Absurdes Wettrennen auf der direkten Luftlinie

Foto: Alexandre Laumonier

Von Martin Ehrenhauser.

Im Wettrennen um Zeitvorsprünge setzen Finanzspekulanten auf Mikrowellentechnik. Ein Hochhaus i​n ​Oostduinkerke wurde zum Schauplatz des absurden Wettrennens.

Wer am Finanzmarkt das Wettrennen um Rendite gewinnen möchte, der muss schneller sein als die Konkurrenz. Im Zeitalter der Automatisierung bedeutet dies vor allem Signale schneller von Rechenzentrum zu Rechenzentrum zu senden.

Und weil das verlegen von Glasfaserkabeln teuer ist und die Übertragung von Signalen durch die Luft schneller, ist das Betreiben oder Mieten von Mikrowellennetzwerke heutzutage Standard unter den automatisierten Finanzspekulanten. In ganz Europa entstand dadurch ein umfangreiches Netzwerk an Empfangs- und Sendemasten, die zwischen den Rechenzentren der Börsen und Händler Informationen via Mikrowellentechnik transportieren.

Und weil Belgien auf der direkten Luftlinie zwischen den großen Handelsplätzen in London und Frankfurt liegt, wurde ein Hochaus in Oostduinkerke zum Schauplatz des absurden Wettrennens um Millisekunden.

Im Zentrum der Geschichte steht Vigilant Global, ein kanadisches Technologieunternehmen, das Kommunikationsnetzwerke „für den globalen Finanzmarkt“ entwickelt. Sprich, Vigilant baut exklusive Datenautobahnen für Spekulanten, damit die das Wettrennen um das Geld der Sparer und Versicherungsnehmer gewinnen. Damit diese Autobahnen funktionieren, müssen in regelmäßigen Abständen Sende- und Empfangsstationen montiert werden und um den gewünschten Geschwindigkeitsvorteil erzielen zu können, sollten diese Anlagen am besten auf der direktesten Luftlinie liegen. Ein Hochhaus im belgischen Küstenort Oostduinkerke erfüllte diese Kriterien. Es war eines der höchsten ​Gebäude ​der Umgebung und lag lediglich 500 Meter abseits der idealen Luftlinie zwischen London und Frankfurt. Das Haus war damit prädestiniert für einen Mikrowellenmasten.

Um die Tauglichkeit des Daches testen zu können, mietete das Unternehmen über eine Subfirma das Appartement einer alten Dame für wenige tausend Euro. Die Wohnung lag direkt unter dem Dach und war zu dieser Zeit eine Baustelle. Ideal also, um die Dachkonstruktion zu überprüfen.

Das Haus selbst ist in fünf Sektoren unterteilt. Jeder Sektor ist dabei unabhängig und wird von einer eigenen Hausverwaltung organisiert. Wenn Vigilant nun in Sektor 4 einen Turm am Dach installieren möchte, dann müssten sie lediglich mit der Verwaltung von Sektor 4 sprechen. Bereits Anfang 2015 nahm Vigilant daher Kontakt mit dem zuständigen Verwalter von Sektor 4 auf. Die anderen Sektoren kamen nicht in Frage, weil entweder bereits Telefonmasten installiert waren, die Bewohner keinen Mast zuließen, oder weil sich am Dach eine Sauna befand. Doch um sich gegen ihre Konkurrenz abzusichern, bot Vigilant auch den restlichen Sektoren eine Zahlung an, nur damit diese es in Zukunft nicht zulassen, dass andere Unternehmen ihre Masten auf dem Dach errichten. Die offizielle Begründung lautet natürlich anders. Man wolle technische Störungen vermeiden, hieß es. Doch zum Leidwesen von Vigilant war die Antwort von Sektor 1 schnell bei der Hand. Sie bräuchten die Zahlung nicht, denn New Line Networks LLC, die Konkurrenz, hätte bereits 40.000 Euro für die Installation eines Masts geboten, deutlich mehr, als Sektor 4 für die Dachnutzung von Vigilant bekommen sollte.

Doch das war noch nicht alles. Denn der Enkel der Inhaberin der Wohnung die zu Testzwecke von Vigilant angemietet wurde, arbeitete für den holländischen Konkurrenten Optiver und wusste als Branchenkenner vom Wert der Sendemasten. Es ist Zeit, herzufinden, „wie man kassieren kann. :-)“, schrieb er in einer E-Mail erfreut an einen Brüsseler Blogger, der die gesamte Geschichte veröffentlichte (HFT IN THE BANANA LAND).

Und während Vigilant noch mit ihrem Sektor verhandelte, hatte New Line Networks bereits die Genehmigung der lokalen Behörden für die Errichtung des Mastens erhalten und das absurde Wettrennen um wenige Millisekunden vorerst für sich entschieden.

Trösten kann​​ Vigilant dabei wohl nur die Aussicht, dass sie ohnehin bald keinen Mikrowellenmasten mehr benötigen. Denn manche Spekulanten träumen bereits davon, wie sie mit Solar betrieben Drohnen als Netzwerkstationen über dem Meer agieren. Das Hochhaus in Oostduinkerke wäre damit ​wieder ​bedeutungslos für die Spekulanten.

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Ein Kommentar

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