Als Augenzeuge beim Mauerfall: Trabbis, Freibier, Menschenmassen

Mauer1In der Nacht vom 9. auf 10. November 1989 fiel die Mauer. Belgieninfo-Redakteur Jan Kurlemann, damals Vertreter des Europäischen Parlaments in Bonn, war zufällig auf Dienstreise in Berlin. Er betreute den Rechtsausschuss des Europäischen Parlaments, der zu einer dreitägigen Sitzung im Reichstag zusammengetreten war. So war er dabei, als sich Ost und West in Berlin in den Armen lagen. Ein Augenzeugenbericht, 25 Jahre danach.

Da ist sie wieder, die Erinnerung an die Nacht vom neunten auf den zehnten November 1989. Ein völlig verstopfter Berliner Kurfürstendamm; Sekt fließt über Trabbis, die dicht an dicht stehen, wildfremde Menschen liegen sich in den Armen und herzen und küssen sich. Und vom Zweitaktöl der Motoren riecht die Luft wie in Ostberlin. Das alles bei feuchtem, nasskaltem Wetter mit Temperaturen um den Gefrierpunkt.

Eine Pilsstube in einer Seitenstraße des Kudamms blieb die ganze Nacht offen. Die angezapften Pilse standen vor Kühlschlangen in einem Wandregal und warteten darauf, voll gezapft zu werden. Dazu ab und an ein Korn oder ein Aquavit – wegen der Kälte. “Ost oder West?“ fragte die Wirtin. War es Ost, so kostete das Pils nichts. Freibier. „Wir wollten mal kieken“, sagten ein paar Müllmänner aus Berlin-Mitte, und sie tranken gerne das Pils.

Der Zufall wollte es, dass ich auf Dienstreise in Berlin war. Ich betreute nämlich den Rechtsausschuss des Europäischen Parlaments, der zu einer dreitägigen Sitzung im Reichstagsgebäude nahe an der Mauer und dem Brandenburger Tor zusammengetreten war. Das durfte er, denn Berlin (West) war Teil der Europäischen Union – mit allen Pflichten und auch Rechten. Andere, vor allem junge Leute, machten sich aus vielen Ländern auf den Weg nach Berlin, um die offene Mauer zu sehen und mit zu feiern.

Mauer2Vom Aussichtsturm ein „Blick in den Osten“

Nur unter großen Mühen gelangte man am nächsten Morgen zum Reichstagsgebäude. Alle Straßen waren verstopft. Auf der Mauer saßen junge Leute, einige tanzten sogar, unter den misstrauischen Blicken der Grenzsoldaten der DDR. Für Journalisten war ein Aussichtsturm an der Mauer reserviert für den „Blick in den Osten“, und sie drängelten sich um die Wette.

Die Europaabgeordneten ließen die Tagesordnung Tagesordnung sein. Sie verabschiedeten stattdessen eine Entschließung, in der sie den Fall der Mauer begrüßten und forderten die Öffnung des Eisernen Vorhangs auf der ganzen Länge. Kein Medium hat die Entschließung aufgegriffen. Schließlich hatten sich andere zum Thema geäußert, die man für wichtiger hielt.

Eine ganze Stadt im Stau

Mauer3Was für ein Drama, wieder vom Reichstag weg zu kommen! Kein Durchkommen für Taxen oder Busse. Im Gänsemarsch schritten die Parlamentarier hinter mir an der Autoschlange entlang, bis wir endlich an eine Busspur kamen, die gesetzestreue Autofahrer frei gelassen hatten. Mit dem Bus ging es zur U- oder S-Bahn und dann zu den Flugplätzen in Tegel und Tempelhof.

Es irrt sich, wer glaubt, in der Nacht der Maueröffnung sei es zugegangen wie im rheinischen Karneval – mit Gesängen und überschäumender Fröhlichkeit. Unterschwellig spürte man die bange Frage: Wird das halten? Was machen DDR-Grenzpolizei und die NVA? Werden sie die Mauer wieder dicht machen? Und die Rote Armee mit Hunderttausenden von Soldaten in der DDR? Zum Glück haben alle die Recht behalten, die gleich ordentlich gefeiert haben. Der Weg zur deutschen Einheit öffnete sich bald, auch wenn diese sich als schwierigeres Unternehmen entpuppte als gedacht.

Die Pilsstube gibt es übrigens schon lange nicht mehr. Aber ein Stück von der Mauer habe ich mit nach Brüssel genommen, und es wird mich immer daran erinnern: Ich war dabei.

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