Belgien, ein Zufallsprodukt/2. Teil: Die „Königsfrage“ neu gestellt

65b7a718e7„Dass der Monarch nach einem Sturz am Stock geht, wird als Symbol für die Lage der Nation gedeutet. Dass er zu Beginn der Regierungskrise im sonnigen Grasse Urlaub machte, hat Bedenken ausgelöst. Das Défilé ehemaliger Premier- und Staatsminister vor den Gittern des Palastes hatte, nach dem Abbruch der Regierungsbildung, makabere Züge. Im letzten Aufgebot war kein Retter.“

Die Kriegsverbrechen der deutschen Übermacht, der die kleine belgische Armee an der Maas heldenhaft Widerstand leistete, löste erstmals eine Welle nationaler Solidarität aus. Der Soldatenkönig Albert in den Schützengräben der Polders und seine aus Bayern stammende Königin Elisabeth, die sich für den Beistand der Sterbenden in den Feldlazaretts nicht zu schade war, bekräftigten diesen Durchbruch zu Ehre und Ansehen. Dabei ging allerdings unter, dass auf den Schlachtfeldern von Diksmuide und Ypern die flämischen „plougs“ die Befehle ihrer frankophonen Offiziere nicht verstanden und einen besonders hohen Blutzoll gezahlt hatten.

Die „flämische Frage“ wurde damals von einigen Dorfgeistlichen, Dichtern und Schulmeistern aufgeworfen, denen der ganze Sarkasmus ihrer Brüsseler Adressaten galt. Flamen-Witze waren noch bis ins ausgehende 20. Jahrhundert ein besonders beliebter Bestandteil wallonischen Humors, der ihnen in der „Königsfrage“ nach dem 2. Weltkrieg fast vergangen wäre, als der tiefe Riss zwischen beiden Landesteilen brutaler nicht hätte aufbrechen können und das Land am Rande des Bürgerkriegs stand. Anders als heutzutage optierte Flandern damals für König und Vaterland, während bei der Vereidigung des neuen, blutjungen Monarchen Baudouin in der wallonischen Linken der Ruf „Vive la République“ laut wurde.

Das Land kippt um

Baudouin war ein Mystiker der Macht. In christlicher Nächstenliebe gab er den Kongo zurück, besänftigte streikende Kumpel im Maasbecken und auf Brüssel marschierende Schulkämpfer, und sah sich schließlich mit dem brodelnden Konflikt an der Universität Löwen konfrontiert. Die Jungfrau Maria als „Sitz der Weisheit“ und mittelalterliches Symbol katholischer Macht stürzte unter dem Druck flämischer Demos mit Rufen nach „walen buiten“. Das Land kippte um. Die wirtschaftlich marode Wallonie stritt säbelrasselnd um einige Bauerndörfer an der Voer, während das blühende Flandern die Hauptstadt umzingelte. Im „Pays noir“ vergammelte die alte Herrlichkeit der Stahlbarone, während in Gent „Flanders Technology“ Zeichen setzte.

Die Zeit frankophoner Staatsmänner vom Range Spaak, Vanaudenhove, Lefèvre und Vanden Boeynants ging zu Ende; seitdem residieren in der Rue de Loi 16 nur noch flämische Premierminister. Im Zuge der Staatsreformen zog sich die Wallonische Region ins provinzielle Namur zurück und schleuste die Happart-Querulanten in hohe Ämter, während sich Flandern das weltmännische Brüssel zur Hauptstadt wählte, und mit Martens und Verhofstadt jugendlichen Elan an die Macht brachte. Während sich Flandern als kompakte Region formierte, leisteten sich die Frankophonen den Luxus einer Wallonischen Region und Französischen Gemeinschaft, als gebe es in diesem komplizierten Bundesstaat nicht schon der Institutionen genug.

Der König am Stock

Bleibt schließlich König Albert II., der sich, entgegen den Attacken seiner Gegner, keineswegs als ein in Ehren alternder Playboy erwiesen hat, sondern, besser als jeder andere seiner Untertanen weiß, wie bedrohlich es um das Land steht. Doch hat es im Umfeld des Königshauses in der Vergangenheit Irritationen gegeben, die im resoluten Flandern aufhorchen ließen. Dass der Monarch nach einem Sturz am Stock geht, wird als Symbol für die Lage der Nation gedeutet. Dass er zu Beginn der Regierungskrise im sonnigen Grasse Urlaub machte, hat Bedenken ausgelöst. Seine völlig neue einsame Rolle als Staatsoberhaupt-Regierungsbildner ließ sogar den angesehenen Verfassungsrechtler Prof. Senelle zusammen zucken. Dass er sich schließlich nach einem verunglückten Kommuniqué des Hofes auf seinen Landsitz in die Famenne-Wälder von Ciergnon zurückziehen musste, bedeutet für das Krisenmanagement nichts Gutes.

Sein Schicksal ist, dass dem Land sich misstrauisch beobachtender Teilstaaten ein Staatsmann fehlt. Das Défilé ehemaliger Premier- und Staatsminister vor den Gittern des Palastes hatte, nach dem Abbruch der Regierungsbildung, makabere Züge. Im letzten Aufgebot war kein Retter.

Autor: Freddy Derwahl 

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