Baudelaires belgische Hohlköpfe

Von Margaretha Mazura.

Acht Tage nach seinem 150. Todestag eröffnete das Museum der Stadt Brüssel auf der Grand’ Place seine Ausstellung Baudelaire >< Bruxelles. Baudelaires Stadt- und Bewohnerbeschimpfungen erinnern an Thomas Bernhards Österreich-Tiraden. Hier werden sie zum Aufhänger, um den Zuschauer ein Bild von Brüssel um 1860 zu geben.

Brüssels Unterstadt zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatte nur die Grand’Place gemeinsam mit dem Zentrum, das wir heute kennen. Die Senne floss als schmutzig-braune Lethe durch die Stadt, deren enge Gassen und mittelalterlichen Gebäude keine Hygienevorrichtungen kannten. Brüssel stand da nicht allein: Paris, Wien, alle hatten zu dicht besiedelte Zentren, bevor die urbanen Reformen mit lichten, breiten Chausseen und unterirdischen Abwässerkanälen aus ihnen moderne Städte machten.

Schwarze Seife

Brüssel riecht nach schwarzer Seife. Die Hotelzimmer riechen nach schwarzer Seife. Die Betten riechen nach schwarzer Seife” schreibt Beaudelaire und kommt zu dem Schluss: “Armes Belgien. Immer, überall Exkremente und pissende Hunde”. Frauen, Hunde, Leopold I, die Senne, Schmutz und die Brüsseler selbst, alle beschimpft er, alle beschreibt er mit seiner giftsprühenden Eloquenz.

Charles Baudelaire (1821-1867), Enfant terrible der französischen Literatur, hatte genug von Paris: wegen seiner “Blumen des Bösen”, einem symbolistischen Gedichtband mit erotischem Einschlag, vor Gericht gebracht, wurde er des Verstosses gegen die religiöse und öffentliche Moral und die guten Sitten angeklagt. Sechs seiner Gedichte mussten aus dem Band entfernt werden. Baudelaire empfand dies als einen Affront gegen ihn als Künstler. 1862 bewarb er sich um Aufnahme als Mitglied der Académie Française, der eminenten Institution der französischen Sprache. Niemand stimmte für ihn. Am 24. April 1864 kehrte er Paris (und seinen Gläubigern) den Rücken und reiste nach Brüssel.

Zwei Jahre im Zimmer 39 

Aber auch hier ging es ihm nicht besser. Kaum bekannt, brach er eine Serie von Vorträgen vorzeitig ab, fand keinen Verleger für seine Werke und liess seinen Frust in Verbalattacken gegen Brüssel und die “belgischen Hohlköpfe und Affen” aus. Er bleibt aber, gesundheitlich stark angegriffen von früheren Opium-Exzessen und Medikamenten, mehr als zwei Jahre: im Zimmer 39 des Hotel du Grand Miroir, rue de la Montagne 30-32, wo er als „Monsieur Charles“ das Mittagessen einnahm. Das Hotel wurde 1959 abgerissen.

Die Ausstellung ist nicht als masochistische Selbstanprangerung gedacht, sondern nimmt die ätzenden, bösartigen Aussagen Baudelaires zum Anlass, einen Blick auf das unbekannte Brüssel von 1860 zu zeigen, wie Isabelle Douillet-de Pange, Kuratorin der Städtischen Museen, erklärt. “Das Konzept zeigt Brüssel vor der Überdachung der Senne, vor dem Bau des Justizpalastes, vor der Verbreiterung der Gassen zu Prachtstrassen“. Begleitet von den Worten Baudelaires, die nicht schmeicheln, aber das Lokalkolorit der Zeit treffend vergegenwärtigen. Isabelle de Borchgrave, Papierkünstlerin aus Belgien, hat für die Ausstellung eine lebensgrosse Silhouette des Dichters geschaffen, die mit mehr als 200 Ausstellungsstücken und Fotos aus der Zeit, auch die des Baudelaire-Freundes Nadar, die Besucher in eine vergangene Epoche entführen.

Praktische Information:

Bis 11. März 2018 im Musée de la Ville de Bruxelles (Grand’Place).

 

Di bis So 10 – 17 Uhr

Eintritt: 8 EUR (und diverse Ermässigungen)

Museum Night Fever: Samstag, 3. März 2018, Gesamtlesung der Fleurs du Mal (auf Französisch)

Webseite (EN, FR oder NL): http://www.brusselscitymuseum.brussels/

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