Ratgeber, Wanderungen

Bahnwanderland Belgien: Siebenmal die Maas

 

 Von Reinhard Boest

Schwerpunkt in der neuen Belgieninfo-Kategorie „Wanderungen“ waren in den vergangenen Wochen Tourenvorschläge rund um Brüssel. Es gibt aber natürlich in ganz Belgien zahllose Möglichkeiten, sich Natur, Landschaft und andere Sehenswürdigkeiten zu Fuß zu erschließen. Von „flach“ bis „bergig“ ist für jeden Geschmack und jede Kondition etwas dabei. Auch für Touren etwas abseits von Brüssel braucht man für die Anreise nicht unbedingt das Auto; die Bahn kann durchaus attraktiv sein. Das belgische Bahnnetz ist vielleicht nicht mehr wie früher das dichteste der Welt, aber immer noch vergleichsweise flächendeckend. Die Züge verkehren auch am Wochenende nach einem festen Takt, und die Fahrpreise sind erschwinglich (und besonders für Senioren sogar unschlagbar billig). Ein anderer unschätzbarer Vorteil: Einkehren ist ohne Reue möglich.

Der heutige Wandervorschlag stammt aus der Broschüre „Bahnwanderland Belgien“, die im vergangenen Jahr in Belgieninfo vorgestellt wurde. Die Tour führt uns in das Tal der Maas zwischen Namur und Dinant. Sie ist zwar „nur“ knapp neun Kilometer lang, aber der Aufstieg zum Aussichtspunkt „Les 7 Meuses“ und vor allem der anschließende Abstieg haben es in sich.

Die Wanderung beginnt am Bahnhof von Godinne an der Bahnstrecke von Namur nach Dinant. Dorthin gelangt man von Brüssel mit dem Intercity stündlich ohne Umsteigen, am besten von den Bahnhöfen Brüssel-Schuman, Brüssel-Luxemburg oder Etterbeek, mit einer Fahrtzeit von 75 Minuten. Während der Fahrt kann man den schleppenden Fortgang der Bauarbeiten an der künftigen Regionalexpress-Linie nach Ottignies beobachten. In Namur kann man den Blick auf die Zitadelle genießen, und anschließend dann die eindrucksvolle Landschaft des Maastals mit seinen steil aufragenden Felswänden auf beiden Seiten.

In Godinne angekommen, nehmen wir die Unterführung unter den Gleisen und gehen am alten, langsam verfallenden Bahnhofsgebäude vorbei über die Rue de Prieuré hinunter an das Ufer der Maas. Hier geht es auf dem Uferweg nach links flussaufwärts weiter. Auf der Höhe am gegenüberliegenden Ufer sieht man neben einem Sendemast der RTBF das (Zwischen-)Ziel unserer Wanderung. Vorbei an einem alten Priorat aus dem 15./17. Jahrhundert erreicht man nach etwa einem Kilometer die Brücke von Godinne (oder Brücke von Rouillon, dem Ort gegenüber).

Es ist bereits die vierte Brücke an dieser Stelle. Die erste wurde 1907 eröffnet, weil man wegen zunehmender industrieller Aktivitäten im Tal des Flüsschens Rouillon eine feste Verbindung über den Fluss zur 1862 eröffneten Bahnlinie Namur – Dinant statt der bis dahin verkehrenden Fähre für notwendig erachtete. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde sie (wie auch andere Brücken über die Maas zwischen Yvoir und Givet) auf Drängen der französischen Armee von belgischen Truppen gesprengt, um den Vormarsch des deutschen Heeres aufzuhalten. Die 1925 fertiggestellte zweite Brücke erlitt dasselbe Schicksal im Mai 1940. In den Jahren 1948/49 wurde zum dritten Mal eine Brücke gebaut, die sich 2015 als baufällig erwies. Die heutige (vierte) Brücke ging schließlich 2018 in Betrieb.

Von unterhalb der Brücke führt ein schmaler Pfad vom Ufer hinauf auf die Brücke, auf der wir den Fluss überqueren. Gleich am Ende nehmen wir scharf links einen Fußweg hinunter zum Uferweg. Auf dem gehen wir rechts etwa 100 Meter, bevor wir ihn vor den Altglascontainern nach rechts wieder verlassen. Ab jetzt geht es bergauf. Zunächst über die vielbefahrene Maas-Talstraße (N 92) in den Chemin des Forges (eine Reminiszenz an die alte Industrie am Ort), an dessen Ende über eine Treppe an die Rue des Jardins d’Annevoie (N 932). Nach 50 Metern nehmen wir auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Rue de Marly (Wegweiser nach Arbre).

Zuvor kann man aber noch die Wassergärten von Annevoie besuchen; der Eingang befindet sich 250 Meter weiter die gleichnamige Straße hinauf. Die Gärten wurden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von Mitgliedern der Familie Montpellier angelegt, seit 1691 Besitzer des Schlosses von Annevoie und Seigneurs von Yvoir. Die Anlage kombiniert französische, italienische und englische Gartenbaustile. Für die Wasserspiele wurden die Bachläufe genutzt, mit denen bereits vorher die Schmiede betrieben wurde. Das Ensemble mit dem Schloss ist seit 1930 für Besucher geöffnet (von April bis Oktober) und steht seit 1982 unter Denkmalschutz (Eintritt 9,50 Euro).

Zurück auf der Rue de Marly folgen wir dieser für etwa 200 Meter und nehmen dann scharf rechts einen Schotterweg, der vorbei an einem modernen Fachwerkhaus parallel zum Hang bergauf bis zu einer Christusstatue führt. Jetzt geht es scharf links auf einen Waldweg, der uns über mehrere Spitzkehren nach etwa zwei Kilometern durch herrlichen Mischwald zu unserem Zwischenziel führt: dem Aussichtspunkt „Les 7 Meuses“. Durch die Spitzkehren ist der Anstieg erträglich; am Ende haben wir aber dennoch eine Höhe von etwa 175 Metern über dem Flusstal erklommen. Dementsprechend ist die Aussicht grandios. Der Blick geht flussauf über die zahlreichen Biegungen der Maas über Yvoir und Dinant Richtung Frankreich. Angeblich sieht man den Fluss dabei sieben Mal, daher der Name.

Auf der Höhe liegt das Restaurant, das man zu Beginn der Wanderung bereits von unten sehen konnte (und vielleicht erst einmal als Bausünde empfunden hat). Bei entsprechendem Wetter ist die Terrasse gut besucht, und man kann sich nach dem Aufstieg stärken. Die meisten Gäste sind wahrscheinlich nicht zu Fuß gekommen, sondern mit dem Auto über die Fahrstraße von der anderen Seite (geöffnet täglich ab 11 Uhr).

Über diese führt uns jetzt der mit einem weiß-blau-weißem Rechteck gekennzeichnete Weg zurück ins Tal. Nach hundert Metern kann man rechts nach ein paar Schritten durch den Wald von einem Startpunkt für Gleitschirmflieger noch einmal einen Blick über das Tal werfen. Die Straße geht erst allmählich, dann immer steiler bergab. Nach einer Linkskurve nehmen wir in einem spitzen Winkel rechts die Rue Bois Laiterie und dann gleich links die Rue de Messe. Diese endet in einem Wendeplatz, von dem aber ein Fußweg weiter bergab führt bis zur Kirche Sainte Trinité. Von dort geht es nach der Überquerung der Maas-Talstraße gegenüber der Tankstelle in die Rue du Rivage, über die wir an den Uferweg gelangen. Wir sind hier ziemlich genau in der Mitte zwischen Namur und Dinant. Der steile Abstieg ist wahrscheinlich anstrengender als der eher sanfte Aufstieg.

Jetzt wenden wir uns nach links und erreichen nach 300 Metern eine Schleuse. Auf der Brücke über der Staustufe geht es jetzt wieder auf das andere Ufer. Dort führt der Rad- und Fußweg noch etwa einen Kilometer an eindrucksvollen Villen vorbei am Fluss entlang, bevor es rechts zu dem schon außerhalb des Ortes liegenden Bahnhof von Lustin geht (Wegweiser). Auf dem gegenüberliegenden Ufer kann man übrigens sehen, dass Belgien nicht nur ein Bahnwanderland ist, sondern auch ein Autoland: die N 92 verläuft hier auf Betonstelzen in zwei Ebenen am Hang entlang.

Zurück nach Brüssel geht es wieder jede Stunde mit dem Intercity ohne Umsteigen.

 

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