Kultur

Ausstellung „Phallus – Norm und Form“ im Universitätsmuseum Gent

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Von Ferdinand Dupuis-Panther

Der Penis scheint allgegenwärtig, in Höhlenzeichnungen, auf WC-Türen gekritzelt, in sozialen Medien. In wissenschaftlichen Untersuchungen wird dem männlichen Geschlechtsorgan im Vergleich zu den weiblichen Genitalien mehr Aufmerksamkeit geschenkt. In der Ausstellung „Phallus – Norm und Form“ im Genter Universitätsmuseum (GUM) richten Wissenschaftler und Künstler den Blick sozusagen nach unten und werfen die Frage auf, ob Sexspielzeuge Resultat wissenschaftlicher Untersuchungen sind. Dabei geht es in der Ausstellung nicht um „Sex sells“.

Es gibt weder Soft noch Hard Core Pornos zu sehen. Im Gegenteil: seriöse Wissenschaft trifft in der Schau auf Kunst, die sich mit dem Thema auseinandersetzt. Deshalb sind neben wissenschaftlichen Exponaten auch Kunstwerke der Belgierinnen Berlinde de Bruyckere und Murielle Scherre, der kolumbianisch-australischen Künstlerin Maria Fernanda Cardoso, der Briten David Hockney und Grayson Perry, des Amerikaners Man Ray und des Schweizers Jean Tinguely zu sehen.

Die Ausstellung wirft die Frage nach der Penislänge und danach auf, welche Größe im erigierten Zustand denn „normal“ sei. Was in der Ausstellung, die sich gemäß dem Titel dem „besten Stück des Mannes“ widmet, allerdings auch zur Diskussion gestellt wird, ist die Frage nach der Vulva, also dem weiblichen Geschlechtsteil, dessen Untersuchung in der Wissenschaft bis heute als eher nachrangig angesehen wird. Die Ausstellung steuert ein wenig dagegen. GUM-Direktor Marjan Doom erläutert: „Er sind mehr Vulvas zu sehen, als man das wohl erwartet. Und die Klitoris auch. Deren wissenschaftliche Untersuchung hat erst überaus spät begonnen. 2005 haben australische Wissenschaftler erstmals die Anatomie von Vulva und Klitoris untersucht, auch wenn es zuvor schon derartige Schritte gegeben hat, die aber offiziell nicht zur Kenntnis genommen wurden.“

Das Modell des sogenannten Muskelmanns aus dem Universitätsmuseum Groningen ist ein Blickfang in der Ausstellung. Dieses anatomische Modell eines Mannes geht auf den französischen Arzt Louis Auzoux (1797–1880) zurück und wurde aus Pappmaché geschaffen. Auffallend ist der erigierte Penis, auf den der Mann blickt. Ansonsten entspricht die Figur einer antiken Skulptur, wenn auch nicht aus Marmor.

Beim Anblick des Muskelmannes scheint das Thema die Größe des Penis zu sein. Doch dass es die Form ist, die wichtig ist, unterstreicht Maria Fernanda Cardoso, die die Fortpflanzungsorgane von tasmanischen Weberknechten auf menschliche Maße gebracht hat und in Reagenzgläser platziert: „Es ist die Form und nicht die Größe, die zählt“ nennt sie ihre Arbeit. Dabei ist schon beeindruckend, in welcher Vielfalt bei diesem Spinnentier Fortpflanzungsorgane ausgebildet sind.

Und auch der Penisknochen wird thematisiert. Dem Menschen ist er verloren gegangen. Hunde, Rotfüchse, Tiger und Löwen besitzen Penisknochen. Einige Exponate widmen sich diesem Thema, so das Plastinat des Urogenitaltrakts eines Hundes und ein präparierter Flughund. Zu sehen ist auch das Feuchtpräparat eines Weißgefleckten Glatthais mit seiner knorpligen Verlängerung der Bauchflosse, sogenannten Klaspern. Beim Paaren penetrieren ein oder zwei Klaspern die Kloake des weiblichen Hais. Über die tiefen Rillen im Klasper bringt der männliche Hai sein Sperma in die Kloake ein, liest man es in der Erläuterung zum Exponat. Übrigens: auch das Walross hat einen leicht gedrehten Penisknochen, der an eine Ahle erinnert und 60 cm lang ist.

Zur Frage der Norm wird in der sehenswerten Schau unter anderem auf die Roca Sammlung (1860–1935) verwiesen. Die Sammlung enthält Präparate und Abbildungen der menschlichen Anatomie sowie Darstellungen von Missbildungen und von durch Syphilis oder Alkoholismus verursachten Krankheitsbildern.Und was ist sonst zu sehen? Eine „Galerie“ von 33 unterschiedlichen Penissen, die das Ergebnis einer Studie von 2015 sind, bei der 75 Frauen nach der idealen Penisform für erfüllten Sex gefragt wurden. Blaue Tast-Phalli geben einen Einblick in das Befragungsergebnis, auch wenn den ausgestellten Geschlechtsteile die anatomischen Details fehlen. Nur auf Dicke/Umfang und Länge kam es an. Aber auch die Klitoris hat in der Ausstellung ihren Platz. Entsprechende Scans verhalfen zu einer 3D-Darstellung, die auch deutlich macht, dass die Klitoris nicht ein Mini-Penis ist, sondern viel mehr.

Der wissenschaftliche Diskurs wird durch künstlerische Interventionen durchbrochen: Zu nennen ist unter anderen der aus Fribourg/Schweiz stammende Jean Tinguely, der eine Vorzeichnung für seine „La Vittoria“ anfertigte. Nur diese Radierung ist in der sehenswerten Schau zu sehen, nicht die gigantische goldfarbene Konstruktion, die nicht eine Siegesgöttin darstellt, sondern einen Riesenphallus. Dieser wurde 1970 vor dem Mailänder Dom enthüllt. Gedacht als Spektakelmaschine ging der Riesenpenis alsbald in Rauch und Feuerwerk auf.

Von Berlinde De Bruyckere stammt „Palindroom“ (2019). Bei der Skulptur aus Wachs, Eisen, Textil, Leder und Epoxidharz handelt es sich um eine Phantom-Stute, eine Attrappe für die Gewinnung von Hengstsperma zur künstlichen Besamung. Zu sehen sind auch die Läsionen, die die wilden Hengstsprünge hinterlassen haben.

Die Ausstellung ist bis zum 16. April 2023 zu sehen: GUM, Gents Universiteits Museum, Ledeganckstraat 35, 9000 Gent; https://www.gum.gent/nl

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