Belgien, ein Zufallsprodukt/3. Teil: Wann zieht Barroso nach Straßburg um?

65b7a718e7„Belgien als Föderalstaat ist gescheitert. Das Land erweist sich seiner europäischen Berufung als Gastgeber nicht gewachsen. In Brüssel handelt kein Parlament, in der Provinz tagen Parlamentchen. Den dramatischen Forderungen der Radikalen antworten die demokratischen Parteien mit Berührungsängsten und taktischen Spielen.“

In Belgien handelt es sich nicht mehr um eine Regierungs- sondern um eine Staatskrise. Die Neugier der vom dubiosen „Vlaams Belang“ alarmierten Auslandspresse heizt die Untergangsstimmung noch an. Fakt ist, dass es den politischen Parteien in 177 Jahren nicht gelungen ist, Belgiens gravierende innere Gegensätze zu überwinden, will schweigen zu besänftigen. Immer wieder ist, auf mitunter komödienhaft-kompromisslerische Weise versucht worden, diese Konflikte zumindest unter Kontrolle zu bringen, es wirkte penibel:

Da war die vermeintliche „Unfähigkeit zu regieren“ von König Baudouin, das Löwen-Desaster und die Aufteilung der berühmten Uni-Bibliothek, Ministerinflation, wiederholte Regierungsstürze wegen ein paar Voer-Wiesen, millionenschwere Parallelkredite nach dem Motto „Für uns der Campus in Louvain-la-Neuve, für euch der Hafen Zeebrugge“, es folgten Korruptionsskandale bis in höchste Staatsämter, Ministerrücktritte in Schande und dann die Dutroux-Katastrophe.

All das bildet den Dekor eines Belgien-Dramas mit unbekanntem Ausgang. Die Proben laufen schon: Extremisten schreien „Belgie baarst“, Frau Milquet tönt „Non“, di Rupo fordert die „Fourons“ zurück, EU-Kommissar Michel giftet gegen rote Korruption, Leterme kennt die Nationalhymne nicht mehr, der „Erforscher“ will nicht Premier seiner Forschungen werden und zieht sich in den Präsidententrakt des Abgeordnetenhauses zurück, das vor den Parteivorsitzenden seit Jahren kuscht.

Das Ende der Nostalgie

Mag sein, dass in den Wochen nach Allerheiligen durch Vertagungen, Buchstaben-Magie, arithmetische Seiltänze, kunstvolle Auslegungen und viele fromme Wünsche ein einstweilen rettendes Floß entdeckt wird. Wenn man jedoch dem analytischen Rückblick einen illusionslosen Ausblick folgen lässt, gerät man schnell an Abgründe. Mit den noch so gut gemeinten Unterschriftaktionen von Toots Thielemans, Kim Gevaerts, Hugo Claus oder Adamo und den Internet-Umfragen redlicher Bürger wird das Land nicht zu retten sein. Die nationalen Nostalgien sind rührend, verkennen jedoch meist die Realitäten. Belgien als Föderalstaat ist gescheitert.

Das Land erweist sich seiner europäischen Berufung als Gastgeber nicht gewachsen. In Brüssel handelt kein Parlament, in der Provinz tagen Parlamentchen. Den dramatischen Forderungen der Radikalen antworten die demokratischen Parteien mit Berührungsängsten und taktischen Spielen. Die belgische Staatskunst ist zur Meisterschaft im Verschieben verkommen. Wer Probleme nicht kennen will, wird Lösungen nicht finden. Der spärliche Kitt der „Bundestreue“ wird knapp.

Die sich in absehbarer Zeit stellende Frage lautet nicht, ob man in Wezembeek-Oppem eine Vorschulklasse schließen darf, ob ein sensibler Wahlkreis spaltbar ist, ob man den Fluglärm von Zaventem in den Himmel umleitet oder der Landrat von Aachen-Land die Deutschsprachige Gemeinschaft übernehmen wird. Mein armes krankes Land ist nicht mehr gesund zu beten, es muss ein Putsch der Mentalitäten her: Man kann nicht länger zusammen zwingen, was nicht mehr zusammen gehören will. Wann begreifen die Wallonen, dass Flandern auf- und abbricht? Wann garantieren die Flamen glaubwürdig, dass die Trennung kein Abschied von Belgien ist? Um zu retten, was dringend noch zu retten ist, bedarf es der Schaffung zweier in engster Nachbarschaft kooperierender Staaten unter einer gemeinsamen, etwas entstaubten Krone, die in dieser Herausforderung ein neues Niveau erlangen könnte: Belgiens letzte Klammer, jedoch mit Format.

Sollte das Land scheitern, droht auch das Großprojekt Europa in Turbulenzen zu geraten. Vom Baskenland bis ins Baltikum werden die regionalen „Freischärler“ aufhorchen. Unser Land besitzt als Sitz der EU hohen Symbolcharakter. Wenn vor den Türen der Kommission die Menschen dreier verschiedener Sprachen und Kulturen nicht mehr miteinander in Frieden leben können, müssen sich die Europäer eine andere Hauptstadt, und die Belgier ein anderes Europa suchen: Dann bestellt Barroso die Umzugswagen nach Straßburg, diesmal nur noch Hinfahrt. Der Kardinal liest ein Requiem in lateinischer Sprache. Leterme und Reynders tauschen Botschafter aus. An der Eupener Klötzerbahn zieht der Ministerpräsident die belgische Flagge ein. Aber nur auf Halbmast. (Ende.)

Autor: Freddy Derwahl

Freddy Derwahl (63) lebt in Eupen als freier Schriftsteller, er veröffentlichte im Grenz-Echo-Verlag u.a. die Romane „Der Mord im Brüsseler Hof“ und „Bosch in Belgien“.

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