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Belgien will unabhängiger von Energieimporten aus Russland werden

Von Rainer Lütkehus

Belgien sucht wegen des Kriegs in der Ukraine Alternativen für seine Erdöl-, Erdgas- und Uran- Einfuhren aus Russland. Das Königreich bezieht Erdöl zu 30 Prozent, Uran zu 20 Prozent und Erdgas zu rund 5 Prozent aus Russland. Die belgische Energieministerin Tinne Van der Straeten (GROEN) setzt eine Arbeitsgruppe ein, um die geopolitischen Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine auf die Energieversorgungssicherheit in Belgien zu erfassen und Alternativen für russisches Erdgas und Erdöl sowie Uran zu finden.

In der Arbeitsgruppe arbeiten Experten aus der belgischen Energieregulierungsbehörde CREG, der Erdölagentur APETRA , dem Fernleitungsnetzbetreiber Fluxys und der Electrabel gehörenden Kernbrennstoffgesellschaft Synatom zusammen. Die Arbeitsgruppe soll der Regierung vor dem 18. März eine Expertise vorlegen; an diesem Tag will das Kabinett nach den bisherigen Planungen darüber entscheiden, ob zwei der sieben Atommeiler über das Jahr 2025 am Netz bleiben. Eigentlich ist seit 2002 gesetzlich festgeschrieben, dass Belgien Ende 2025 vollständig aus der Atomkraft aussteigt. Belgiens Stromversorgung hängt zurzeit zu rund 50 Prozent von Atomkraft ab. Alle sieben Atommeiler sind zurzeit in Betrieb.

IEA empfiehlt stärkere und längere Nutzung der Atomenergie, auch in Belgien

Van der Straeten sieht in einer Laufzeitverlängerung der Meiler Doel 4 bei Antwerpen und Tihange 3 bei bei Huy keine Lösung, um die Abhängigkeit Belgiens von russischem Erdgas zu reduzieren. Auch wenn damit weniger neue Gaskraftwerke für deren Ersatz nötig wären, werde der vollständige Atomausstieg kaum Auswirkungen auf Strompreise und die Versorgungssicherheit in Belgien haben, versichert die flämische Juristin. Das bezweifeln die liberalen Koalitionspartner MR und Open VLD sowie die christdemokratische CD&V.

Van der Straeten ist eine der drei Vizepräsidenten des Gremiums, in dem sich die Energieminister der 31 Mitgliedstaaten der Internationalen Energieagentur (IEA) alle zwei Jahre treffen, das nächste Mal Ende März in Paris. Am 3. März hat die IEA einen Zehn-Punkte-Plan für die EU vorgestellt, um deren Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen zu reduzieren. Mit dem Maßnahmenkatalog könne Europa seine Abhängigkeit  innerhalb eines Jahres um ein Drittel reduzieren, sagt Fatih Birol, Exekutivdirektor der Organisation. In Ziffer fünf der Maßnahmenliste empfiehlt die IEA eine Maximierung der Stromproduktion in den 107 in der EU betriebenen Kernreaktoren. Außerdem sollten die für 2022 und 2023 geplanten Stilllegungen von fünf Reaktoren (drei in Deutschland, zwei in Belgien) aufgeschoben werden.

Bewegung bei den belgischen Grünen?

In Belgien sollen die Meiler Doel 3 im Oktober 2022 und der Meiler Tihange 2 im April 2023 abgeschaltet werden. Diese beiden baugleichen und bald 40 Jahre alten „Pannenreaktoren“ kommen wegen Rissen in den Reaktordruckbehältern für eine Laufzeitverlängerung nicht in Frage. Bei der aktuellen Debatte über eine Laufzeitverlängerung innerhalb der belgischen Regierung geht es um die jüngsten Meiler Doel 4 und Tihange 3, die nach derzeitigen Planungen bis 2025 betrieben werden sollen. Vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine und der damit verbundenen Gefährdung der Energieversorgungssicherheit gibt es jetzt anscheinend bei den Grünen Bewegung; das ließen der Ecolo-Vorsitzende Jean-Marc Nollet und Ministerin Tinne Van der Straeten am Wochenende in einem Zeitungsinterview erkennen. Plan A (Ausstieg) und Plan B (Verlängerung) müssten „ohne Tabu“ geprüft werden.

Auch in Deutschland wird wegen der (noch viel größeren) Abhängigkeit von russischem Erdgas eine Laufzeitverlängerung der drei verbliebenen Reaktoren (Emsland, Isar und Neckarwestheim) wieder ins Gespräch gebracht. Diese sollen bis Ende dieses Jahres vom Netz genommen werden. Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck sagte am Wochenende, dass auch diese Option  geprüft werde; er räumte einer Verlängerung aber keine Chance ein.

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