Das Haus der Europäischen Geschichte ist eröffnet

Von Tom Weingärtner.

Eigentlich sollte das Haus der Europäischen Geschichte schon 2014 fertig sein – einhundert Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges. Das hätte sich Hans-Gert Pöttering gewünscht, der 2007 die Idee hatte, „einen Ort zu schaffen, der unsere gemeinsame europäische Geschichte erzählt“, einen „Ort der Erinnerung und der Zukunft, der nicht national, sondern europäisch gedacht, konzipiert und verwirklicht wird“. Diese Aufgabe, da ist sich Pöttering sicher, kann das neue Museum im Brüsseler Parc Leopold trotz der Verspätung erfüllen.

56 Mio. Euro hat das Europäische Parlament in das Projekt investiert. 31 Millionen Euro haben die Architekten aus Deutschland und Frankreich für den Umbau des Eastman Building verbraucht, einer ehemaligen Zahnklinik im Art-Deco-Stil aus den 30ger Jahren. Es wurde restauriert und erweitert. Ein Aufbau ermöglicht dem Besucher einen grandiosen Blick auf die umliegenden Gebäude der europäischen Institutionen – ist von außen aber kein Gewinn für die restaurierte Fassade. Insgesamt stehen 4000 Quadratmeter Ausstellungsfläche zur Verfügung. Für die Ausstellung gab das Parlament 25 Millionen Euro aus, weitere 7 Millionen stehen für die laufenden Kosten des Hauses der Europäischen Geschichte zur Verfügung.

Gemessen an der Aufgabe sind 4000 Quadratmeter Ausstellungsfläche nicht viel. Die acht Kuratoren unter Vorsitz des polnischen Historikers Wlodzimierz Borodziej haben sich deswegen für eine Kurzversion der europäischen Geschichte entschieden: „Wir haben uns auf Ereignisse beschränkt, die typisch europäisch und für die Entwicklung des gesamten Kontinents relevant sind“, sagt die wissenschaftliche Koordinatorin des Projektes, Andrea Mork. Dafür verfügen die Ausstellungsmacher über 1500 Objekte von 220 Leihgebern.

Frauenraub – ein guter Einstieg?

Empfangen wird der Besucher, wenig originell, vom Mythos der phönizischen Prinzessin Europa, die der Legende nach von dem als Stier getarnten Göttervater Zeus auf die griechische Insel Kreta entführt wurde. Die Frage, ob der Frauenraub bei den Nachbarn ein guter Einstieg in die europäische Geschichte sein konnte, wird hier nicht gestellt.

Schon kurz darauf steht man vor einer großen Leinwand, auf der im Zeitraffer und zu den Klängen von Beethovens „Ode an die Freude“ das 19. Jahrhundert an einem vorüberzieht: Marianne stürmt mit entblößter Brust gegen die Tyrannei des französischen Adels, Napoleon unterwirft den Kontinent, Karl Marx verkündet das kommunistische Manifest. Eine Kopie der berühmten Streitschrift, eine britische Leihgabe, liegt daneben in einer Vitrine. Das 19. Jahrhundert ist das Zeitalter der größten Machtentfaltung Europas: die Kolonialmächte kontrollieren die Weltmeere, die Rohstoffvorkommen und Handelswege. Die industrielle Revolution, der Glaube an den technischen Fortschritt machen den Kontinent zur Avantgarde eines neuen Zeitalters. Das belgische „Triptichon der Metallurgie“(eine Leihgabe des FGTB) soll das belegen.

Der Fortschritt hat jedoch auch seine Schattenseiten. Er trägt zu den Katastrophen des ersten und des zweiten Weltkrieges bei. Die neue Wirtschaftskraft führt zu einer bis dahin ungekannten Vernichtung von Menschen und Material. Nach dem ersten Weltkrieg entsteht eine neue politische Ordnung in Europa, neben den alten und neuen Demokratien geben Diktatoren wie Stalin und später Hitler den Ton an.

Qualität der Exponate

Die Ausstellungsmacher verfügen für diese Epoche nur über wenig Exponate mit starker Aussagekraft. Der Besucher bleibt gefordert, sich seine eigenen Gedanken zu machen, z.B. wenn er in einer Vitrine eine Pistole vom selben Typ betrachten kann, der für das Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand benutzt wurde, oder eine Bibel, die in den Schützengräben von einer Bombe getroffen wurde. Umgekehrt wird ziemlich deutlich, dass man zwischen dem kommunistischen und dem national-sozialistischen Totalitarismus keinen großen Unterschied machen muss.

Wesentlich besser bestückt ist der letzte Teil der Ausstellung, in dem es um den kalten Krieg und die Überwindung der Teilung des Kontinentes geht. Interessante Ton- und Bilddokumente, Möbel, Bücher und Gebrauchsgegenstände geben einen Einblick in die Zeit von 1945 bis zur jüngsten Finanzkrise.

Was wird nach dem Brexit aus den britischen Exponaten?

Die Ausstellung versucht dem normalen Bürger die wichtigsten Zusammenhänge und Entwicklungen mit grobem Strich nahezubringen, viele Exponate entfalten jedoch bei genauer Betrachtung andere Dimensionen. Die zahlreichen Leihgaben aus Großbritannien etwa werfen die Frage auf, wie lange sie dem Haus noch zur Verfügung stehen und welche Rolle das Königreich in der europäischen Geschichte spielt. Wenn es um die Nuancen der europäischen Geschichte geht, sei man sich nicht immer einig gewesen, räumt Pöttering ein. Allerdings möchte niemand öffentlich darüber streiten. Auf die Dauer wird sich das wohl nicht vermeiden lassen, wenn das Haus der Geschichte ein „Ort der Diskussion“ werden soll, wie es Parlamentspräsident Antonio Tajani formuliert. Hier müsse „die Vergangenheit bewertet werden, um die Zukunft aufzubauen“. Die Ausstellung folge deswegen auch keiner vorgegebenen Linie, sie solle dazu beitragen „Ideen zu formulieren“.

Ob im Brüsseler Eastman Building eine europäische Geschichte gezeigt wird, mit der alle leben können, muss sich erst erweisen. Dabei ist wichtig, dass die Eröffnung des Hauses der Geschichte ein Anfang ist. Oben, im letzten Stock sollen die Besucher aufschreiben, was ihnen in der Ausstellung fehlt oder nicht gefallen hat – oder warum sie die europäische Geschichte genauso sehen wie sie dort dargestellt ist.

Lesen Sie dazu auch einen Kommentar von Jan Kurlemann.

Ein Kommentar

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