Atomstrom kraftlos?

Von Rainer Lütkehus.

In Belgien werden die Sorgen über einen Stromengpass im Winter immer größer. Vor allem im November kann es zu Stromausfällen kommen . Das hat der belgische Strom-Übertragungsnetzbetreiber Elia errechnet. Grund ist, dass mehrere Atommeiler ausfallen. Im November ist nur einer der sieben Atommeiler in Betrieb.

Die AKWs Tihange 2, Tihange 3 (86 km südwestlich von Aachen) und Doel 4 (bei Antwerpen) haben mit Betonproblemen zu kämpfen und sind deswegen bis ins kommende Jahr stillgelegt worden. Tihange 1 wird im Oktober gewartet, Doel 1 und Doel 2 sind schon länger außer Betrieb, sodass zwischen dem 20. Oktober und dem 28. November nur der Reaktor Doel 3 bei Antwerpen im Einsatz sein wird.

Deshalb versucht Elia, alle inländischen Erzeugungskapazitäten zusammenzukratzen. Die belgische Energieministerin Marie Christine Marghem beschuldigt den französisch-belgischen Konzern Engie Electrabel für die wie vom Himmel gefallene kritische Versorgungslage. Dessen Planungen und Kommunikationspolitik seien mangelhaft, sagte sie auf einer Anhörung im belgischen Föderalparlament. Auf ihren Druck habe der Stromversorger 750 Megawatt (MW) als Reserve mobilisieren können. 250 MW habe Engie Electrabel durch die Nutzung eines stillgelegten Gaskraftwerks in Vilvoorde bei Brüssel, 100 MW durch die Erhöhung der Generation von laufenden Gaskraftwerken, 200 MW durch die Inbetriebnahme von Unterstützungsanlagen und 200 MW durch Flexibilität bei Verbrauchern, d.h. Unterbrechung der Stromversorgung für die stromverbrauchende Industrie bei Spitzenlasten, aufbringen können.

Nachbarn signalisieren Winter-Hilfe

Aber nach Berechnungen von Elia reichen die 750 MW nicht. Es würden noch weitere 1000 MW fehlen, was der Kapazität eines Atommeilers entspricht. Die belgische Energieministerin hat die Nachbarländer um Hilfe gebeten: „Kollege Peter Altmeier hat mir für Deutschland bescheinigt, dass es keine Probleme gebe, und auch die Niederlande sind bereit“ sagte sie im Föderalparlament.

Frankreich will bis zu 1.000 MW Netzkapazität für den Stromtransport nach Belgien bereithalten. Deutschland hat zwar keine direkte Verbindung zum belgischen Strommarkt, will aber über den europäischen Strommarkt zusätzliche Strommengen zur Verfügung stellen. „Zusätzlich wird geprüft, ob gegebenenfalls die Versorgung Belgiens durch zusätzliche Maßnahmen unterstützt werden kann“, teilte das Bundeswirtschaftsministerium auf Anfrage mit, ohne aber weitere Details zu nennen.

Belgien ist ohnehin Nettoimporteur von Strom. Importstrom bezieht es physisch aus Frankreich, den Niederlanden und Luxemburg und die brauchen eigentlich ihren Strom im Winter selbst.

Der Stromnetzbetreiber Elia und der Stromversorger Engie-Electrabel schieben sich gegenseitig die Schuld für die drohenden Stromausfälle zu. Geschädigt sind jedenfalls die Verbraucher. Sie werden wegen der Stromknappheit höhere Strompreise zahlen müssen, und zwar noch dieses Jahr, wenn sie mit ihrem Versorger eine Vertrag mit variablen Tarifen abgeschlossen haben. 63 Prozent der Belgier haben einen festen Energiepreis. Sie sind bis zum Ablauf ihres Vertrages gegen Preiserhöhungen geschützt, danach wird der Tarif den hohen Preisen an den Strombörsen angepasst. Den eigenen Verlust aufgrund der Nichtverfügbarkeit der Kernkraftwerke beziffert Engie-Electrabel auf 600 Millionen Euro. Die Verbraucher beim einem Stromausfall entschädigen will er nicht. Der Stromnetzbetreiber Elia schätzt die gesellschaftlichen Kosten einer unangekündigten Unterbrechung der Stromzufuhr in ganz Belgien auf 126 Millionen Euro pro Stunde.

Halten Sie, lieber Leser, im Winter vorsichtshalber Kerzen bereit.

Die sieben Atommeiler Belgien haben eine Nettoleistung 5824 MW und können rund 50 Prozent der inländischen Stromnachfrage decken. Alle wurden im Zeiraum 1975 bis 1985 gebaut. 2025 soll kein Atommeiler mehr am Netz sein. Aber wie will Belgien bis dahin den Atomausstieg meistern, wenn es jetzt schon mit einem Meiler zu Problemen kommt?

Ein Kommentar

  1. Alfons van Compernolle schreibt:

    Es kann doch nicht ernsthaft verwundern, dass nunmehr die Moeglichkeit des zeitweiligen Ausfalls der Energiebelieferung enorm gestiegen ist !!!!! Die Probleme um und mit den Belgischen AKW’s sind doch mindestens seit 10 Jahren bekannt! Anstatt aber konsequent und mit erheblich mehr finanziellen Aufwand in schon lange bestehenden neuen technischen Moeglichkeiten zur Energiegewinnung zu investieren , wurde auch nur halbherzige Flickschusterei an den alten immer wieder defekten AKW’s betrieben.
    Wir haben REGIERUNGEN in Belgien, die dem industriellen Lobbyistentum verfallen sind mit positiven Resultaten in der Gesangskunst : Unter der Regie der Energieindustrie wurde mehr als nur meisterhaft der alte Abba-Song „Mony-Mony-Mony“ einstudiert !
    Und heute ist es soweit auch die Gesangsverstaerker werden in absehbarer Zeit womoeglich der notwendige Saft ausgehen. Aber ich bin mir sicher , dass den Regierungs-Gesangsvereinigungen eine Notstromversorgung zur Verfuegung steht !
    Die Regierung Michel haette sich am besten von „unabhaengigen Ingenieuren“ beraten lassen, als dem Lobbyistenchor mit ausgelegten roten Teppich zu folgen! Anbei gesagt unsere Vlaamse Regierung ist da nicht besser , nur das unsere flaemische Regierung an Stimmbruch leidet.

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