Belgien ist „ganz sicher nicht langweilig“

Von Rudolf Wagner.

Aktuelle Literatur in deutscher Sprache über dieses „ungewöhnliche Land“ Belgien gibt es so gut wie nicht, wenn man schöne Bildbände, Kochbücher, Reiseführer und ein paar Werbebroschüren großer Unternehmen beiseite lässt. Wo ist das schmale Bändchen, in dem man als Deutscher oder Österreicher gern mal auf einer ganz privaten Entdeckungs- und Bildungsreise blättert und das auch als Gute-Nacht-Lektüre auf dem Nachttisch liegen könnte? Thomas Philipp Reiter hat den Versuch unternommen, aus neuem und alten Material sowie ganz neuen Texten ein solches Lesebuch zusammenzustellen.

Unser belgisches Leben“ nennt er diese Sammlung, und aus ihr ist eine wahrhaft belgische Fibel, ein Stück echter „Belgitude“ entstanden. Dieser Eindruck zwängt sich schon mit der Einleitung auf, die von Graf Jacques de Lalaing, dem Präsidenten der Belgisch-Deutschen Gesellschaft, in schönstem Offizialstil gleich dreimal präsentiert wird: auf Deutsch, Französisch und Niederländisch, den drei belgischen Amtssprachen.

Für wen Reiter geschrieben hat, ist eine ganz andere Frage. Es geht hier nicht allein um das Verständnis von Sprachen, es geht auch um Inhalte. Was deutsche Leser bei Reiter in einer bemerkenswerten, sehr informativen Darstellung („Belgische Liberale: Regieren ohne Komplexe“) über Politik in Belgien erfahren und lernen können, wird dem flämischen oder wallonischen Leser herzlich gleichgültig sein; die wissen das alles ja schon. Sie brauchen auch die Übersetzung aus dem Anhang nicht, die das Buch nur dicker machen.

Belgien, ein „failed state“?

In dem genannten Text finden wir den schönen Satz: „Man kann der belgischen Innenpolitik einiges nachsagen, aber eines ganz sicher nicht: dass sie langweilig sei.“ Reiter lässt nichts auf Belgien kommen, und reagiert auf Kritik an „seinem“ Land nach Attentaten und Terror emotional. Belgien, ein „failed state“? Sein Hinweis auf die Wirkung von sechs Staatsreformen, deren Inhalt auch die belgischen Bürger kaum kennen, liefert aber keine ausreichend abwehrende Erklärung für ein Nein. Immerhin fragt Reiter selbst „warum hier nicht funktioniert, was in der Schweiz hervorragend gedeiht: das Neben- und Miteinander verschiedener Kulturen unter einer gemeinsamen schweizerischen Identität“.

Flandern, die Wallonie, Brüssel mit dem eigenen Stolz seiner Bürger, die Deutschsprachige Gemeinschaft: das sind vier Facetten des belgischen inneren Auseinanderdriftens. Einige sprachliche Problemzonen werden skizziert. „’Flämisch‘ ist trotz der räumlichen und sprachlichen Nähe zum nördlichen Nachbarn etwas anderes als Niederländisch“, schreibt Reiter nicht ohne Humor. Niederländische Metzger heißen slagers, belgische beenhouwers, beide schneiden Fleisch auch noch unterschiedlich! Das Wort „Garage“ meint in deutschem Sprachgebrauch einen Auto-Unterstellplatz innerhalb eines Gebäudes, und in Belgien „Auto-Werkstatt“.

Vormarsch der englischen Sprache

Die deutsche Sprache wird in Belgien an Bedeutung gewinnen“ ist ein Beitrag überschrieben, in dem dann tatsächlich das Gegenteil erörtert wird. Auch wenn die Deutschsprachige Gemeinschaft im Osten Belgiens mit ihren mehr als 70 000 Einwohnern davon träumt, ein eigenes Bundesland der „Vereinigten Staaten von Belgien“ zu werden, ist trotz Brexit der Vormarsch des Englischen nirgendwo zu stoppen. Längst haben Flamen und Wallonen ihre Politiken angepasst und aktuell ihre Sprachkämpfe verringert; in Brüssel verständigen sich Belgier, Immigranten, Touristen und Eurokraten traditionell sowieso mehrheitlich auf Französisch und Englisch. Nur die Bürger um Eupen und St. Vith hoffen auf ein „Belgien zu viert“ – und auf die Durchsetzungskraft der deutschen Sprache.

Schade, dass das Buch in den geschilderten Teilen auf Fotos verzichtet. Die Spaziergänge Reiters durch Brüssel hätten so an Anschaulichkeit gewonnen. Das gilt vor allem für seine Betrachtungen über Saint-Josse-ten-Noode, wo 2012 der erste türkischstämmige Bürgermeister gewählt wurde. Schade auch, dass dem Leser kein politischer Bericht über Molenbeek vorgelegt wird. Man mag sich mit der Titel-Fotomontage mit Plastiken des Straßen-Bildhauers Tom Frantzen zufrieden geben. Frantzen ist ein „Vaartkapoen“, also ein in Molenbeek Geborener.

Fußball geht vor

Das Herz von Thomas Philipp Reiter, dem Journalisten und Unternehmensberater, gehört dem Fußball. Er hat den deutschsprachigen Club „Rote Teufel Brüssel“ gegründet und viele Spiele der großen und kleinen belgischen Vereine begleitet. Im Buch taucht Molenbeek deshalb also doch noch auf, hier: mit dem Verein RWDM, dem „Racing White Daring Molenbeek 2003“, der es in seiner Vereinshistorie schaffte, Ende der 70er Jahre bis ins Halbfinale eines UEFA-Pokals zu gelangen.

Apropos Historie: dass Reiter seinen Lesern den Wiederabdruck eines Beitrags über einen Schülerbesuch im EU-Parlament aus dem Jahr 1986 mit heute verwirrenden Zahlen und vollkommen überholten Erläuterungen anbietet, muss ein schwerer Verlagsunfall gewesen sein. Ach, und übrigens: Die belgische Nationalhymne gibt es mit niederländischem und französischem Text, der so altertümlich verschwurbelt ist, dass ihn die Belgier nur zu hohen Gelegenheiten singen. Reiter holt in seinem Buch die „wenig verbreitete amtliche deutsche Fassung“ der Hymne aus der Versenkung. Das ist ehrenvoll. Nur leider gibt es in der Sache nichts Amtliches. Das Parlament in Eupen ist mit der Hymne auf Deutsch zwar schon vor Jahren befasst worden, hat aber nie darüber abgestimmt.

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