Bittschön, ein Sackerl! Österreichisches Deutsch nach Prof. Muhr

9434d46ce6 Zweimal im Jahr lädt die Brüsseler Zweigstelle der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) zu einer Veranstaltung. Als Referenten hatte GfdS-Zweigvorsitzende Prof. Dr. Madeline Lutjeharms diesmal den Germanisten Prof. Dr. Rudolf Muhr von der Universität Graz gewinnen können. Am 19. April 2007 hielt er in der Vrije Universiteit Brussel einen gar nicht professoralen Vortrag über „Österreichisches Deutsch“ im Allgemeinen und das beziehungsgefährdende Potenzial von Modalpartikeln im Besonderen.

Schon am Nachmittag war in seiner Gastvorlesung für die Studenten der VUB kein Platz frei geblieben. Aber auch am Abend konnte Prof. Dr. Rudolf Muhr über Laptop und Beamer hinweg auf dicht besetzte Reihen schauen, in denen neben Studenten verschiedener Brüsseler Universitäten vor allem Österreicher, aber auch Schweizer, Schwaben und Berliner Platz genommen hatten. Österreichs Botschafter war kurzfristig verhindert, doch Dr. Anna Maria Cede war gekommen, neben sich Mag. Sandra Kowald, die Leiterin des Österreichischen Kulturforums Brüssel, das die Veranstaltung unterstützte, und vor sich das Buch von Heidemarie Markhardt über „Das österreichische Deutsch im Rahmen der EU“.

Schizophrenes Sprachbewusstsein

Vor diesem inhomogenen Auditorium sprach der Germanist aus der Steiermark, von Prof. Madeline Lutjeharms auch als Mitglied der Jury für das österreichische „Unwort des Jahres“ vorgestellt, mit Verve über sein Spezialgebiet, das Deutsche als plurizentrische Sprache. Im Deutschen haben sich, so Muhrs These, nationale Varietäten herausgebildet, die zwischen lokalen Dialekten und einer voll ausgebildeten Sprache angesiedelt sind: Das dominierende „Deutschländische Deutsch“, das Schweizer Deutsch und das Österreichische Deutsch. Zwar müssten sich die kleineren Varietäten immer für ihre Sprachnormen rechtfertigen. Verunsicherung, schizophrenes Sprachbewusstsein und unklare Sprachloyalität seien die Folge. Lektoren würden Schriftstellern aus ihren Texten sogar österreichische Sprachmerkmale herausstreichen.

Trotzdem sei das österreichische Deutsch eindeutig mehr als ein Dialekt. Das suchte Muhr durch Hörproben zu belegen, darunter Austro-Pop der Ersten Allgemeinen Verunsicherung („Küss die Hand, schöne Frau“). Entlang der Verkehrsadern breite sich die österreichische Sprachvarietät von Osten her aus. „Österreich ist ein misslungenes Wiener Schnitzel, das im Westen etwas dünn wird,“ gab der Steirer allerdings zu, denn im ohnehin alemannischen Vorarlberg ist durch Westfernsehen und intensiven Sprachkontakt der Einfluss des „Deutschländischen Deutschen“ groß.

„Wenn Sie mit Asiaten reden…“

Muhr machte in Europas Hauptstadt auch einen Streifzug durch die Verschiedenheiten des Wortschatzes, der beim österreichischen EU-Beitritt insofern eine Rolle spielte, als nach zähen Verhandlungen 23 österreichische Ausdrücke (Marillen, Erdäpfel, Karfiol…) durch das „Protokoll Nr. 10“ offiziellen Eingang in die EU fanden. Die eigentlichen interkulturellen Probleme zwischen Österreichern und Deutschen entstehen nach Muhr jedoch durch eine grundverschiedene Mentalität.

Während das österreichische Sprachverhalten vom Streben nach Kompromissfindung und Harmonieerhalt geprägt sei, spreche der Deutsche direkter. „Vor allem Modalpartikel sind hochgradig beziehungsgefährdend,“ behauptete Muhr . Wenn ein Deutscher sagt: „Gib mir mal eine Tüte“, dann erkennt der Österreicher das Wörtchen „mal“ nicht als deutsche Form der Höflichkeit, sondern möchte „bittschön“ um ein Sackerl gebeten werden. „Wenn Sie mit Asiaten reden, sprich: mit Österreichern, dann seien Sie lieber vorsichtig,“ empfahl Muhr am Ende seinem Publikum, das anschließend noch angeregt diskutierte.

Bei einer GfdS-Veranstaltung im März 2008, so Prof. Madeline Lutjeharms (VUB), wird sich die germanophone Belgierin Erika Schmatz (ULB) dann mit der deutschen Sprache in Ostbelgien beschäftigen.

Text: Renate Kohl-Wachter
Foto: Johannes Wachter

Links:

http://gfds.de/
http://www-oedt.kfunigraz.ac.at/
http://www-oedt.kfunigraz.ac.at/oewort/

 

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