich, der Inbegriff der deutschen Romantik (wie hätte er die Mondfinsternis der letzten Woche geliebt und gemalt?) ist in Greifswald geboren, das damals zu Schweden gehörte.

Zu Ost-Europa (Kapitel 4) – Russland, Polen, dem Baltikum – gab es weniger künstlerische, dafür aber dynastische Brücken. Heiraten zwischen den europäischen Potentaten waren wichtig. Porträts sind angesagt.

Landschaften dagegen beherrschen wieder völlig das Kapitel 5 der Ausstellung: es geht um Böhmen und insbesondere das Riesengebirge – im Nebel, im Sonnenschein und Caspar David Friedrich darf natürlich nicht fehlen. Auch im nächsten Saal (Kapitel 6), das der Freiheit der Alpen, dem freien Blick auf die Alpen und den kleinen Bauernhäusern unter den gewaltigen Bergen gewidmet ist, hängt wieder ein Bild von ihm.

Spanien (Kapitel 7) war damals sehr weit weg von Deutschland. Nur wenige deutsche Künstler sind dort gewesen und es gab auch nur wenig Kontakt zu diesem Land. Was konnte Andalusien mehr bieten als das italienische Licht? Den arabischen Einfluss auf die Architektur. Flamenco oder Stierkampf wird man hier vergeblich suchen. Im Blick auf Großbritannien (Kapitel 8) ist die Sicht auf den common sense vorherrschend und überhaupt seien die Briten selber mit dem europäischen Kontinent sehr verbunden gewesen. Sie nämlich seien gereist – nach Paris, nach Rom und anderswo, wiewohl kaum nach Deutschland.

Gastland Belgien

Belgien (Kapitel 9) als Gastland der Ausstellung darf natürlich nicht fehlen. Zwei monumentale Geschichtsbilder mit den Sujets: „Der Kompromiss der niederländischen Adligen 1566“ (Edouard de Biefvedlet) und „Die Abdankung Karls des Fünften“ (Louis Gallait) sind in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts in vielen deutschen Städten, darunter Köln, Berlin, Dresden und München ausgestellt worden. Die Maler und die Gemälde sind im heutigen Belgien weitgehend vergessen, aber im damaligen Deutschland führten sie zu einer lebhaften Diskussion über die Ästhetik und die Historienmalerei. Dem jungen Jacob Burckhard haben die Bilder jedenfalls gefallen und einige deutsche Maler versuchten, in die belgischen Fußstapfen zu treten.

Das Nachbarland Niederlande (Kapitel 10) steht für die bürgerliche Utopie. Oder was die deutschen Maler darunter verstanden haben. Und was wir heute immer noch darunter verstehen wollen: ältere Frauen auf der Bank vor ihrem kleinen Häuschen sitzend. Schöne Landschaften. Einfaches Leben Alles blitzeblank, auch der Schlachthof. Frankreich (Kapitel 11) steht für politische und künstlerische Freiheit. Viele deutsche Maler hat es nach Paris gezogen und sie wurden unter anderem von Malern wie Coubert oder Manet beeinflusst. Saal 12 ist Adolph Menzel gewidmet, der vor allem durch seine Bilder der industriellen Produktion so bekannt geblieben ist.

Das allerletzte Bild der Ausstellung ist auch das allererste: der Rundgang ist vollendet: Heinricke Dannecker, von Christian Gottlieb Schick 1802 porträtiert, blickt in den Farben der französischen Revolution gekleidet hoffnungsvoll, romantisch, vor blühenden Blumen auf eine europäische Landschaft. Ihr Blick fällt auch auf Schillers Worte in der Eingangshalle, die in allen EU-Sprachen an der Decke flattern:

„Die Schranken sind durchbrochen, welche Staaten und Nationen in feindlichen Egoismen absonderten. Alle denkenden Köpfe knüpft jetzt ein weltbürgerliches Band.“

Von Hortense Hörburger

Bildnachweise:
Carl Rottmann (1797-1850): Schlachtfeld bei Marathon, um 1849, Öl auf Leinwand (91 x 90,5 cm), ANG, Inv.-Nr. A I 209
STAATLICHE MUSEEN ZU BERLIN, NATIONALGALERIE, Foto: Jörg P. Anders
Johann Friedrich August Tischbein (1751–1829): Nicolas Châtelain im Garten, 1791, Öl auf Leinwand (219 x 133,5 cm), NPM, Inv.-Nr. 9383
BAYERISCHE STAATSGEMÄLDESAMMLUNGEN, MÜNCHEN – NEUE PINAKOTHEK
Foto: BAYERISCHE STAATSGEMÄLDESAMMLUNGEN, MÜNCHEN
Nach Karl Friedrich Schinkel (1781-1841): Blick in Griechenlands Blüte, 1825, Kopie von August Wilhelm Julius Ahlborn, 1836), Öl auf Leinwand (94 x 235 cm), ANG, Inv.-Nr. NG 2/54,
STAATLICHE MUSEEN ZU BERLIN, NATIONALGALERIE, Foto: Andres Kilger
Christian Gottlieb Schick (1776-1812): Bildnis der Heinrike Dannecker, 1802, Öl auf Leinwand (119 x 100 cm), ANG, Inv.-Nr. A II 840
STAATLICHE MUSEEN ZU BERLIN, NATIONALGALERIE, Foto: Andres Kilger
Adolph Menzel (1815-1905): Das Balkonzimmer, 1845, Öl auf Pappe (58 x 47 cm), ANG, Inv.-Nr. A I 744
STAATLICHE MUSEEN ZU BERLIN, NATIONALGALERIE, Foto: Andres Kilger

Bozar
Rue Ravenstein 23
1000 Bruxelles

8. März bis 20. Mai 2007
Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00
Donnerstag 10.00 bis 21.00
Eintrittspreis: 9,00 €

Katalog: Hurra, auch auf deutsch, 38 €


 

 

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