Bekenntnis und Glaubwürdigkeit

Feierstunden, Kranzniederlegungen und Paraden prägten das Wochenende, an dem vielerorts an das Ende des 2. Weltkrieges vor 70 Jahren erinnert wurde. Die Zahl der Veteranen nimmt ab, und nicht nur in Russland wird das Gedenken an millionenfachen Tod, Unfreiheit und Hybris überlagert von neuen Ansprüchen, Verdrehungen, von neuer Pracht und Geltungswillen. Was für eine günstiger Augenblick für historisierende Trittbrettfahrer! Der Familienstreit im Hause Le Pen samt Holocaust-Verneinung des alten Herrn lieferte dazu live die TV-Serienshow fürs Publikum.

Einer der flämisch-nationalistischen Wortführer hat die wohlfeile Möglichkeit erspäht, eigene Fehler und Versäumnisse zu bekennen, Abbitte zu tun und und damit auf Zuspruch für Mut und Offenheit auch beim politischen Gegner zu hoffen. „Ich bin der Vorsitzende einer flämisch-nationalistischen Partei“, sagte Antwerpens Bürgermeister und N-VA-Chef Bart de Wever. „Im Blick auf die Vergangenheit kann niemand bestreiten, dass unsere Bewegung sich der Besatzungsmacht massenweise durch Kollaboration genähert hat. Das ist die dunkle Seite unserer Geschichte, der Geschichte des flämischen Nationalismus.“ Und außerdem: „Der Nazismus und die Shoah waren kriminelle Irrtümer…“ Irrtümer.

Der französischsprachige „Le Soir“ bekundet dem Mann zu seinen Worten „Respekt“.

Das flämische Blatt „De Morgen“ spricht von De Wever als einem „großen Politiker“.

Nein, Kollegen, solche Meinungen teilen wir nicht.

Wir wissen schon seit langem, dass der Großvater von De Wever belgischer Nazi war; dafür ist der Enkel nicht verantwortlich. Überall in Belgien gab es Anhänger des deutschen Führers und seines Rassenwahns, Juden wurden deportiert, viele Familien waren gespalten und nach Kriegsende liefen Prozesse, bei denen das Recht missachtet wurde. Das ist alles Geschichte, und die N-VA hat diese Fakten stets kleingeredet.

Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft Antwerpens haben jetzt Bart De Wever das Mikrophon überlassen. Sie werden ihre Gründe gehabt haben.

Doch sollen wir loben, dass dieser Politiker, der noch am 28. Oktober 2007 der Entschuldigung – widersprach, die sein Vorgänger als Bürgermeister, Patrick Janssens, wegen flämisch-deutscher Kollaboration gegenüber den Juden Antwerpens aussprach, heute scheinheilig schuldbewusst Parteiwerbung betreibt? Haben nicht die flämischen Minister Jambon und Francken Kollaboration beschönigt, und hat De Wever dazu nicht geschwiegen? Er hat sich jedenfalls lange, zu lange Zeit gelassen, um die Ewiggestrigen in seiner Partei zu ihrer Vergangenheitsbewältigung zu führen. Von der N-VA wird inzwischen gesagt, dass sie an Ansehen und Zuspruch in der belgischen Bevölkerung verliere. De Wever nutzte schlau den Zeitpunkt, um gegenzuhalten.

Selbstkritik

Der alte Spötter Wilhelm Busch hätte für Bart de Wever den richtigen Spruch gehabt:

Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
So hab‘ ich erstens den Gewinn,
Daß ich so hübsch bescheiden bin;

Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit…

Und so ist es gekommen. „Le Soir“ bewertet De Wevers Vortrag vor jüdischem Publikum mit den Worten: „Das alles ehrt die Person, lässt den Politiker wachsen und macht seine Partei respektabler.“

Rudolf Wagner

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