Auf den Spuren der neunten Kunst in Brüssel

Von Helena Smendek.

Unsere Autorin erlebte ein besonderes Praktikum in Brüssel unter Corona-Bedingungen und berichtet hier von ihren Bemühungen, trotzdem etwas Kultur zu tanken.

Studieren oder arbeiten in einer aufregenden, multikulturellen Stadt wie Brüssel ist eine großartige Erfahrung. In Zeiten einer globalen Krise ist es jedoch schwer, von der Vielfalt und den Möglichkeiten, die die EU- Hauptstadt bietet, vollständig profitieren zu können. Der Arbeitsalltag, sowie die Optionen zur Freizeitgestaltung waren extrem eingeschränkt. Ich versuchte daher, Brüssel von seiner ganz ursprünglichen Seite zu entdecken und stieß auf etwas, das ich die ganze Zeit direkt vor der Nase hatte: den Comic- Strip Walk.

Ich hatte eine Praktikumsstelle in Brüssel ergattert und freute mich darauf viele andere junge Menschen aus der ganzen Welt kennenzulernen und Kontakte zu knüpfen. Mitnehmen was geht: das waren mein Ziel, als ich neu in die Stadt kam. Doch es kam anders. Schon nach meinen ersten Wochen in Brüssel zeichnete sich ab, dass dies kein normales Auslandspraktikum sein würde. Mit Corona wurde die Freiheit des einzelnen ist zum Schutze der Allgemeinheit stark eingeschränkt. Nach und nach schlossen Kultureinrichtungen, Bars, Kinos und Restaurants. Und ich stand vor der Frage: Was kann ich tun, um trotzdem bestmöglich von meinem Aufenthalt in Brüssel und Belgien zu profitieren?

Die Comic- Hauptstadt

Wer mit den Schlümpfen, Lucky Luke und Tim und Struppi aufgewachsen ist, wird wissen: Brüssel ist auch die Hauptstadt der Comics. Spätestens bei einem kleinen Spaziergang durch die Innenstadt dürfte klar sein, dass der Comic zum Kulturgut Stadt gehört. Die sogenannte neunte Kunst, ist in Brüssel an jeder Ecke zu finden: ob Comic-Shops, das Centre Belge de la Bande Dessinée oder das alljährlich im September stattfindende Fête de la BD. Doch das ist noch lange nicht alles: Hergé, Peyo oder Franquin, Schöpfer bekannter Kindheitshelden, haben ihre Figuren an den Häuserwänden und Fassaden der Brüsseler Innenstadt verewigt. Und so bietet der „Comic Strip Walk“ eine Corona- sichere Alternative des Erlebens Brüssels als Comic- Hauptstadt. Bei meinen Recherchen über den Walk stieß ich auf Folgendes: mehr als 50 Bilder gibt es auf der Route zu entdecken, für die man insgesamt ungefähr 2 ½ Stunden braucht. Zur Orientierung kann man ein kleines Heft von visit.brussels oder eine App nutzen, um einen geeigneten Weg zu finden und die Malereien mit ein paar Freunden, natürlich in einer Corona- konformen Gruppengröße, zu erkunden.

Reise in die Kindheit

Ich wohnte in einer relativ zentrumsnahen WG und hatte schon bei meiner Ankunft die bemalten Fassaden und Häuserwände gesehen. Zwei Gebäude neben unserem prangte die erste Comicfigur. Nach einigen Tagen entdecke ich außerdem Le Chat, Léonard und die Figuren aus Passe-moi l’ciel, die mich auf meinem täglichen Arbeitsweg begleiteten. Ich war zwar persönlich nie der allergrößte Comic-Fan, kenne ein paar Figuren, habe als Kind ein bis zweimal in einen Comic hineingeschaut und war daher überrascht, wie viel ich wiedererkannt habe. Nach einer Weile wollte ich mehr von den Bildern sehen, nahm sogar extra deshalb andere Wege zur Arbeit und informierte mich über die Hintergründe und Geschichten einiger Figuren, die mich besonders faszinierten.

Ich frage mich, ob ich mir in einer anderen Situation wirklich die Zeit genommen hätte, mir den Parcours genauer anzusehen und mich damit intensiver auseinanderzusetzen.

Wer also mit offenen Augen durch die Welt läuft, stellt fest, dass Brüssel uns in Zeiten einer globalen Krise dazu einlädt, seine Fassaden zu bestaunen und zu lernen, die kleinen Dinge, die wir meist bereits direkt vor der Nase haben, wieder wertzuschätzen. Oder um es in den Worten von Hergé, dem Schöpfer von Tim und Struppi, auszudrücken: „La rue est une musée pour tous!“.

 

Fotos: Helena Smendek

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