Avantgarde-Jazz aus Gent: Keenroh

keenroh-enr043Der Flötist Daelman und der Pianist Troch – sie sind Keenroh – haben es sich auf ihre Fahnen geschrieben, beschränkt auf zwei ganz unterschiedliche Melodie- und Harmonieinstrumente das Fahrwasser der improvisierten Musik zu suchen und dazu auch andere Musiker jeweils zu einer Bootsfahrt einzuladen. 2014 gewann das Duo den  Young Jazztalent Ghent Price (gestiftet vom Gent Jazz Festival). Dies war die Voraussetzung das Duo Keenroh zum Projekt Keenroh XL zu erweitern und das vorliegende Album einzuspielen.

Mit von der Partie waren die nachstehend genannten Musiker: Bart Maris (Trumpet), Marti Melia (Clarinet & Bassclarinet), Ruben Verbruggen (Altosax & Baritonsax), der auch bei der Band Sgt Fuzzy mitwirkende Thomas Jillings (Tenorsax & Alto Clarinet), Niels Van Heertum (Euphonium). Laurens Smet (Electric Bass) und schließlich Teun Verbruggen (Drums & Electronics).

Keenroh oder was?

Teilweise spielen wie bei „Eukarist“ alle Musiker gemeinsam, teilweise auch nur drei, wie bei „Gneep“, einer überaus kurzen, nur 1.42 Minuten andauernden Improvisation mit T. Troch, L. Smet und T. Verbruggen. Bei den Stücken „Klinge“ und „Messe“ ist auch der weit über Belgien hinaus bekannte Trompeter Bart Maris dabei. Einige Titel sind auch sehr humorig und von außergewöhnlicher Schreibweise wie beispielsweise „klAACH“ und „HuiH“. Wie sollte man denn auch sonst Klangmalereien in Lautmalereien umsetzen können?

Das Cover des Albums zeigt eine liegende Figur, die vom Malduktus und der Farbpalette her durchaus von einem Mitglied des „Blauen Reiter“, eventuell sogar von Kandinsky, hätte stammen können. Allerdings spannt sich nicht so recht der Bogen zum Namen der Band. Setzt sich dieser aus „keen“ und dem deutschen Begriff “roh“ („raw“) zusammen? Auf den ersten Blick schon. Doch welche Bedeutung hat dieser Name? Dies könnten nur die beiden „Gründungsväter“ der Band aufklären.

Klong …, ein nervöses Tickticktick und ein hohes Fiepen, ein Hauch ins Atemrohr und ein dünner Flötenklang – so könnte man die ersten Takte von „Eukarist“ umschreiben. Im weiteren Verlauf verstetigen sich die Klangwellen. Hört man da gar eine Melodica oder ist es doch eine Klarinette mit Samtzauber? Der Pianist bleibt bei seinem steten Klong, Klong und nochmals Klong, derweil die Klarinette in Klangwellen darüber hinwegfliegt, und die Flöte sich verstimmt gibt. Das bildet einen durchaus starken Kontrast.  Schließt man die Augen, so taucht das Bild einer riesigen Sanddüne auf, an deren Fuß man verharrt, um zu sehen, wie der Wind mit den Sandkörnern spielt.

Gneep und …

Kurz und knapp ist „Gneep“ ausgelegt: Der Bass brummt und das Klavier wird an den Saiten gezupft. Das Schlagwerk zeigt sich sehr nervös und steht dabei dem Klavier in nichts nach. Aufruhr, Unruhe, Widerstand – das sind Begriffe, die sich beim Hören aufdrängen. Gedämpft werden die Tasten des Klaviers im weiteren Verlauf. Kurz sind die Schläge auf die Tasten. Genauso kurz ist das Schlagwerk gestimmt.

Wird mit „Doel IV“ eines der maroden Kernkraftwerke Belgiens „besungen“. Zumindest ist Doel neben Tihange momentan in aller Munde, vor allen bei den Nachbarn, die rund um Aachen leben und den Gau fürchten, derweil die belgische Atomaufsicht und die belgische Regierung abwiegeln. Werden wir also Zeuge eines musikalisch in Szene gesetzten Reaktorunglücks? Wir können es nur vermuten.

Sehr lyrisch beginnt die „Komposition“. Zu den Klavierpassagen gesellt sich ein eigenartiger Sphärenklang und das schwirrende Blech des Schlagzeugs. Seine Trompete lässt dazu Bart Maris säuseln und gedämpft krächzen. Auch eine Klarinette präsentiert ihre volle Klangpalette. Schließlich ereifert sich ein Saxofon und hebt sich von allen anderen ab.

Widt oder was?

Schnalzend meldet sich ein Saxofon und lässt das Geräusch des Öffnens und Schließens der Klappen vernehmen, wenn „klAACH“ präsentiert wird. Für kurze Momente verwandelt sich ein weiteres Saxofon in ein Didgeridoo. Ist da nicht auch das Baritonsaxofon als Mitspieler mit von der Partie?

Alle Musiker gehen bei „Widt“ gemeinsam zu Werke, wenn auch die Klangfarbe in den Händen von Klarinette und Saxofon liegt. Kurz und heftig interveniert die Trompete, die Bart Maris spielt. Gibt es da nicht auch atmosphärische Störungen? Sind wir gemeinsam mit den Musikern im Kurzwellenbereich unterwegs? Es hat die Anmutung, wenn man dem Verlauf der Improvisation folgt. Bei „Nooom“ hat Laurens Smet (Electric Bass) eine zentrale Aufgabe, während bei „Log“ wieder alle Musiker des Ensembles zur gemeinsamen Improvisation beitragen.

Aus meiner Sicht ist eine Musik, wie sie Keenroh pflegt, eher etwas für ein Livekonzert und weniger für eine Musikkonserve, die eben nicht die Interaktion der Musiker visualisieren kann. Diese Visualisierung scheint mir aber bei improvisierte Musik, die ja auch aus dem Moment geboren wird, unbedingt wichtig. Man muss halt erleben, wie die Musiker agieren und interagieren, wodurch erst eine Improvisation geboren werden kann.

Text: © ferdinand dupuis-panther

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