Die Leute

20 Jahre „Esstragon“: Durchstarten nach zwei Jahren Corona-Zwangspause

 

 

Von Reinhard Boest

Zwei Jahre Corona-bedingte Einschränkungen haben im belgischen Gastronomie-Sektor überall deutliche Spuren hinterlassen. In Brüssel traf es besonders die Catering-Unternehmen, die im Umfeld der EU-Institutionen ihr Geld verdienen. Denn deren Arbeitsmethoden änderten sich schlagartig: Home-Office statt Büropräsenz, Gremiensitzungen nur noch per Videokonferenz und praktisch keine persönlichen Treffen mehr. Und damit auch keine Veranstaltungen mehr, mit denen die zahllosen Büros und Vertretungen auf sich aufmerksam machen und für ihre Anliegen werben. Das hat sich auch in der Berichterstattung von Belgieninfo bemerkbar gemacht: eine Videokonferenz ist eben nicht dasselbe wie eine Abendveranstaltung, bei der man auf wirkliche Menschen trifft. Und für deren Erfolg es auch auf ein gutes Catering ankommt.

Dafür steht „Esstragon“ seit 2002. Vor zehn Jahren hat Belgieninfo über den zehnten Geburtstag dieses von Marika Hemme und Ulla Fenger gegründeten Unternehmens berichtet. Wie ist es seither weitergegangen, und vor allem: wie hat „Esstragon“ die Corona-Zeit überlebt?

Im Industriegebiet von Zaventem stehen immer noch die lavendelblauen Lieferwagen, und Marika Hemme sitzt auch noch im Büro – „Esstragon“ ist also noch da.

Zwei Jahre zwischen Hoffen und Bangen

„Die letzten zwei Jahre waren hart“, sagt Marika Hemme. „Am 17. März 2020 hatten wir die letzte Veranstaltung, dann war von einem Tag auf den anderen alles vorbei.“ Es begann eine lange Zeit zwischen Hoffen und Bangen.

Dabei hatte sich das Unternehmen in den Jahren davor ein ausgezeichnetes Standing in der Brüsseler Szene erarbeitet, und zwar weit über die ursprüngliche, vor allem deutschsprachige Klientel hinaus. Zwischen 2015 und 2017 war Esstragon der exklusive Catering-Partner der Ratspräsidentschaften von Lettland, Malta, Österreich und Finnland. Dass auch ein kleines Unternehmen richtig große Veranstaltungen stemmen kann, konnte „Esstragon“ etwa bei der Eröffnungsfeier der maltesischen Präsidentschaft im BOZAR beweisen. In Erinnerung bleibt auch der vor Corona letzte große Empfang des deutschen EU-Botschafters Michael Clauß zum 3. Oktober 2019 im Cinquantenaire mit über 1000 hochrangigen Gästen. „Esstragon“ hatte auch die Ausschreibungen für die Betreuung der deutschen und der portugiesischen Präsidentschaft (2020/2021) gewonnen – in denen dann aber kaum etwas stattfand. Ohnehin ist des Catering-Geschäft im EU-Umfeld in besonderer Weise saisonal geprägt. Die Veranstaltungen konzentrieren sich auf wenige Monate, vor allem im Frühjahr und Herbst. Im Sommer ist Brüssel bekanntlich mehr oder weniger geschlossen. Als im Sommer 2021 die Infektionszahlen sanken, kam kurzzeitig Hoffnung auf: ab September waren einige kleinere Veranstaltungen möglich; aber Anfang November war schon wieder alles vorbei.

Das Team bleibt, aber ändert sich

Für das Überleben am wichtigsten war, das ausgesprochen multinationale Team zusammen zu halten. „Wir sind wie eine Familie“, sagt Marika Hemme, und sie ist besonders stolz darauf, dass in den zwei Jahren nur ein Mitarbeiter den Betrieb endgültig verlassen hat. Die Kurzarbeitsregelung und die Hilfen der flämischen Regierung für die Umsatzausfälle haben geholfen. Viele Vorräte mussten aber weggeworfen werden – selbst Mineralwasser hält sich eben nicht ewig.

Die erzwungene Auszeit war jedoch auch Anlass für Veränderungen. Die beiden Gründerinnen sind zwar formell immer noch Geschäftsführerinnen, kommen jetzt aber nur noch sporadisch nach Zaventem. Ansonsten arbeiten sie von ihren neuen Wohnsitzen in Aachen und Bonn, wohin ihre Ehepartner in den letzten Jahren berufsbedingt zurückgekehrt sind.

Das neue Tandem an der Spitze bilden nun der Betriebsleiter Sven Engelmann und der neue „Chef de Cuisine“ Shakir Amirdinov.

Shakir Amirdinov kommt aus Kasachstan, ist seit über fünfzehn Jahren bei „Esstragon“ und kennt daher die manchmal recht ausgefallenen kulinarischen Vorstellungen der Kunden. Mit seiner Begeisterung für das Kochen zaubert er gemeinsam mit dem Küchen-Team noch so aufwendige oder spezielle Wünsche auf den Teller. Getreu seinem Motto: „Geht nicht – Gibt’s nicht!“.

Sven Engelmann ist seit über zehn Jahre im Unternehmen und konnte das Geschäft somit von der Pike auf kennenlernen. „In meinem ersten Leben war ich Betriebswirt, jetzt bin ich mit Leib und Seele Gastronom“, sagt er. Der Keim wurde während seiner Studentenzeit in Trier gelegt: 2001 wurde er erster Deutscher Barista-Meister und belegte bei der Weltmeisterschaft in Florida den siebten Platz. Es folgte eine Ausbildung zum Sommelier an der Deutschen Weinschule in Koblenz. Nach seinen Anfängen bei „Esstragon“ in Zaventem führte er seit 2013 das Catering im Veranstaltungszentrum „The International Auditorium Brussels“, für das „Esstragon“ die Ausschreibung gewonnen hatte. Auch dort ist seit zwei Jahren „Funkstille“, und Sven Engelmann konnte sich seiner neuen Funktion als Betriebsleiter und Kundenbetreuer bei „Esstragon“ widmen. Als „Leiter“ versteht er sich allerdings nicht, sondern als Mitglied eines Teams, in dem es auf alle ankommt.

„Geht nicht“ gibt’s nicht

Seit Anfang März 2022 gilt in Belgien die Corona-Warnstufe „gelb“, so dass auch größere Veranstaltungen wieder möglich sind. Allerdings haben sich in den letzten zwei Jahren viele Gewohnheiten in der Arbeitswelt geändert. Welche Rolle werden Home-Office und Videokonferenzen in der Zukunft spielen? Die Mitarbeiter der EU-Kommission etwa müssen nur noch zwei Tage pro Woche präsent sein. In der Folge werden wohl die Kantinen auch in Zukunft geschlossen bleiben. Es ist noch nicht klar, wie sich der Markt entwickeln wird. Aber man kann sich die Arbeit in Brüssel einfach nicht vorstellen ohne Veranstaltungen, bei denen man sich auch persönlich begegnen und austauschen kann.

„Esstragon“ ist darauf vorbereitet. Noch breiter als früher ist die Palette kulinarischer Angebote. Auch dank der multikulturellen Zusammensetzung des Teams ist für jeden Geschmack etwas dabei, von deutscher über asiatische und osteuropäische bis zur mediterrranen Küche. Vegetarische oder vegane Speisen werden häufiger nachgefragt als früher, auch Allergieverträglichkeit spielt zunehmend eine Rolle. Bei der Qualität und der Herkunft setzt Esstragon wie schon früher auf saisonale und regionale Produkte sowie auf Bio und Fair Trade.

Kunden werden fachkundig beraten, aber am Ende kommt es entscheidend auf deren Wünsche an, die sich zuweilen auch kurzfristig ändern können. Den damit verbundenen Stress hält das Team aus, nach dem Motto des Chefkochs: „Geht nicht? Gibt’s nicht.“

In dieser Woche hatte „Esstragon“ schon wieder zehn kleinere Veranstaltungen zu betreuen – noch weit weg von den früheren „Normalzeiten“ und Spitzen mit bis zu 15 Veranstaltungen – pro Tag! Es geht voran, und es heißt Daumendrücken für die nächsten zehn Jahre.

Fotos: Marika Hemme und Sven Engelmann (oben); Shakir Amirdinov und Sven Engelmann (unten)

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