„Belgien – Das Land der positiven Überraschungen“

250814_Höhn_0Eine gutaussehende Dame um die 50, mit viel Schwung und breitem Lächeln: Das ist Susanne Höhn, seit Januar 2014 amtierende Leiterin des Goethe-Instituts Brüssel. Ihr guter Ruf über ihren ungewöhnlichen Führungsstil eilt ihr voraus, weil sie auch bei unbeliebteren Aufgaben gerne mal mit anpackt oder in der Mittagspause Pasta für alle Angestellten kocht. Mit Belgieninfo spricht sie über ihr neues Leben in Belgien, die Herausforderungen des Goethe-Instituts in Brüssel und Europa.

Belgieninfo: Frau Höhn, Sie haben Ihren Arbeits- und Wohnsitz im Januar von Rom nach Brüssel verlegt. Wie fühlt sich dieser Szenenwechsel an, was sind Ihre ersten Eindrücke von Belgien?

Höhn: Ich muss gestehen, dass ich vor meiner Ankunft ein sehr unklares Bild von Belgien hatte, das vor allem Hochhäuser, Technokraten und Regen beinhaltete. Bei meiner Ankunft war ich positiv überrascht und habe mich schnell zu einem echten Brüssel-Fan entwickelt: Ich liebe die Reibung, die Multikulturalität und die Gegensätze hier. Die Belgier sind überaus freundlich, hilfsbereit, interessiert – auch wenn der Fahrstil der Römer nichts ist im Vergleich zu dem Treiben auf Brüsseler Straßen… Auch das Wetter ist ganz okay. Meine Töchter und ich erfreuen uns an den zahlreichen Second Hand – Läden, lieben das überwältigende Kulturangebot und erkunden zusammen die Schönheit belgischer Städte wie Antwerpen, Gent, Brügge oder Leuven. Allerdings lässt mir meine Arbeit nur wenig Zeit, sonst würde ich gerne noch mehr von Belgien sehen.

Belgieninfo: Dass Ihnen bei Ihrem Job nicht viel Freizeit bleibt, kann man sich vorstellen: Sie sind ja nicht nur die Leiterin des Goethe-Instituts Brüssels, sondern auch Regionalleiterin und EU-Beauftragte. Was bedeutet das?

Höhn: Das Goethe-Institut Brüssel arbeitet auf drei Ebenen. Zunächst beschäftigen wir uns mit der bilateralen Seite, versuchen, die kulturelle Zusammenarbeit zwischen Belgien und Deutschland zu vertiefen und die deutsche Sprache und Kultur zu fördern. Das Goethe-Institut Brüssel hat einen reichen Veranstaltungskalender. In der Projektentwicklung legen wir großen Wert auf die Zusammenarbeit mit belgischen Partnern. Zweitens koordinieren wir 22 Institute der Region Südwesteuropa, von Luxembourg bis Portugal. Das bedeutet, dass viele Fragen über meinen Schreibtisch gehen und ich ein wenig wie ein Nadelöhr zwischen unserer Zentrale in München und den Instituten der Region agiere. Abgesehen davon hat Brüssel eine impulsgebende Funktion, wenn es um länderübergreifende Projekte geht, wie zum Beispiel das Projekt EUROPA-LISTE. Diese kreative Arbeit gefällt mir ganz besonders! Drittens kümmern wir uns in Brüssel natürlich um den Kontakt mit den EU-Behörden beraten, informieren und leisten Lobbyarbeit im Bereich Kultur und Bildung.

Belgieninfo: Beratung, Information, Lobby – klingt das nicht sehr trocken und eurokratisch?

Höhn: Keineswegs. In unserer Rolle als Kulturvermittler setzen wir uns besonders dafür ein, dass Europa eben nicht nur mit den Begriffen „ Verwaltung, Finanzen und Regulierungen“ assoziiert wird. Wir wollen zeigen, dass die Vielfalt der europäischen Kulturen als Stärke und Motor der Europäischen Union gesehen werden kann, als Verbindungsglied in der Krise. Dieser „emotionale“ Faktor bezüglich Europa wurde bisher viel zu wenig beachtet. Das wollen wir ändern.

Belgieninfo: Könnte es sein, dass Sie als weibliche Führungskraft ein besseres Gespür für emotionale Politik haben als Ihre männlichen Kollegen?

Höhn: Das würde ich so nicht sagen, in erster Linie geht es um gute oder schlechte Führung, und das hängt nicht vom Geschlecht ab. Als Frau hat man eventuell eine intuitivere Herangehensweise, legt viel Gewicht auf Vernetzung und Teamarbeit. Für mich bildet immer das Menschliche und Emotionale das Fundament, egal, ob es um die Mitarbeiter geht oder um Großprojekte.

Belgieninfo: Wie kamen Sie eigentlich ursprünglich ans Goethe-Institut? War das schon immer Ihr Ziel?

Höhn: Ich gehöre zu den Kollegen, die nie vorhatten, im Goethe-Institut zu landen. Ich bin da einfach so reingerutscht. Mein erster Berufswunsch war es, Ärztin zu werden, wegen der Nähe zu den Menschen. Dann habe ich mich für ein Studium der Romanistik und Germanistik entschieden, orientierte mich in Richtung Journalismus. Mein Studium habe ich mir mit Jobs beim Goethe-Institut München verdient. Und so langsam habe ich Lunte gerochen und bin dabei geblieben und habe es nie bereut. Ich bin eine Nomadin und mir gefällt der Wechsel alle fünf Jahre. Ich habe in sehr verschiedenen Bereichen gearbeitet, von der Presse und Öffentlichkeitsarbeit über die Institutsleitung in Jerusalem bis zur Länderdirektion in Italien.

Belgieninfo: Viele unserer Leser sind Deutsche, die aus beruflichen Gründen nach Brüssel kommen. Was würden Sie einem Neuankömmling in Belgien raten?

Höhn: Zu allererst würde ich meine herzlichsten Glückwünsche aussprechen, dass er oder sie in diesem Land gelandet ist. Ansonsten kann ich nur empfehlen, Belgien mit offenen Augen zu erkunden. Expats neigen dazu, sich nur im Europaviertel aufzuhalten, weshalb Brüssel völlig zu Unrecht als graue und überteuerte Stadt angesehen wird. Für mich ist Belgien das Land der positiven Überraschungen; ein Land mit einem ganz besonderen Charme, gerade deswegen, weil nicht alles perfekt ist.

Interview: Corinna Mayer, Foto: Daniela Zedda

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